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Großartige Grenzenlosigkeit der Avantgarde

Jazzfestival Großartige Grenzenlosigkeit der Avantgarde

Im Jazz ist es wie in der Wissenschaft: Aktuelle Fragestellungen und Strömungen sind am interessantesten. Das 32. Göttinger Jazzfestival bot am Freitag und Sonnabend im ausverkauften Deutschen Theater Göttingen einen hervorragenden Überblick zur aktuellen Szene. Die Veranstalter huldigten der Grenzenlosigkeit des heutigen Jazz und stellten Schlüsselfiguren der Szene vor.

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Neues Selbstbewusstsein der jungen New Yorker Avantgarde: Reut Regev.

Quelle: Heller

Reut Regev war am Freitag ein Traumstart für dieses Festival. Die Posaunistin repräsentiert das neue Selbstbewusstsein der jungen New Yorker Avantgarde und zeigte die Regeln im heutigen Jazz – nichts muss, alles kann:

Das Quartett spielte sperrig und zugleich mitreißend rockig und funky. Doch so sehr sich die Bandleaderin auch ins Zeug legte – die Show stahl ihr Cellist Vincent Ségal, der bei Sting spielt und exklusiv aus Paris kam. Zupfend und streichend entlockte er seinem Instrument Sounds einer E-Gitarre.

Ganz schön alt sah Mike Stern bei seinem umjubelten Auftritt aus. Der bestens gelaunte Fusion-Musiker verließ sich auf das Patentrezept der 1980er Jahre: schneller, lauter, oberflächlicher. Der Gitarrist mit dem weichen Ton versuchte, sich mit seiner Virtuosität selbst aus dem Weg zu gehen. Sein Gasttrompeter Randy Brecker wirkte unbeteiligt und verließ sich auf seinen gestochen scharfen Ton. Doch Stern kriegte die Kurve: Dank dem energiegeladenen Schlagzeuger Gary Husband und dem Bassisten Chris Minh Doky erreicht die Band eine unglaubliche Intensität. Zum Schluss taute auch Randy Brecker auf – Auftritt gerade noch gerettet.

Neuentdeckung

Der Sonnabend begann für viele Besucher mit einer Neuentdeckung: dem dänischen Trompeter Jens Winther. Sein Spiel changiert zwischen introvertiert und extrovertiert. Dabei kann sein herrlicher Ton glänzen und ganz zerbrechlich wirken. Sein Quartett spielte konzentriert, brillierte in Balladen und schaffte dramatische Klangbilder. Den rhythmischen Puls gab die französische Schlagzeug-Legende Daniel Humair. Der 71-Jährige spielte jugendlich frisch und fühlte sich mit seinem gewohnt kreativen und druckvollen Spiel wunderbar in die Musik ein.

Wie nah sich europäischer Virtuosen-Kult und nordafrikanische Trance-Tradition sind, bewies anschließend das Trio von Joachim Kühn. Der Piano-Exzentriker brachte seinen Extase-Jazz mit dem Gleichmut des marokkanischen Sängers und Guembri-Spielers Majid Bekkas und der Nervosität des spanischen Drummers Ramon Lopez zusammen. Diese Fusion funktionierte, weil jeder Musiker sich in die Musikwelt der anderen hineinfühlte. So wurde die Musik zu einer ehrlichen zwischenmenschlichen Kommunikation – frei von einem aufgesetzten Weltmusik-Konzept.

Die Zeitlosigkeit des Jazz zelebrierte der sympathische Bass-Guru Dave Holland mit seinem hochkarätig besetztem „Overtone-Quartett“ zum Abschluss des Festivals. Die Form der Musik wirkte auf den ersten Blick konventionell – entscheidend war, was innerhalb der Form an Details passiert. Der Bassist, Saxofonist Chris Potter, Pianist Jason Moran und der überragende Drummer Eric Harland ließen durch ihr ergreifendes Spiel und dem transparenten Bandsound Balladen zur emotionalen, hymnischen Offenbarung werden. Aufgeladen mit der positiven Energie dieser Musik, gingen die Besucher auf den Heimweg – mit Vorfreude auf das nächste Jazzfestival.

Von Udo Hinz

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