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Grenzgänger Dieter Nuhr in der Lokhalle

Kabarett und Comedy Grenzgänger Dieter Nuhr in der Lokhalle

Dieter Nuhr ist ein Grenzgänger. Nicht, dass seine Themen etwas Besonderes wären – es ist ihre Präsentation, die sich irgendwo zwischen Comedy und Kabarett befindet. Welche Vor- und Nachteile das haben kann, konnten die Zuschauer in der Lokhalle erleben, in der Nuhr  sein jüngstes Bühnenprogramm „Nuhr unter uns“ präsentierte.

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Meisterhafter Rhetoriker, der seine Pointen und Pausen geschickt setzt: Dieter Nuhr.

Quelle: Heller

Göttingen. Dieses ist bereits das neunte Programm, das der nimmermüde Ratinger auf die Bühne bringt – auf seine schwarzhumorige, süffisante und ihm ganz eigene Weise. Nuhr redet nicht laut, muss er auch nicht. Seine Stimme wird fast permanent von einem hintergründigen Flüsterton gefärbt, mit dem er gesamtgesellschaftliche Problemfelder und Kuriositäten des Alltags gleichermaßen seziert. Seine Pointen sind äußerst geschickt gesetzt: Meist reicht eine kurze Pause vor dem Ende des Satzes, den er nur mit einem zusätzlichen Wort zu vollenden braucht, damit das Publikum in Gelächter ausbricht. Er ist ein meisterhafter Rhetoriker, der seine Lacher ökonomisch und mit pragmatischem Gleichmut genau da setzt, wo er sie haben will.

Sein Stil steht irgendwo zwischen Rüdiger Hoffmann und Hagen Rether, ohne zu sehr an einen der beiden zu erinnern. Seine Alltagsbeobachtungen sind scharf und offenbaren neue Perspektiven. Im Hinblick auf die rasante Entwicklung der Telekommunikation, die das Telefonbuch fast verdrängt hat, sagt Nuhr trocken: „Wenn ein Datenschützer von heute ein Telefonbuch sehen müsste, würde der sich erschießen. Oder zumindest die Zuordnung von Namen und Nummern unkenntlich machen“. Es gehört viel dazu, auf gleichzeitig subtile und eingängige Weise auf den Datenschutzfetisch der Deutschen aufmerksam zu machen.

Nuhr verfällt dem Mars-Venus-Wahn

Gleichzeitig ziehen sich aber auch Themen durch das Programm, die man sich von einem so scharfen Denker anders präsentiert gewünscht hätte: Auch Nuhr verfällt dem Mars-Venus-Wahn, wenn er auf Klischees von unordentlichen Handtaschen und ungewaschenen Männern herumreitet („Viele Männer werden erst nach ihrem Tod mal richtig gewaschen und gesalbt“).

Ebenso erstaunlich ist die Tatsache, dass ein Träger des Deutschen Kleinkunstpreises über „den Kulturbereich Naher Osten“ spricht und durch die Blume alle Bewohner dieses riesigen Gebietes als fahnenverbrennende und jungfraugeile Terroristen denunziert. Sicher, Kabarett darf alles – aber nur sofern es in seiner Betrachtung genauso ambivalent bleibt wie die Problemfelder, mit denen es sich auseinandersetzt. Dies gelingt Nuhr, der bezeichnenderweise auch den Deutschen Comedypreis ergattern konnte, an diesem Abend aber nicht durchgängig.

Ob die Fusion aus Comedy und Kabarett ihm nun zum Vor- oder Nachteil gereicht, ist letztlich eine Frage des Geschmacks und der Toleranz. Fest steht, dass ein Redner wie Nuhr eine breite Anerkennung durchaus verdient hat. Grenzgänger haben es eben niemals leicht.

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