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Regional Götz Widmann kommt in die Göttinger Tangente
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00:17 08.05.2017
Knapp drei Jahre nach seinem Vorgängeralbum kommt Götz Widmann nun als „Sittenstrolch“ daher. Am Dienstag, 16. Mai, stellt der Liedermacher die CD in der Tangente, Goetheallee 8a, vor. Quelle: Heller
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Göttingen

Der 51jährige gilt als Ziehvater der angesagten Liedermaching-Szene und hat dieses alternative Bühnenkonzept mit seinem Duo Joint Venture vor rund 20 Jahren populär gemacht. Die Protagonisten dieses Sub-Genres nehmen sich nicht so ernst wie die klassischen Liedermacher und überwinden dabei nicht selten die Grenze zur bissigen Satire. Bei Widmann schimmert dabei auch noch viel Rock‘n‘Roll und Punk-Spirit durch, was man dem neuen Album auch anhören kann.

Tickets

Karten gibt es im Vorverkauf für 15 Euro beim Copy Team, Jüdenstr. 13a in Göttingen und an der Abendkasse für 18 Euro.

Herr Widmann, Ihr neues Album heißt „Sittenstrolch“. Fühlen Sie sich etwa als solcher?

Ich wollte das neue Album zuerst „Viva la Evolucion“ nennen. Das Design sollten Fotos von Tieren sein, die wie Hippies aussehen. Eines von den Tieren sollte ich sein. Ich habe mich äußerlich wochenlang total verwildern lassen. Dann haben wir das Foto-Shooting gemacht, und als ich die fertigen Bilder gesehen habe, wusste ich sofort: Das ist kein Hippie, das ist ein Sittenstrolch! Da das aber auch ganz gut zu den Songs auf dem Album passte, haben wir uns spontan entschlossen, den Titel einfach zu ändern.

Steckt hinter dem Eröffnungsstück „Latina“ auch der Sittenstrolch in Ihnen?

In erster Linie ist es ein albernes Lied über ein sehr ernstes Thema. Ich habe mich gefragt, was die Ursachen für Fremdenfeindlichkeit sind und bin für mich zu dem Schluss gekommen, dass dabei sexuelle Frustration in vielen Fällen eine Rolle spielt. Schauen Sie sich die Wutbürger bei den Pegida-Aufmärschen an: Menschen, die genug Liebe bekommen, sehen anders aus. Ich habe das dann mal recherchiert: Es gibt mehrere Studien, die einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Männerüberschuss eines Wahlkreises und einer gesteigerten Tendenz zur Gewalttätigkeit und einer demokratiefeindlichen Orientierung nachweisen. Nicht abgebautes Testosteron macht also dumm und schlecht gelaunt. Das ist jetzt aber auch keine große Überraschung für mich …

Und was hat es mit dem Song ‚Burkiniqueen‘ auf sich?

Ich war im vergangenen Sommer am Tegeler See in Berlin spazieren und musste feststellen, dass das Schönste an der Wanderung für mich persönlich die Frauen mit Migrationshintergrund sind. Am nächsten Morgen habe ich in der Zeitung gelesen, dass ein CSU-Politiker mal wieder über das Burkiniverbot schwadronierte. Ich glaube wirklich nicht, dass man durch Kleidungsverbote die Integration fördern kann – etwas Dümmeres habe ich noch nie gehört. Diese Aussage hat mich sehr wütend gemacht, aber um nicht genau so zu sein wie der Politiker, habe ich dazu ein Liebeslied geschrieben.

Dagegen kommt bei „Zwanzig“ noch ein echter Rocker bei Ihnen durch. Sind Sie ein heimlicher Fan von AC/DC?

Das „heimlich“ können Sie streichen! Die ersten AC/DC-Alben mit Bon Scott als Sänger gehören für mich zu den größten Kunstschätzen der Menschheit. Mein Freund Vito Kutzer von J.B.O. hat mir geholfen, meine Ideen musikalisch genauso in die Tat umzusetzen. Dass „Zwanzig“ nach AC/DC klingt, ist also hauptsächlich sein Werk.

Aber warum wollen Sie „bei aller Liebe keine 20 mehr sein“?

Ach, die Leute jammern immer so über das Älterwerden. Ich habe mich gefragt, ob es mir als jungem Mann tatsächlich besser ging als heute – und die Antwort war eindeutig Nein! Wenn ich an damals denke, empfinde ich fast eher so etwas wie Mitleid. Der Song ist ein bisschen übertrieben, aber eigentlich doch ganz schön wahr.

Passend dazu nehmen Sie in „Männer ab 50“ Ihre Generation unter die Lupe?

In dem Song geht es hauptsächlich um Sex. Vielleicht sehen Männer mit Mitte 20 besser aus, aber mental ist ein Mann in meinem Alter attraktiver. Männer ab 50 sind nicht mehr so irre und triebgesteuert, sondern mit mehr Genuss bei der Sache. Das ist eine Tatsache, die  vielen Frauen gar nicht bewusst ist. Also musste ich ein aufklärerisches Lied darüber schreiben.

„Durchdrehen“ versprüht eine raue Acoustic-Punk-Attitüde. Wieviel Punk steckt noch in einem Liedermacher jenseits der 50?

Ich glaube, in mir war immer gleich viel Punk. Der Punk ist ein relevanter Bestandteil meiner Gesamtpersönlichkeit und hat jetzt sogar mehr Freiheiten, als noch vor zehn Jahren. Damals mit 40 dachte ich noch, ich müsste mal langsam ein bisschen erwachsen werden. Mittlerweile habe ich eingesehen, dass das bei mir eh nichts mehr wird und letztlich auch gut so ist. 

Und was hat der Mond den Menschen im gleichnamigen Lied zu sagen?

„Was der Mond den Menschen zu sagen hat“ ist sehr vielschichtig in seiner Bedeutung – am Ende geht es wahrscheinlich um die Selbstüberschätzung des Menschen. Was sind wir denn schon? Eine nicht besonders ansteckende Planetenkrankheit, die sich am Ende selbst vernichtet. Unsere universale Bedeutung ist jedenfalls zu vernachlässigen.

Wie beim Vorgängeralbum „Krieg & Frieden“ haben Sie auch auf „Sittenstrolch“ mit einer Band gearbeitet. Gibt es auch Unterschiede?

Ich glaube, dass die Songs auf dem neuen Album noch stärker sind. Ich bin zuletzt durch mehrere emotionale Höhen und Tiefen gegangen und hatte mehr Zeit zum Schreiben. Daher gibt es auch mehr Balladen als früher – das sind Sachen, die ganz tief aus dem Herzen kommen.

Und was darf man von Ihnen auf der Bühne erwarten?

Ich gehe jetzt wieder solo ohne Band auf Tour. Ich liebe die Freiheit, die ich dadurch habe, wenn ich ohne festen Plan auf die Bühne gehe und ganz spontan reagieren kann. Mein Repertoire ist solo unendlich viel größer, als es mit jeder Band sein könnte. Und die Texte kommen so live auch besser durch. Irgendwann kriege ich auch bestimmt mal wieder Lust, mit anderen Leuten Live-Musik zu machen, aber im Augenblick ist der Solo-Auftritt für mich das bessere Konzept.

Interview: Thorsten Hengst

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