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Regional Sonderkonzert des GSO mit Weprik-Werken
Nachrichten Kultur Regional Sonderkonzert des GSO mit Weprik-Werken
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14:19 03.09.2017
Dirigent Christoph-Mathias Mueller mit dem Göttinger Symphonie-Orchester Quelle: Peter Heller
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Göttingen

Der Komponist zählte in den 1920er-Jahren zu den führenden Musikern der Sowjetunion, wurde viel in Deutschland gespielt, auch in den USA. Seiner jüdischen Herkunft wegen war er von 1933 an in Deutschland verfemt, bald darauf auch in der zunehmend antisemitisch eingestellten Sowjetunion. 1943 wurde er mit weiteren jüdischen Lehrenden aus dem Moskauer Konservatorium entlassen, 1950 wegen „konterrevolutionärer Tätigkeit“ verhaftet und zu acht Jahren Zwangsarbeit im Gulag verurteilt. Nach vier Jahren kam er mit ruinierter Gesundheit als gebrochener Mann frei, komponierte kaum noch und starb 1958 in Moskau.

Seit gut 50 Jahren wurde Wepriks Musik nicht mehr gespielt, sein Name fehlt in den meisten gängigen musikalischen Nachschlagewerken. Mit dem Sonderkonzert hat Mueller diese Musik in der Tat „dem Vergessen entrissen“ – das selbstbewusst gewählte Motto des Abends ist in Göttingen Wirklichkeit geworden.

Die nächsten Konzerte

Die nächsten GSO-Konzerte jeweils um 19.45 Uhr in der Stadthalle: „Schattenspiele“ mit der Uraufführung des Klavierkonzerts „Masques“ von Gérard Zinsstag und dem „Lied von der Erde“ von Gustav Mahler am Sonnabend, 30. September; „Zerklüftet“ mit Werken von Ysaÿe, Spohr (Konzert für Streichquartett und Orchester) und Mendelssohn am Freitag, 6. Oktober; „Alles tanzt“ mit Musik von Bartók, Mozart und Brahms am Donnerstag, 19. Oktober; „Romantisch“ mit Werken von Weber, Robert Stark (Klarinettenkonzert) und Dvořák am 27. Oktober.

Wepriks Schaffen umfasst eine Oper, Kammermusik, Klaviermusik, Chormusik und Lieder sowie etliche Orchesterwerke. Von denen stellte Mueller sechs vor: Tänze und Lieder des Ghettos op. 12, fünf kleine Stücke op. 17, zwei „symphonische Lieder“, eine Suite über kirgisische Themen, zwei „Poeme“ sowie eine Pastorale. Wie klingt diese Musik? Spannenderweise erinnert man sich als Hörer nur selten an Bekanntes. Mal schimmert ein bisschen Mahler durch, mal gibt es Ähnlichkeiten mit Prokofjew oder Schostakowitsch – doch von Anfang an vernimmt man einen ganz eigenständigen musikalischen Ton, eine „Stimmfärbung“, die es anderswo nicht gibt.

Will man diese Färbung näher beschreiben, könnte man es mit einer Verwandtschaft mit jüdischer Liturgie versuchen – was selbstverständlich nicht ganz stimmt. Aber immerhin war Weprik – auch in seinem Selbstverständnis – Exponent einer jüdischen Musik in der Sowjetunion. Auffallend ist weiter seine besondere Meisterschaft im Aufspüren unkonventioneller Klangfarben, die immer wieder aufhorchen lässt. Beispielsweise führt Weprik Flöte und Bassklarinette im Dialog, lässt – gern von den Bratschen – klagende Weisen anstimmen, die bisweilen von fern-dumpfen, immer etwas beunruhigend wirkenden Pianissimo-Tönen der Großen Trommel untermalt sind. Oder er lullt den Zuhörer mit leisen, zarten Tönen der Streicher ein, in die dann Posaunen oder Hörner mit klangfarblich verzerrtem Forte einfallen. Solche Schreckmomente haben etwas bewegend Realistisches: Schönheit ist auch jenseits des Konzertsaals so gut wie nie von Dauer. Besonders bewegend wirkten die späten Stücke (Poeme, Pastorale) in ihrer geradezu soghaften Emotionalität. Sie besitzen eine zutiefst menschliche, erschütternde Dimension, die den Hörer gefangennimmt.

Von den Orchestermusikern verlangt Weprik viel. Manche Passagen haben ein unbarmherzig hohes Tempo, manche Struktur lässt sich nur durchschauen, wenn sie mit höchster Konturenschärfe dargestellt wird. Dafür gaben die GSO-Musiker alles, angeführt von ihrem hochengagierten, präzisen die Affekte temperamentvoll gestaltenden Dirigenten, der in seiner Moderation die Besonderheiten von Wepriks Musik kurz, aber treffend anriss. Schon zur Pause gab es begeisterten Beifall und Bravorufe, was sich am Ende dieses bewegenden Abends wiederholte, auch wenn der Saal nur etwa zur Hälfte besetzt war. Mueller plant im kommenden Frühjahr eine CD-Produktion dieser faszinierenden Musik, für die er noch um Spenden wirbt. Gäbe es die CD schon heute, hätte sie nach dem Konzert reißenden Absatz gefunden.

Von Michael Schäfer

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