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„Im Kino“ mit Harald Martenstein

Göttinger Literaturherbst „Im Kino“ mit Harald Martenstein

Die Kolumnen von Harald Martenstein bewegen nicht die Welt, so das Urteil des Verfassers selbst – aber die Gemüter der Gäste in der ausverkauften Schauburg haben sie allemal bewegt. Zum 26. Göttinger Literaturherbst stellte der Journalist und Autor unter anderem sein neues Werk „Im Kino“ vor.

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Martenstein

Quelle: r

Northeim. Die Kolumnen von Harald Martenstein bewegen nicht die Welt, so das Urteil des Verfassers selbst – aber die Gemüter der Gäste in der ausverkauften Schauburg haben sie allemal bewegt. Zum 26. Göttinger Literaturherbst stellte der Journalist und Autor unter anderem sein neues Werk „Im Kino“ vor.

Eine Literaturlesung im Kinosaal – so wurde zumindest für das Titelthema das passende Ambiente geschaffen. Martensteins Job ist das Schreiben, und manchmal schreibt er eben auch über Filme. Die Zuhörer erfuhren, wie der junge Journalist in den 1970er-Jahren in das Kultur-Ressort einer kleinen Zeitung hineingestolpert ist. Er meinte, von nichts eine Ahnung zu haben und hoffte, dass Filmrezensionen vielleicht das kleinste Übel im Kultursektor seien. Seitdem schrieb er immer wieder Film-Kritiken, zum Teil auch auf der Berlinale. „Da musste ich tagelang Filme sehen, in denen es Menschen schlecht geht“, klagte Martenstein und forderte mehr Sonne und Sozialgerechtigkeit in Filmen. Nach der Berlinale habe er alle Folgen der Schwarzwaldklinik zum Neutralisieren seines traurigen Gemüts gebraucht.

Als Kolumnist der Zeit, des Tagesspiegels und anderer Zeitschriften hat er sich unter anderem durch seinen scharfen und humoristischen Blick auf scheinbare Alltäglichkeiten und Absurditäten im Weltgeschehen einen Namen gemacht. Seine einprägsame Erzählstimme ist in Radiosendungen auch einer breitgefächerten Hörerschaft vertraut.

In der Neuen Schauburg in Northeim sei er das erste Mal, gab Martenstein schmunzelnd bekannt und versprach dem Publikum zunächst ein paar Beiträge zur aktuellen politischen Situation in Deutschland, aber danach würde er die „Biege zum Kino“ schon schaffen. Eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Emnid nahm er zur Grundlage, um die Psyche des deutschen Wählers zu analysieren. Da ging es um Identitätsfindung, Freiheitsgedanken, Machtgefühl und Gottesbezug der Wähler, bezogen auf die vermeintlichen Themen-Schwerpunkte der Parteien.

Und auch die deutsche Leitkultur wurde bloßgestellt – im wahrsten Sinne. „Der Deutsche will nackt sein“, offenbarte Martenstein anhand vieler Beispiele aus Sauna, Nacktwanderwegen, FKK-Stränden und einer Einladung zur Lesung in einem Nudisten-Verein, die dann aber doch angezogen stattfand. „Was ist an unserem Leben heute noch natürlich?“, fragte er, die Kurve kriegend, zum nächsten Thema überleitend: Natur als schlimmster Feind des Menschen – garantiert tödlich. Sehnsucht zum ewigen Leben, Nihilierung der Vergänglichkeit, Wunsch nach Kontrolle, zum Beispiel durch „social freezing“, dem Einfrieren weiblicher Eizellen, um mögliche Schwangerschaften zeitlich bestimmen zu können, wurden in Martensteinscher Manier aufs Korn genommen. Übrig blieb immer dieser Beigeschmack von Absurdität vermeintlicher kultureller, politischer und gesellschaftlicher Errungenschaften.

Journalistisch dagegen anzuschreiben, würde die Welt auch nicht ändern, meinte Martenstein, „als Journalist bewirkt man nichts“, stellte er fest. Dennoch kam beim Publikum die humoristische Sicht auf all die Unabänderlichkeiten gut an, um Zugabe wurde geklatscht, und die gab es dann auch.

Von Claudia Nachtwey

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