Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 4 ° Regen

Navigation:
Konzert von Jazz-Pianistin Julia Hülsmann

Göttinger Jazzfest im November Konzert von Jazz-Pianistin Julia Hülsmann

Lyrisch-zarte Melodien und kluge Harmonien: So klingt die Musik der Jazz-Pianistin Julia Hülsmann. Die Musik der 49-Jährigen scheint aus der Stille zu kommen. Mit ihrem langjährigen Trio gastiert sie auf dem kommenden Göttinger Jazzfestival im November.

Voriger Artikel
Von Chiefland bis Wisecräcker
Nächster Artikel
Pocher: Übergriffig und ohne Tabu

Jazz-Pianistin Julia Hülsmann.

Quelle: r

Göttingen. Am Mittwoch, 8. November 2017 spielt sie ab 20 Uhr im Alten Rathaus. Mit dem Göttinger Tageblatt sprach sie über Musik in ihren Träumen, den Mut zur Improvisation und den Einfluss ihres Produzenten Manfred Eicher.

Träumen Sie manchmal von Musik?

Durchaus. Wenn ich gerade ein Stück komponiere, dann kann es schon mal sein, dass ich davon träume. Wenn ich aufwache, habe ich Lösungen für diese Kompositionen.

Sie haben einen so wunderbar lyrischen Anschlag auf dem Piano. Verändert sich Ihre Musik je nachdem welcher Flügel auf der Bühne steht?

Man muss sich bei jedem Konzert auf die Situation, das Instrument und den Ort immer neu einstellen. Der Soundcheck ist gut geeignet, um zu verstehen wie das jeweilige Instrument und der Saal funktionieren. Da merke ich, ob ich stärker und weniger stark anschlagen muss.

Das ist für Sie als Improvisationskünstlerin aber sicher auch spannend?

Ein krasses Beispiel: Ich war in Zentralasien auf Tour und habe in einer kirgisischen Stadt auf einen wahnsinnig schlecht gestimmten Klavier gespielt – spielen müssen. Es war am Ende trotzdem gut. Ich musste Dinge dann anders machen, weil bestimmte Akkorde nicht klangen. Aber es hat funktioniert.

Wie sind Sie selber zum Klavier gekommen?

Durch meine Familie. Meine Mutter hat Klavier gespielt. Ich habe mit der Blockflöte angefangen und wollte dann auch Klavier spielen.

Klassische Musik?

Ja, Klassik. Mit elf Jahren hatte ich angefangen – relativ spät. Ich hatte fünf Jahre Unterricht. Erst später bin ich zum Jazz gekommen. Mein Vater hat Jazz-Platten gehört. Als Jugendliche hat mich das aber nicht so interessiert – da war ich mehr in der Popwelt unterwegs.

Wie war es mit dem Improvisieren im Jazz. Mussten Sie sich nach der klassischen Musik dazu überwinden?

In meiner Klassikphase ist mir mal ein Blues begegnet. Der hat mich von den Harmonien total fasziniert. Dann hatte ich das Heft „Play Piano Play“ von Friedrich Gulda. Da war ebenfalls ein Stück mit einer Blues-Tonleiter drin. Die fand ich so großartig und habe mit ihr angefangen zu improvisieren. Das habe ich dann immer mehr erweitert.

Sie haben mit Sängern wie Rebekka Bakken oder Roger Cicero gearbeitet. Mögen Sie das Gesangliche, das Melodiöse?

Ja unbedingt! Für mich ist eine Melodie ganz wichtig. Sie trägt die Musik. Über den Gesang und die Melodie kommt man beim Zuhörer direkt an. Schade, dass ich selber nicht so schön singen kann. Doch wenn ich komponiere, dann singe ich die Melodien auch immer.

Was gibt Ihr Schlagzeuger Heinrich Köbberling Ihrer Musik hinzu, was sie selber nicht haben?

Ganz viel! Heinrich hat so eine federnde Art zu spielen. Er baut ganz viele Unterrhythmen in meine Musik ein. Dadurch, dass er manchmal einen ganz anderen Groove spielt, wird die Musik neu beleuchtet und umgedeutet.

Was fügt der Bassist Marc Muelbauer Ihrer Musik hinzu?

Der Bassist hat eine große Macht. Marc spielt beispielsweise andere Basstöne und deutet ganze Akkorde von mir um. Er ist ein sehr harmonisch denkender Musiker, analysiert viel und versteht es, zur Musik noch etwas zu addieren.

Ihre Musiker fordern Sie, Ihr Stück anders zu sehen?

Das ist das Schöne am Jazz: Es gibt so viele Freiheiten und man muss seine Sachen los lassen. Manchmal legen meine Trio-Kollegen auch „Minen“: Die bringen mich aus dem Konzept – aber das ist genau richtig, um einen neuen Weg zu finden.

Sie waren eine Zeit in New York. Hat der Aufenthalt Ihre Sichtweise auf den Jazz verändert?

Es gibt dort so unfassbar viele hervorragende Musiker. Die New Yorker Energie ist, dass man an sich arbeiten muss, dass man sich sehr nach vorne stellen muss, um gehört und gesehen zu werden.

Sie wurde gesehen und sind beim berühmten Plattenlabel ECM unter Vertrag. Hat die Zusammenarbeit mit dem berühmten Produzenten Manfred Eicher Ihre Musik verändert?

Ja, ich glaube schon. Manfred Eicher ist ein ganz intuitiver Zuhörer. Er sagt, was ein Stück braucht, beispielsweise „Das muss fließen, dass fließt jetzt noch nicht“. Das hat mich weiter gebracht, mehr nach innen zu schauen. Da ist Manfred der Meister!

ECM-Platten beginnen stets mit 5 Minuten Stille. Hat das Ihre Wahrnehmung der eigenen Musik verändert?

Ja. Tendenziell geht meine Musik schon dahin, inne zu halten und eher etwas wegzulassen. Die 5 Sekunden Stille bedeuten für mich: ankommen, ruhig sein und aus der Ruhe etwas entstehen zu lassen. Das hat eine ganz große Kraft.

Sie waren eine Zeit lang auch Vorsitzende der „Union Deutscher Jazzmusiker“. Was sind die Stärken und Schwächen der deutschen Jazz-Szene?

Jazzmusiker bekommen in Deutschland eine gute Ausbildung, haben ein hohes Niveau und es gibt eine kreative Szene. Der Nachteil liegt in der Politik: Die Unterstützung ist noch nicht da wo sie sein müsste. Deutsche Jazz-Musiker haben beispielsweise im Ausland nicht so viele Chancen. Aber hier hat sich schon vieles zum Positiven gewendet.

Das Göttinger Jazzfestival findet statt vom 2. bis 11. November 2017. Es treten unter anderem auf das Thärichen’s Hendrixperience Orchestra, Joo Kraus, Gunter Hampel, A Novel Of Anomaly, Tony Allen, die finnische Band „Gourmet“, Rolf Kühn, das israelische Trio Shalosh sowie das Sun Ra Arkestra (www.jazzfestival-goettingen.de). Eintrittskarten sind erhältlich in den Tageblatt-Geschäftsstellen, Marktstraße 9 in Duderstadt und Weender Straße 44 in Göttingen.

Von Udo Hinz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Regional
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag