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„Das sind Meilensteine des Jazz“

Göttinger Jazzfestival „Das sind Meilensteine des Jazz“

Vor 100 Jahren spielte die „Original Dixieland Jass Band“ die ersten Jazz-Aufnahmen der Geschichte ein. Die New Orleans Hot Peppers feiern das am Freitag, 10. November, beim Göttinger Jazzfestival. Über die historischen Aufnahmen hat Claus Jacobi, Altsaxofonist der Peppers, gesprochen.

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New Orleans gilt als Heimat des Jazz, hier ein Umzug zu Ehren von Fats Domino.

Quelle: ap

Göttingen. Claus Jacobi ist Altsaxofonist der Peppers, international renommierter Arrangeur des klassischen Jazz, Mitgründer des Göttinger Blue Roseland Orchestras und des Göttinger Jazzfestivals.

Tageblatt: Die Aufnahmen der Original Dixieland Jass Band (ODJB) von 1917 klingen noch heute frisch und mitreißend. Wie sehen Sie diese ersten Jazzaufnahmen rückblickend?

Jacobi: Das sind Meilensteine des Jazz! Es sind – wie man heute weiß – aber nicht die allerersten jazzähnlichen Aufnahmen. Bereits 1915 machten vier farbige Musiker Aufnahmen in London. Sie kamen aus der Karibik und Louisiana. Die Aufnahme der ODJB zeichnet etwas anderes aus: die Musiker stammten alle direkt aus New Orleans, waren alles weiße Musiker und eng verbunden mit der Musiker-Szene der Stadt – die aber vorher nicht aufgenommen wurde. Deshalb sind diese ersten amerikanischen Jazzaufnahmen von so großer Bedeutung.

Es irritiert, dass gerade weiße Musiker aufgenommen wurden.

Erst 1916 gab es die technischen Voraussetzungen um Studios, um größere Orchester aufzunehmen – vor allem in New York. Bereits 1916 spielte die Band des schwarzen Trompeters Freddie Keppard aus New Orleans im New Yorker „Reisenweber’s“, einer deutschen Kneipe mit gutem Essen und Live-Musik. Er wurde gefragt, ob man ihn aufnehmen dürfe. Er wollte nicht, weil ihn dann jeder kopieren könne. Die schwarzen Musiker hatten damit Pech gehabt.

Als nächstes wurde die ODJB gefragt?

Genau. Die Band spielte 1917 ebenfalls im „Reiseweber’s“ und machten dort Furore: Sie spielten laut, ungehemmt und begeisterten das Publikum. Daraufhin bekamen sie als erste Jazzband einen Plattenvertrag. Ab Mai 1917 bis März 1918 nahmen sie etwa 20 Stücke in Folge auf. 1919 gingen sie schon nach England, um dort Konzerte zu geben.

Was zeichnet die Stücke aus?

Es sind Eigenkompositionen, die dann Jazzstandards wurden – man denke nur an den „Tiger Rag“ oder „At The Jazz Band Ball“. Aus dem Ragtime und Blues heraus verarbeiteten sie die Tanz- und Unterhaltungsmusik, die in New Orleans damals populär war. Ihre Stücke hatten viele „Freaks“ – „Freak Musiker“ konnten gut Tiere nachmachen. Es gibt den „Livery Stable Blues“ – den Bauernhof Blues – da kräht ein Hahn, es ruft ein Esel und ein Pferd wiehert. Es gab Stücke, die würde man heute als Weltmusik bezeichnen. Stücke mit Einflüssen aus Ägypten, dem Sudan oder Israel.

Wie war die ODJB besetzt?

So wie alle Bands damals. Drei Bläser, ein Schlagzeug und ein Piano – mehr braucht man nicht, um bestimmte improvisierte beziehungsweise teilimprovisierte Musik zu spielen. Die Musiker haben sich die Instrumente selber beigebracht und haben sich zufällig zusammengefunden.

Unterscheidet sich die Musik der ODJB von Bands wie King Oliver oder Louis Armstrong?

Armstrong und King Oliver haben ja erst sechs Jahre später, 1923, aufgenommen. Alle Bands in New Orleans improvisierten damals kollektiv – ob schwarz oder weiß: Die Trompete spielte die Melodie, die Posaune eine kontrapunktische Basslinie, die Klarinette umspielte die Melodie, das Klavier lieferte die Harmonien und das Schlag-zeugt den Rhythmus. Es gab zudem Solo-Breaks für Solisten.

Wie wurde die ODJB damals bewertet?

Diese weißen Musiker wurden – und das kann man als rassistische Interpretation von Musik beschreiben – als Erfinder des Jazz gefeiert. Das stimmt natürlich nicht. Man weiß, dass die Musiker in New Orleans alle zusammenlebten und sich gegenseitig kopierten. Die Gegenbewegung sagte, der Jazz sei nur eine afroamerikanische Musik. Zwischen diesen beiden Polen liegt sicher die Wahrheit.

Wie bewerten Sie die Musiker der ODJB?

Trompeter Nick LaRocca hat viele Stücke geschrieben. Er war aber kein begnadeter Trompeter, ihm fehlte die Höhe. Trotzdem hat er großen Einfluss auf spätere Trompeter wie beispielsweise Bix Beiderbecke. Die ODJB waren ein Exportschlager und gingen nach London auf Tournee. Vom Erfolg und Weltruhm sind sie aber überrollt worden – es gab Drogen und Alkohol.

Sie haben die Stücke transkribiert und arrangiert. Ist die Musik schwierig zu spielen?

Ja, sie ist viel schwieriger zu spielen als das, was heute manche Dixieland-Bands spielen. Es gibt sehr virtuose Passagen.

Zum Jazzfestival kommen Sie mit den New Orleans Hot Peppers. Spielen Sie in der originalen Besetzung der ODJB?

Ja, wir haben nur ein Banjo zusätzlich. Für das Göttinger Festival haben wir zudem einen Schlagzeuger dazu genommen. Wir haben drei Bläser plus Piano und Banjo, und ich spiele ab und zu Altsaxophon – wie bei Aufnahmen ab 1920 auf denen die ODJB einen vierten Bläser dazu genommen hat. Unsere Band präsentiert die ganze Bandbreite an klassischem Jazz in New Orleans.

 

Das Göttinger Jazzfestival findet statt vom 2. bis 11. November 2017. Es treten u. a. auf das Thärichen’s Hendrixperience Orchestra, Joo Kraus, Gunter Hampel, Julia Hülsmann, A Novel Of Anomaly, Tony Allen, die finnische Band „Gourmet“, Rolf Kühn, das israelische Trio Shalosh sowie das Sun Ra Arkestra. Ticketsgibt es in de Geschäftsstellen des Tageblattes, Weender Straße 44 in Göttingen und Marktstraße 9 in Duderstadt.

Von Udo Hinz

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