Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 4 ° Sprühregen

Navigation:
Händel-Festspiele Göttingen: Immo Karaman über die Opernproduktion

Interview Händel-Festspiele Göttingen: Immo Karaman über die Opernproduktion

Der 1972 geborene Theaterregisseur Immo Karaman inszeniert die Oper „Siroe, Re di Persia“, mit der die diesjährigen Internationalen Händel-Festspiele  Göttingen eröffnet werden. Im Tageblatt-Interview verrät er, welches dramaturgische Konzept er in seiner Arbeit verfolgt.

Voriger Artikel
Pianist Juan María Solares im Göttinger Goethe-Institut
Nächster Artikel
Premiere von „Alle sieben Wellen“ im Deutschen Theater

Setzt in seiner Inszenierung auf Empathie: Immo Karaman.

Quelle: Pförtner

Im Festspielmagazin ist zu lesen, dass Sie der Stoff der diesjährigen Opernproduktion „Siroe, Re di Persia“ an Shakespeares King Lear erinnert. Können Sie diese Verbindung weiter ausführen?
Der Grundkonflikt ist ja ganz einfach zu erzählen. Ein Patriarch trifft die Entscheidung, seine Macht an die nächste Generation abzutreten. In dem Moment der Machtübergabe, wie bei King Lear, gibt es ein Missverständnis. Dieses Missverständnis entsteht durch einen Generationskonflikt, und so ist in dem Moment, wo der Vater schon ausgesprochen hat, dass er abtreten will, noch kein zukünftiger Regent gefunden.

Und in diesem Vakuum entsteht eigentlich all das, was substanziell das System des Vaters unterläuft, zerfrisst und sich zuweilen in Anarchie und Chaos formuliert.

Ist der Vater in beiden Stücken eine Schlüsselfigur für Sie?
Absolut. Insofern, dass er natürlich ein Synonym für das System eines Patriarchen wird. Und dieses System als Gesellschaftsprinzip lässt sich im Kleinen wie im Großen finden. Der Mikrokosmos der Familie ist in diesem Stück aber gleichzeitig der Staat, und die Anarchie überträgt sich dann gleichzeitig auf ihn.

Menschen, die in den Bürgerkrieg fallen – also nichts anderes, als was wir im Moment in Syrien erleben. Ein System, das sich von innen auffrisst.

Sehen Sie in Siroe einen so aktuellen Bezug, dass Sie auch politisch ein Statement abgeben wollen?
Also ich bin ja der Meinung, dass eine Geschichte immer relevant wird, wenn wir uns mit ihr befassen. Es ist eine Suche, wo wir das Stück anpacken. Ich finde es elementar, dass wir uns den Konflikten über die Empathie zuwenden und nicht über ein Statement zu einem politischen System.

Ich bin mir sicher, dass wir dann immer nur Oberfläche auf Oberfläche treffen lassen, so wie ich denke, dass wir einen Menschen von seiner Oberfläche als Menschen interpretieren, aber nicht als Menschen erleben können. So ist es eigentlich eine Not, dass man eben aus Fragen des Anstandes und des Umstandes eigentlich zu den Zuständen gerät …

… und die entwickeln Sie aus den Personen heraus.
Absolut. Was dieses Stück schafft, ist, dass wir eine sehr komprimierte Sammlung von Zuständen erleben. Von Einzelszenen, die dem Prinzip der Barockoper folgen, also schon eine gewisse Aneinanderreihung von Szenen sind. Die Serialität der Nummern in diesem Stück entwickelt zuweilen eine Dramatik der Akkumulation.

Das heißt, ich spüre einfach Situationen, die nicht dramatisch aufeinander aufbauen, aber unglaublich brutal Spotlights auf Ängste, Nöte und Hysterien setzen. Das ist eine Dramaturgie, die höchst spannend ist, weil die Geschichte nicht dem Prinzip des klassischen Dramas folgt.

Der Reiz besteht also aus der Aneinanderreihung dieser Spotlights? Die großen Tragödien von Shakespeare mit ihrem kunstvollen Spannungsbogen sind jedenfalls etwas ganz anderes.
Auf jeden Fall. Ich glaube, diesen Spannungsbogen erlebt man als Zuschauer auf einer anderen Ebene. Ich bin bei meinen Arbeiten ohnehin immer sehr daran interessiert, erst mal den „Schlamm“ zu entdecken. Also nicht gleich für klares Wasser zu sorgen, sondern sich an einem Konglomerat an verrotteten Dingen zu erfreuen, die sich zu einem neuen Stoff ergeben, der neugierig darauf macht, was in ihm verborgen ist.

Aber als Mensch und Regisseur interessiert es mich eben, nur Umrisse freizulegen, um zu dem letztendlichen Schluss eben nicht über die Analyse zu kommen, sondern über die Empathie. Der letztendliche Schlüssel zum Menschen darf nicht über die Ratio verlaufen, das muss aus der Seele oder dem Herzen kommen.

Glauben Sie, dass eine gute Inszenierung musikalisches oder historisches Wissen überflüssig machen kann?
Das hängt sehr von jedem Einzelnen ab. Ich glaube, es ist erst mal gut, unvoreingenommen in die Oper zu kommen. Etwas Unvoreingenommenes hat immer etwas Richtiges in sich, und wir versuchen natürlich auch, die Geschichte wahr werden zu lassen, ohne dass man eine Händel-Biographie oder ein Kompendium über den Staat im 17. und 18. Jahrhundert gelesen haben muss.

Aber für mich setzt die Frage eher da an, wie wir heute in die Oper einladen können. Denn wir möchten alle einladen. Etikette darf dabei kein Hindernis darstellen.

Für die Vorstellungen am 12., 14., 15., 19. und 20. Mai gibt es noch Tickets in den Tageblattgeschäftsstelle, Jüdenstraße 13c in Göttingen und Auf der Spiegelbrücke 11 in Duderstadt.
Voriger Artikel
Nächster Artikel
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag