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Regional Verführerischer Tanzrausch
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00:16 31.10.2017
Zugaben-Zauber: Dirigentin Anja Bihlmaier und Solist Dimitri Ashkenazy. Quelle: Schäfer
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Göttingen

Bihlmaier ist derzeit Erste Kapellmeisterin am Staatstheater Kassel. Gerade hat sie dort Otto Nicolais Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ mit viel musikalischen Schwung und Elastizität herausgebracht. Ihr Göttinger Debüt hatte sie im vergangenen Jahr in einem Familienkonzert mit Smetanas „Moldau“.

Nun konnte sie sich in Webers „Oberon“-Ouvertüre und der d-Moll-Symphonie von Dvořák in zwei weiteren besonders populären romantischen Orchesterwerken profilieren. Dem jugendlichen Elan der Weber-Ouvertüre gab sie viel Raum zur Entfaltung, ohne der Verführung zum Überschäumen zu erliegen. Da jubelte es, da sprühte die Lebensfreude – und im Kontrast dazu gab es die weichen, sonnigen Klänge der langsamen Einleitung, in die hier und da kleine Elfenzaubereien hineinleuchten. Die Musiker des GSO gingen sensibel mit, die Farben fügten sich harmonisch ineinander.

Mit dem dritten Klarinettenkonzert des heute nahezu vergessenen Würzburger Klarinettenprofessors Robert Stark (1847-1922) stand eine absolute Rarität auf dem Programm des Abends. Ausgegraben hatte das Werk der Solist Dimitri Ashkenazy auf der Suche nach Stücken jenseits des gewöhnlichen Repertoires, inzwischen hat er es auch auf einer CD eingespielt. Kein Wunder also, dass er mit dieser Musik ganz eng vertraut war. Die Dirigentin stellte sich flexibel auf die Interpretation Ashkenazys ein: Da gab es immer wieder Tempowechsel, Beschleunigungen und beruhigte Passagen, in denen das Zusammenspiel zwischen Solist und Orchester dennoch stets haargenau funktionierte. Ashkenazy konnte seiner bewundernswerten Pianissimokultur ungehindert frönen, denn Bihlmaier dosierte im selben Maß die Lautstärkeentwicklung des Orchesters. Der – kompositorisch nicht überall gleich inspirierte – Schwung vor allem im Finale, besonders aber die melodische Schönheit der zart-lyrischen Partien bezauberten das Publikum nachhaltig. Es wollte den Solisten nicht ohne Zugabe von der Bühne lassen. Zum Dank spielte Ashkenazy eine anmutige volksliedhafte Melodie. Sie klang wie eine Liebkosung.

Brennende Leidenschaft hat im Stark-Konzert wenig Raum. Die loderte dafür im Finale des Abends, der Symphonie d-Moll von Antonín Dvořák, umso heller. Sehr dramatisch und forsch nahm Bihlmaier das eröffnende Allegro maestoso, um den Satz fahl mit bewegender Melancholie enden zu lassen. Mäßigend und beruhigend wirkten die choralartigen Klänge des langsamen Satzes, denen die Dirigentin im Scherzo einen mitreißenden tänzerischen Schwung entgegenstellte. Hier swingte das Orchester förmlich, die Dreierrhythmen strömten unaufhaltsam. Die kraftvollen, klar konturierten Passagen im Finale beenden den verführerischen Tanzrausch des Scherzos, sie befördern den Hörer sozusagen wieder ins Hier und Jetzt. Das gestaltete Bihlmaier mit ihren Musikern großartig – auch wenn sich hier und da im Verlauf dieses Satzes das Pathos der Gesten ein wenig abnutzt.

Das Publikum feierte die Dirigentin mit lang anhaltendem Beifall, in den die Orchestermusiker einstimmten. Zu Recht erhielten einzelne Musiker für ihre feinen solistischen Leistungen Sonderapplaus, etwa Hornistin Kathrin Duschmalé, Paukistin Ji-Yeon Lee oder der Soloklarinettist Manfred Hadaschik. Ein prächtiger Abend.

Nächstes GSO-Konzert: „Endzeit“ am Donnerstag, 9. November, mit Werken von Widmann, Elgar, Wagner und Sibelius. Beginn ist um 19.45 Uhr, Karten gibt es in den Tageblatt-Geschäftsstellen in Göttingen, Weender Straße 44, und in Duderstadt, Marktstraße 9, sowie unter gt-tickets.de.

Von Michael Schäfer

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