Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 4 ° Regen

Navigation:
Sven Regener liest aus „Wiener Straße“

Literaturherbst Sven Regener liest aus „Wiener Straße“

Der Kultautor und Musiker Sven Regener hat am Sonntag im Deutschen Theater sein neues Buch „Wiener Straße“ vorgestellt. Der Roman nimmt den Leser mit ins Kreuzberg der 1980er-Jahre – und die Lesung als Teil des 26. Göttinger Literaturherbstes tat es auch.

Voriger Artikel
Riskante Elfmeter
Nächster Artikel
Philippe Djian im Deutschen Theater

Göttinger Literaturherbst: Sven Regener liest aus seinem neuen Buch „Wiener Straße“.

Quelle: Arne Bänsch

Göttingen. „Das Haus ist ganz und gar voll, und das war gar nicht anders zu erwarten“: Gesa Husemann vom Team des Göttinger Literaturherbstes zeigte sich erfreut, aber nicht verwundert ob der vollen Ränge im Großen Haus des Deutschen Theaters. Kultautor und Musiker Sven Regener war am Sonntagabend hierher gekommen, um aus seinem neuen Roman „Wiener Straße“ zu lesen - und Fans aller Altersklassen hatten sich einen der begehrten Plätze gesichert.

Bevor sich Regener ans Pult begab, um im Stehen Auszüge aus seinem neuen Werk vorzulesen, nahm er Platz neben Alexander Solloch vom NDR, um einen Einblick in die Welt seiner Figuren zu geben. Viele Charaktere kennen die Leser seiner Vorgänger-Romane „Herr Lehmann“, „Neue Vahr Süd“ oder „Der kleine Bruder“, doch „Wiener Straße“ sei keine Fortsetzung der Lehmann-Trilogie im eigentlichen Sinne. Er habe vielmehr immer wieder neue Einfälle und Geschichten, die sich um die liebenswerten Charaktere drehten, sagte Regener – und so sei eben das neue Buch entstanden. Es gebe immer etwas Neues zu erzählen.

Dass es sich dabei, wie einige Kritiker behaupteten, um inhaltsarme Geschichten handele, wies der 56-Jährige entschieden zurück. So thematisiere „Wiener Straße“ unter anderem die Entwicklung der rebellischen Figur Chrissie, die in der Kneipe ihres Onkels Erwin Kächele im Berlin der 1980er-Jahre anfangen möchte zu arbeiten, um in der Welt der Erwachsenen Fuß zu fassen und für sich selbst zu sorgen. Erwin wiederum ist eigentlich auf der Suche nach mehr Ruhe, aber das ist natürlich nicht so einfach machbar. Und die Aktionskünstler der Galerie „Arsch-Art“ können ihre österreichische Identität nicht länger verbergen. Die Probleme, die jeder der Protagonisten mit sich herumtrage, seien nicht selten existenzieller Natur, „und die Strategien, die sie entwickeln, sind bemerkenswert“, befand Regener. Zudem entwickele sich der Roman „relativ klar in Richtung Desaster – was wollen die Kritiker denn noch mehr?“

Das vom Gefühl des Aufbruchs geprägte Leben im westlichen Teil der deutschen Hauptstadt Anfang der Achtziger Jahre zog sich, wie im Roman, wie ein roter Faden durch das Gespräch zwischen Regener und Solloch. Ein wesentliches Element sei damals – zumindest gefühlt – gewesen, dass jeder alles machen konnte. Vom Musiker über den Künstler bis hin zum Hausbesetzer seien alle der Überzeugung gewesen, tun und lassen zu können, was sie wollten. Regener weiß, wovon er spricht, zog er doch selbst 1982 nach Berlin, wo er bis heute lebt. Im Kreuzberger Umfeld sei aber auch unglaublich viel los gewesen. Von der Neuen Deutschen Welle über Nina Hagen bis hin zu Bands wie den Einstürzenden Neubauten habe es immer viele besondere Figuren im Milieu gegeben, „und das Medieninteresse war auch einfach groß.“ Man habe damals nur eine Person finden müssen, die einem abnahm, dass man Kunst mache, das habe schon gereicht. Das wird auch in einer von Regener stakkatoartig vorgelesenen Passage deutlich, in der ein Fernsehredakteur die Bewohner der Galerie „Arsch-Art“ als Künstler bezeichnet, obwohl diese gerade nur versuchen, sich selbst zu retten. Das Publikum lachte ausgelassen. Nur eines habe es niemals geben dürfen: Kunst zu erklären, so Regener. Nach dieser Prämisse handelten auch die Figuren in „Wiener Straße“: „Wenn ich die Kunst erklären kann, ist das nicht gut.“

Bevor sich Sven Regener zum Signieren in Richtung Büchertisch verabschiedete, sorgte er große Freude im Publikum. Als Alexander Solloch ihn fragte, wann es denn ein neues Album seiner Band Element of Crime gebe, sagte er trocken: „Wenn alles gut geht, im nächsten Herbst.“

Von Maren Iben

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Regional
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag