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Hand auf dem Busen

„Der Mann in ihr“ Hand auf dem Busen

Sehr fraulich steht Helen auf der Bühne. Geradezu überweiblich. Sie trägt einen ausladenden Reifrock, ihr Blazer glänzt, über der Schulter trägt sie einen Pelz. Weiße Handschuhe reichen bis über die Ellbogen.

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Zwischen Frau und Mann: Helen (Gaby Dey).

Quelle: Wienarsch

Helen ist in einem Alter, in dem sich der Körper der Frau verändert. Die Menopause vermutet Regisseur Max Claessen dahinter, auf jeden Fall das Altern. Helen ist die Protagonistin in dem Stück „Der Mann in ihr“ von der Britin Claire Dowie, sich seit Ende der 1980er Jahre theatralisch mit dem Verhältnis zwischen den Geschlechtern befasst. Claessen hat die Vorlage auf der Kellerbühne des Deutschen Theaters (DT) Göttingen inszeniert. Premiere war am Dienstagabend.

Helens Fraulichkeit verschwindet langsam. Ihr einer Fuß sei gewachsen, erzählt sie, „von Schuhgröße 36 auf 42“, über Nacht. Hautpilz hat sich breit gemacht zwischen den Zehen, „ungepflegt“ nennt sie den Fuß, der an der Hacke ganz rau ist, und ekelt sich. Beim Aufwachen lag ihre rechte Hand auf dem Busen und knetete ihn. „Sie riecht anders als meine“, sagt Helen. Es ist die Hand eines Mannes, eines sexuell fordernden Mannes.

Gaby Dey spielt diese Frau, die versucht, mit der Verformung ihres Körpers zurecht zu kommen. Sie ist verstört, sie kämpft dagegen an und fügt sich doch. Rund 50 Minuten braucht die Verwandlung auf der Bühne, die keine vollständige ist. Natürlich blitzen Stereotype auf, wenn die männliche Helen breitbeinig dasteht und jedem Hintern hinterherschaut. Der Mann ist ein Tier, ewig auf der Jagd nach Sex. Doch Deys Spiel reduziert die Nähe zum Klischee, die im Stück angelegt ist, auf ein erträgliches Maß. Ihre Helen berührt.

Genau hingeschaut

Ausstatterin Chili Martina Seitz hat Helen mit viel Phantasie ausgestattet, die im Laufe der Mannwerdung deutlich nachlässt. Zauberhaft der Reifenrock und die Handschuhe zu Beginn, später dann entzauberte Durchschnittskleidung. Ihr Bühnenbild ist bestimmt von einer Balkenkonstruktion, die Raum andeutet.

Claessen, in seinem ersten Jahr als freier Regisseur, hat genau hingeschaut. Er hat einen kompakten Abend entworfen, in dem Schauspielerin Dey groß aufspielt. Das Premierenpublikum feierte begeistert die bemerkenswerte Vorstellung.

Weitere Aufführungen: am 29. November und 9. Dezember im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Karten gibt es unter der Telefonnummer 05    51   /    49    69    11.

Von Peter Krüger-Lenz

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