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Harry Rowohlt liest aus den Gedichten von Joachim Ringelnatz

Junges Theater Göttingen Harry Rowohlt liest aus den Gedichten von Joachim Ringelnatz

Wie ein Seebär sieht er aus, mit seinem dichten, weißen Bart. Und wie ein Seebär klingt Harry Rowohlt auch. Mit brummiger Stimme trägt er, den Göttinger Elch an die linke Brust geheftet, im bis auf die letzten Plätze ausverkauften Jungen Theater in Göttingen Gedichte von Joachim Ringelnatz (1883 bis 1934) vor.

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Flüsternd, brummend, polternd: Harry Rowohlt trägt Ringelnatz vor.

Quelle: Theodoro da Silva

„Wie die eigene Spucke schmeckt, das weiß man nicht“ ist der Titel des Abends nach einem Gedicht Ringelnatz. „An der Exegese: Christian Maintz!“, stellt Rowohlt seinen Sidekick vor. Maintz, Autor und Dozent an der Universität Hamburg, liefert dann auch den literaturwissenschaftlichen Überbau zu Ringelnatz.

Doch eigentlich sind die zwei Herren zu dritt, denn wenn Maintz aus Ringelnatz Leben erzählt und Rowohlt wie zur Untermauerung der Maintzen Thesen dessen Gedichte vorträgt, scheint es fast so, als sei der Autor auf der Bühne mit von der Partie. Wobei es auch am kongenialen Vorleser Rowohlt liegt, der aus jedem Gedicht ein Ein-Mann-Stück zaubert.
Innerhalb eines Vierzeilers zu flüstern, zu brummen, laut zu poltern, und dann wieder ganz leise zu sein, amüsiert und fasziniert zugleich. Als er dann noch mit einem sonoren Bass die Hymne Hamburgs anstimmt, gehören ihm die Herzen des Göttinger Publikums vollends.

Da kann man schon verstehen, dass Maintz es einen „undankbaren Job“ nennt, als Theoretiker neben Rowohlt zu sitzen. „Pappnase und weißer Clown“, nennt er die Konstellation Rowohlt und Maintz. Schon in seinem Abschlusszeugnis als „unverbesserlicher Rüpel“ tituliert, war Ringelnatz, eigentlich Hans Bötticher, Zeit seines Lebens ein „Schalk“, berichtet Maintz. Seine skurrilen Gedichte berührten und bewegten zugleich, so der Literaturwissenschaftler weiter. In Tier- und erotischen Gedichten dichtete Ringelnatz „hemmungslos albern“. Dass er deshalb lange von der seriösen Literaturkritik nicht ernstgenommen worden sei, können beide nicht verstehen.

So sind am Ende der Vorstellung alle glücklich: Die Zuschauer, weil sie etwas gelernt und viel gelacht haben. Und Rowohlt und Maintz, weil es ihnen gelungen ist, den Abend ganz im Sinne Ringelnatz zu gestalten: „Lebe, lache gut! Mache deine Sache gut!“

Corinna Berghahn

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