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11:00 26.09.2017
Der Dramaturg und Schriftsteller John von Düffel nennt seinen neuen Roman „Klassenbuch“. Quelle: dpa
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Göttingen

Man lebt nur zweimal, heißt es im neuen Buch von John von Düffel. Aber nicht etwa so, als würde es James Bond in einer Zeit sagen, als Gut und Schlecht noch eindeutig zu trennen waren. Nein, man lebt nur zweimal - im Roman „Klassenbuch“ ist es verpackt in einen jugendlichen Hashtag: #YOLT, you only live twice. Der Autor stellt das Buch beim Göttinger Literaturherbst vor.

„Klassenbuch“ ist ein Sonnensystem: Neun Schüler der Oberstufe kreisen um ihren Stern, Frau Höppner. Ein literarischer Mikrokosmos aus Aufsätzen, Briefen, Mails, Blog-Einträgen und Erörterungen an ihre Lehrerin. Und die muss dabei selbst so blass und gesichtslos bleiben, damit die Protagonisten umso heller scheinen können. Die Lehrerin ist die stumme Kraft, die alles zusammenhält.

Jede und jeder hat Poesie

John von Düffel ist ein Schreibwütiger. Wie Stilübungen kommen seine 19 Episoden daher. Jeder der Figuren legt er eine eigene Sprache in den Mund und schnallt ihr ein anderes Sein auf den Rücken. Jugendlichen Konformismus gibt es hier nicht. Dabei vernachlässigt der 50-jährige Autor keinen seiner Protagonisten. Er führt niemanden vor, benachteiligt keinen. Jede und jeder hat seine Poesie. „Beim Auflegen hatte sie Scherben in den Augen“, lässt von Düffel seine Bea einmal sagen, als sei es ein einzeiliges Gedicht.

Da ist zum Beispiel auch Erik (“Wenn ich eigentlich gar kein Junge oder junger Mann bin und auch nicht das Gegenteil, das genaue, Mädchen oder Frau, sondern das Gegenteil des Gegenteils - ein Elf?“), der Träumer, der dem Unterricht nicht folgt, weil seine Gedanken immerzu wegflattern. Der mit sich uneins ist, in sich verkrampft und nach dem lösenden Moment sucht.

Blickrichtung Friedhof

Da sind Emily, Tochter aus gutem Hause, die sich über die Schulkantine echauffiert (“wenn ich das essen muss, um zu leben, sterbe ich lieber“), oder Stanko (“das Gedächtnis sitzt nicht bloß im Kopf, am allerwenigsten dort“), ein Balkan-Flüchtling zweiter Generation, dem die Angst der Eltern durch den eigenen Körper geht. „Den Brief habe ich auf den Küchentisch gelegt, Blickrichtung Friedhof“, schreibt Annika einmal. Von Düffel ist hier ein Meister der Halbsätze.

„Klassenbuch“ ist ein zweigesichtiger Roman: Nach der ersten Hälfte, dem vermeintlichen Es-wird-besser-Teil, verschiebt von Düffel die Koordinaten. In neuen Umlaufbahnen folgt der Es-wird-schlimmer-Teil. Das, was zuerst als Einzelepisoden lose in der Luft hängt, wird nunmehr ein dichtes Gewebe von Abhängigkeiten, Querverweisen und Offenbarungen. Der Text zieht sich zusammen.

Aufgewachsen zeitweise in Großbritannien und in den USA, promoviert der Philosoph von Düffel als 23-Jähriger in Freiburg. Schnell etabliert er sich als einer der meistgespielten Dramatiker auf deutschen Bühnen. Zuletzt wurde im vergangenen Herbst sein Stück „Martinus Luther“ in Münster uraufgeführt. Daneben ist er Dramaturg am Deutschen Theater Berlin und verzeichnet auch mit seinen Romanen immense Erfolge - etwa für „Vom Wasser“, „Ego“ und „Houwelandt“.

Nicht aus dem Alltag gezupft

Dass von Düffel in „Klassenbuch“ beim Jargon der Jugendsprache meist einigermaßen danebenliegt, scheint gewollt. Die Worte der Schüler sind nicht aus dem Alltag gezupft. Im einem Interview bezeichnet der Autor sie denn auch als „Gedankenstimmen“. Es sind dramaturgische Sätze, welche die Konturen der Figuren zeichnen.

Der Computer-Zocker Lenny unterschreibt mit „bot bless you“ und Blogschreiberin Marilyn/Nina (“gesichter sind sexmasken, die uns die natur zu werbezwecken vor die seele schnallt“) lebt ihr Ich in der virtuellen Welt aus, weil die Realität nur Horror bereit hält.

John von Düffel geht es - obwohl er Probleme wie Magersucht, Selbstmord, Missbrauch oder Sexualität thematisiert - nicht vorrangig um pubertäre Entwicklungen. Eher stellt sich die Frage: Zeigen die Jugendlichen eine Art Gesellschaftszustand? Der Roman ist weniger ein Coming-of-Age-Kaleidoskop, denn ein Narrativ der Digitalisierung.

Die Schüler sind in die moderne Technik hineingeboren, mit ihr verwachsen. Wie sich ihre virtuelle Welt vor den Eltern verschließt, so isolieren sie sich gegenüber der realen Umgebung. Einmal schimpft Henk: „Siri, ich warne dich, ich habe den Daumen am Powerknopf!“ Doch das digitale Leben verlassen? Gar nicht so einfach. Denn gibt es ein Leben nach WhatsApp?

John von Düffel: Klassenbuch. Dumont, 318 Seiten, 22 Euro. Der Autor stellt das Buch beim 26. Göttinger Literaturherbst vor am Donnerstag, 19. Oktober, um 19 Uhr im Alten Rathaus. Eintrittskarten sind in den Tageblatt-Geschäftsstellen, Weender Straße 44 in Göttingen und Marktstraße 9 in Duderstadt, sowie unter tickets.goettinger-tageblatt.de erhältlich.

Von Sebastian Fischer

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