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Günther Fleckenstein inszeniert Glenn Walbaums Kästner-Programm

„Glossen für Zeitgenossen“ Günther Fleckenstein inszeniert Glenn Walbaums Kästner-Programm

Kabarett hat Glenn Walbaum schon immer gemacht: solo und mit Partner, zeitweise beim Düsseldorfer „Kom(m)ödchen“, aber meist in Eigenregie. Sein Repertoire reicht von Georg Kreisler bis zum inzwischen verabschiedeten ländlich-südniedersächsischen Programm „Hier, höre zu“.

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Mit gesunder Distanz: Glenn Walbaum.

Quelle: Theodoro da Silva

Mit seinem neuen Erich-Kästner-Programm „Glossen für Zeitgenossen“, das jetzt Premiere im Göttinger Apex hatte, verhält es sich anders.

Zwar begleitet sich Walbaum wie auch sonst am Klavier bei den selbstkomponierten Liedern, diesmal aber hat er sich inszenieren lassen. Regisseur (und Augenzeuge) des Abends war Günther Fleckenstein, von 1966 bis 1986 Intendant des Deutschen Theaters (DT) Göttingen. Mit Walbaum hat der heute 86-jährige Theatermann sowohl in Göttingen als auch in seiner Funktion als Intendant der Bad Hersfelder Festspiele (1976 bis 1981) viel zusammengearbeitet.

Die beiden kennen sich also – und das merkt man an diesem Abend deutlich. Denn es ist Regisseur Fleckenstein gelungen, dem gern vorn an der Rampe agierenden, bisweilen sichtlich gern um die Gunst des Publikums buhlenden Walbaum eine Portion Distanz zu injizieren, zugleich auch eine Diszipliniertheit des Sprechens, dank derer Walbaum nachdenkenswerte Passagen – von denen es bei Kästner sehr viele gibt – in einem gezügelten Tempo präsentiert.

Auch 36 Jahre nach seinem Tod sind Kästners Texte überraschend aktuell. Ob er über Milliardäre räsonniert („Ach, gäbe es nur ein Dutzend Weise mit eurem Geld!“) oder die gewohnte Logik der Ökonomie mit so einfachen Sätzen wie „Kredit ist Geld, das keiner besitzt“ in Frage stellt, ist heute so gültig wie in Kästners scheinbar so ferner Vergangenheit. Was Kästner von vielen heutigen Spaßmachern der Nation unterscheidet, ist zum einen der Ernst, mit dem er Spaß macht, zum anderen seine unerschütterliche Menschenliebe. Und die in allem berechtigten Pessimismus immer auch ein Plätzchen für Hoffnung offenhält.

Der überzeugte Pazifist Kästner (1899-1974) kommt zu Wort („Kennst du das Land, wo die Kanonen blüh’n“), der Zeitzeuge, der 1933 die Verbrennung seiner eigenen Bücher miterlebt. Mit einfachen Mitteln bringt Walbaum verschiedene Farben ins Programm – mit gesprochenen und gesungenen, zum Teil pfiffig vertonten Texten, mit Mundarten (wobei ihm das Wienerische besser gelingt als der Ausflug ins Sächsische) oder bisweilen in der Rolle des Jahrmarktschreiers. Ob es wirklich nötig ist, bei einigen Refrains (zum Glück wenigen) das Publikum zum Mitsingen aufzufordern, sei dahingestellt.

Zu den Zuhörern, die am Ende dieses gut anderthalbstündigen Abends im ausverkauften Hause begeistert applaudierten, gehörte auch ein aus Essen angereister Ex-Göttinger: Kurt Busch, Göttingens Oberstadtdirektor in der Zeit, in der Fleckenstein Intendant am DT war. Schade nur, dass der Altersdurchschnitt bei der Premiere so hoch lag. Denn dieses Programm ist auch für jüngere Menschen attraktiv.

Nächster Termin: Freitag, 13. August, um 20.15 Uhr im Göttinger Apex, Burgstraße 46. Karten unter Telefon 05     51    / 44    77    1.

Von Michael Schäfer

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