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00:16 10.10.2017
Das GSO mit Gastdirigent Peter Kuhn Quelle: Arne Bänsch
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Göttingen

Mit zwei Raritäten und einem romantischen Evergreen eröffnete das Göttinger Symphonie-Orchester (GSO) am Freitag in der gut besuchten Stadthalle den zweiten Philharmonischen Zyklus. Gastdirigent war Peter Kuhn, Generalmusikdirektor der Bergischen Symphoniker in Remscheid und Solingen.

„Zerklüftet“ hieß das Motto dieses Abends. Mit Eugène Ysaÿes symphonischer Dichtung „Exil“ stand gleich am Beginn das musikalische Psychogramm einer geschundenen Seele. Das 1917 im amerikanischen Exil komponierte Werk artikuliert herzzerreißend die Qual und Verzweiflung eines Menschen, der seine Heimat verloren hat. Es ist kaum zehn Minuten lang, aber so intensiv im Ausdruck, dass die erlebte Zeit wesentlich länger scheint. Dabei verzichtet Ysaÿe auf die im spätromantischen Orchester möglichen Klangfarbenreize: Sein Werk ist lediglich mit den hohen Streichern, nämlich Geigen und Bratschen besetzt, die in acht Gruppen aufgeteilt sind.

Kuhn leitete dieses spannende Werk, das in einem schmerzhaft dissonanten, vielfach wiederholten Akkord gipfelt, mit großer Emphase, gern mit weit ausholenden Bewegungen. Darauf reagierten die GSO-Streicher mit Leidenschaft und tiefer Empfindung: ein erschütternder Beleg menschlichen Leids.

Passagen der Trauer

Im Konzert für Streichquartett und Orchester op. 131 von Louis Spohr (zuletzt 1981 in einem GSO-Konzert zu hören) gibt es zwar durchaus auch Passagen der Trauer. Doch nirgends erklingt hier eine schreiende Klage, sondern es geht gesittet zu, man ist kultiviert, behält stets das rechte Maß. Darin war Spohr – etwas jünger als Beethoven, drei Jahre nach Schumann gestorben – ein Meister. Vor allem die ersten beiden Sätze dieses ungewöhnlich besetzten Konzerts, in dem Kammermusik und symphonischer Geist zusammentreffen, konnten überzeugen. Im etwas gezwungen fröhlich wirkenden Finale schien die musikalische Substanz ein wenig dünner.

Das Frankfurter Hába-Quartett bewältigte die virtuosen Anforderungen, die Spohr (von Haus aus Geiger) den Solisten stellt, auf weite Strecken mit Bravour. Das Orchester ist zwar nicht bloßer Stichwortgeber für die Solisten, hat aber häufig untergeordnete Aufgaben. Hier hielt Kuhn eine schöne Balance zwischen Solo und Tutti. Vielleicht hätte das Finale in langsamerem Tempo seine Wirkung besser entfalten können, denn Spohrs Tempoangabe lautet Allegretto, nicht Allegro.

Romantisches Standardwerk

Nach diesen Ausflügen in die Repertoire-Nischen stand zum Schluss mit Mendelssohns dritter Symphonie, der „Schottischen“, ein romantisches Standardwerk auf dem Programm. Hatte Kuhn zuvor nur beschränkte Möglichkeiten, sich als Dirigent zu präsentieren, konnte er hier seine Fähigkeiten und seinen Interpretationsansatz deutlicher zeigen. Seine Körpersprache lässt erkennen, wie stark er durchdrungen ist von der Musik, die er vorstellt: Da ist viel Leidenschaft zu spüren, Energie und Spannkraft. Dazu hat Kuhn einen gut entwickelten Sinn für wirkungsvolle Steigerungen, für eindrucksvolle Höhepunkte, lebendige Tempi. Nur könnte er bisweilen seine Dramaturgie intensiver auch in die Gegenrichtung lenken: Mehr Spannung entsteht, wenn das Orchester längere Zeit im Piano verbleibt und beim Hörer so ein heftiges Verlangen nach einem Anwachsen der Lautstärke weckt. Gibt man als Dirigent diesem Verlangen zu früh nach, kann die Wirkung verpuffen. Und so schön eine glanzvolle Klangentfaltung auch sein mag: im Kontrast zu fahlen, geheimnisvollen Passagen strahlt der Glanz heller.

Das Orchester war für solchen Glanz bestens vorbereitet. Es spielte auch die heikelsten schnellen Sechzehntelläufe im zweiten Satz mit größter Präzision, die Akzente waren punktgenau gesetzt, die Streicher boten einen wunderschön homogenen Klang, Holz- und Blechbläser harmonierten prächtig. In den begeisterten Schlussbeifall mischten sich einige Bravorufe.

Info Nächstes GSO-Konzert am Donnerstag, 19. Oktober, um 19.45 Uhr in der Stadthalle: „Alles tanzt“ mit Werken von Bartók, Mozart und Brahms, Solist: Erik Schumann, Violine, Gastdirigent Johannes Klumpp.

Von Michael Schäfer

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