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Regional Göttinger Stadtkantorei singt Beethoven-Raritäten
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00:26 01.03.2018
Präzise und konturenscharf: Göttinger Stadtkantorei unter Bernd Eberhardt in St. Johannis. Quelle: Michael Schäfer
Göttingen

„Christus am Ölberge“ ist eine geradezu opernnahe Szene aus der Passionsgeschichte. Der Librettist hat die zwiespältigen Gefühle Jesu im Fokus: hier die Angst vor Schmerz und Tod, dort die übernommene Verpflichtung, die Menschen zu erlösen. Alles andere ist ausgespart. Neben Jesus treten seine Jünger, Soldaten, Engel und Petrus auf der imaginären Bühne auf – tatsächlich meint man, die handelnden Personen agieren zu sehen, so groß ist die Bildkraft von Beethovens Musik.

Es ist schon etwas befremdlich (oder wir sind es schlicht nicht gewöhnt), biblisches Geschehen derart szenisch ausgebreitet zu sehen. Aber die dramatische Kraft ist nicht zu leugnen – sie hat ja auch etliche Filmregisseure veranlasst, Bibelfilme zu drehen. So weit ging Dirigent Bernd Eberhardt nicht. Er gestaltete Beethovens Partitur ausgesprochen spannend, ohne auf billige Effekte zu setzen. Die dramatischen Kontraste arbeitete er wirkungsvoll heraus und hatte mit den Choristen der Göttinger Stadtkantorei und dem Göttinger Symphonie-Orchester zwei begeistert mitgehende Ensembles, die seine musikalischen Vorstellungen mit Leidenschaft und Präzision verwirklichten. Ein Sonderlob gebührt den Männerstimmen des Chores, die ihre vielfältigen, im Ausdruck sehr unterschiedlichen Aufgaben mit feiner Differenzierung bezwangen.

Viel Durchschlagskraft

Der Tenor Sebastian Köchig bewältigte die von Beethoven viel genutzten hohen Lagen seiner Jesus-Partie sehr souverän, wenn auch hier und da etwas eng im Timbre. Danuta Dulska als Engel Seraph war sowohl für die Verkündung der Hoffnung auf Erlösung zuständig als auch für das Mit-Leiden mit dem Schicksal Jesu. Dabei zog sie alle Register der dramatischen Darstellung, setzte angemessen viel Vibrato ein und hatte viel Durchschlagskraft in den hohen Lagen, die freilich nicht ganz bis zu allen Spitzentönen hinaufreichte. Im tieferen Bereich ließ ihre Kraft ein wenig nach. Das Solistenterzett ergänzte Jürgen Orelly (Petrus) mit seinem kernigen, sehr beweglichen Bass.

Mit Beethovens C-Dur-Messe eröffnet

Den Abend in der gut besuchten Kirche hatte Eberhardt mit Beethovens 1807 entstandener C-Dur-Messe eröffnet, in der der Komponist den Wortsinn wesentlich präziser ausdeutet, als es in dieser Zeit sonst üblich war. Hier hat im Gegensatz zu „Christus am Ölberge“ der Chor das Hauptgewicht, die Solisten – ergänzt durch die zuverlässige Altistin Katrin Edelmann – sind nur an ausgewählten Stellen eingesetzt. Die waren dann ganz besonders eindrucksvoll – etwa die Vertonung der Worte „passus“ (gelitten) oder „incarnatus est“ (das Wort ward Fleisch). Dem Chor sind etliche kontrapunktisch schwierige Passagen zugedacht, die die Sängerinnen und Sänger der Kantorei sehr konturenscharf boten. Zu Beethovens kompositorischen Überraschungen zählt das zwar laut jubelnde, aber viel knapper als sonst vertonte „Hosianna“ und der sehr verhaltene, im Ton zurückgenommene Schluss des „Agnus Dei“, mit dem die Messe endet.

Ob „Christus am Ölberge“ überhaupt schon einmal in Göttingen aufgeführt wurde, ist fraglich. Und die C-Dur-Messe war zuletzt 1998 unter Arwed Henking in St. Jacobi, zu hören. Das Publikum spendete für diese Repertoire-Raritäten reichlich Beifall.

Von Michael Schäfer

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