Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -1 ° Schneeschauer

Navigation:
Göttinger Galerie Ahlers zeigt Arbeiten von Birgit Helmy

Goldener Käfig Göttinger Galerie Ahlers zeigt Arbeiten von Birgit Helmy

Wer die Gartenstraße entlang fährt, sieht schon von Weitem auf dem Balkon der Galerie Ahlers eine überlebensgroße Frau sitzen, die mit ihrer hellrosa Haut, dem pinkfarbenen Badeanzug und den blauen Schwimmflossen an den nackten Füßen aussieht, als würde sie demnächst den Absprung über den Rasen hinweg in die Leine wagen.

Voriger Artikel
Richard Wagners „Tannhäuser“ an der Kasseler Staatsoper
Nächster Artikel
Bayrisch-Jiddische Band „Levantino“ im Göttinger Apex

Plastik nach einem Gedicht von Elisabeth Kulmann: Birgid Helmys „Gekämpft hat meine Barke“.

Quelle: EF

Göttingen. Unter ihren Flossen hindurch betritt man die Galerie, in der sogleich eine weitere Polyester-Frau im Yogasitz auf einem Papierschrank hockt.

Viele der weiteren Exponate von menschlicher Gestalt, mal aus Ton, Terracotta oder Kunststoff mit Marmormehl sind viel kleiner und hermetisch an ihrem Aufenthaltsort gebunden, denn sie blicken hinter den schmalen Gitterstäben von Vogelkäfigen hervor. Ein nackter Lucien Freud steht als machtvoller Übervater hinter einer zum Schweigen gezwungenen, ein Baby stillenden Frau im Morgenmantel.

Männer und Frauen, mal mit einem Vorbild, mal als reine Fiktion, mal verbunden mit einer Geschichte bevölkern die Käfige und Podeste auf Wand und Boden , jemand hält krampfhaft fürsorglich einen Koffer umschlungen und baumelt dabei von der Decke. Die Figur eines Dirigenten ohne Taktstock ist in vier Positionen festgefroren, Stills wie in Zeitlupe. Unweit bahnen sich Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir ihren emanzipatorisch-existentialistischen Weg über die Fensterbank.

Was auf den ersten Blick vielleicht an die allzu menschelnden Keramikskulpturen Christel Lechners beispielsweise in Nörten-Hardenberg erinnert, erweist sich auf den zweiten Blick als witzig, absurd und abgründig, hintergründig. In die offensichtlich per Käfig oder nur im gesellschaftlichen Korsett gefangenen Personen, in ihre Statik und typisch fleischliche Verfasstheit projiziert der Betrachter unweigerlich sein Eigenes hinein.

Helmys gestische Skizzen verweisen auf Mimesis, Körper und Form. Darüberhinaus aber thematisiert und kritisiert sie in den rauen Oberflächen mit den farbigen Pigmenten auch gesellschaftliche Idealvorstellungen, soziale Beziehungen, Alltäglichkeiten, religiöse Zwänge, Verletzlichkeit, Geschlechternormativität und kollektive Unbeweglichkeiten. Kunst als Ausweg aus der Käfighaltung.

Von Tina Lüers

Die Ausstellung wird heute in der Galerie Ahlers, Düstere Straße 21 in Göttingen, um 15 Uhr eröffnet, es spricht Renate Petzinger.

Die Schau ist bis zum 1. Juni dienstags bis freitags von 10 bis 13 und von 15 bis 18 Uhr sowie sonnabends von 10 bis 13 Uhr zu sehen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag