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Göttinger Jusos erinnern an einstmals geächtete Schriftsteller

Lesung im Jungen Theater Göttinger Jusos erinnern an einstmals geächtete Schriftsteller

Zum 80. Jahrestag der nationalsozialistischen Bücherverbrennung erinnerten Mitglieder der Jungsozialisten (Jusos) mit der Lesung „Verbrannt, verbannt – doch nicht vergessen” im Jungen Theater an die einstmals geächteten Schriftsteller.

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Möchten keinen Applaus: Caroline Zurawski und Robin Roth.

Quelle: Heller

Göttingen. Im April 1933 forderte die nationalsozialistische Studentenschaft zu der „Aktion wider den undeutschen Geist“. Auch in Göttingen wurden am 10. Mai 1933 Bücher von jüdischen, kommunistischen und anderen als undeutsch geltenden Schriftsteller verbrannt. Welche Folgen die Verbrennung für diese Schriftsteller hatte, konnte die Lesung eindrucksvoll schildern.

Unter der Organisation von Literaturwissenschaftler Frank Möbus gelingt es den acht Vortragenden, eine andächtige Atmosphäre herzustellen. In seiner Anfangsmoderation stellt Janek Freyjer heraus, dass man Applaus weder erwarte, noch wünsche. Es geht allein um das Erinnern.

Das Zurückschauen gelingt unschwerer als das beklemmende Voraussehen, das der Schriftsteller Lion Feuchtwanger (1884-1958) erdulden musste. Die Gefahren, die von der NSDAP ausgingen, erkannte der Autor frühzeitig.

Bereits 1920 ahnt er die Verbrennung von Büchern und Menschen voraus: „Türme von hebräischen Büchern verbrannten, und Scheiterhaufen waren aufgerichtet, hoch bis in die Wolken, und Menschen verkohlten [...]“.

Dem drohenden Grauen unterwirft sich Feuchtwanger aber nicht. Vielmehr gibt er sich in seinem 1930 erschienenen Roman „Erfolg“ kämpferisch. Hitler sei kaum mehr als ein „politischer Hanswurst“.

„Sich fügen, heißt lügen“

Die Lesung zeichnet die Lebensläufe von verfolgten Schriftstellern nach und beschreibt die unterschiedlichen Arten mit Verbot und Verbannung umzugehen.

Den wehrhaften Angriff mit beißenden Zynismus zu unterfüttern, ist eine Art, die die Besucher kurzzeitig aus der bedrückenden Stimmung zieht und zu verhaltenem Lachen motiviert. Am Schluss wird jedoch allzu häufig vom traurigen Lebensende der Autoren berichtet.

Besonders einprägsam wird über das Ende von Erich Mühsam (1878-1934) berichtet, der im Konzentrationslager Oranienburg ermordet wurde. In den Ausschnitten aus seinen Briefen lässt sich die Entwicklung vom kämpferischen Spötter, zum Unterworfenen nachvollziehen, „sich fügen, heißt lügen“ schrieb der Autor einst, und begann doch kurz vor seinem Tod, um sein Leben betteln.

Die Lesung endet unvermittelt mit dem bloßen Abgang der Vortragenden. Zurück bleibt eine minutenlange Stille im Zuschauerraum. Kein Applaus.

Von Daniela Lottmann

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