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„Herr Puntila und sein Knecht Matti“ im Deutschen Theater

Premiere in Göttingen „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ im Deutschen Theater

Mit „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ bringt das Deutsche Theater (DT) eines der populärsten Stücke Bertolt Brechts auf die Bühne. Am Sonnabend war Premiere in der Inszenierung von Christoph Mehler.

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Volker Muthmann und Dorothée Neff in „Herr Puntila und sein Knecht Matti“

Quelle: Georges Pauly

Göttingen. Hat Gutsherr Puntila (Gabriel von Berlepsch) mal wieder einen Aquavit über den Durst getrunken, gibt er sich verständnisvoll, behandelt seinen Chauffeur Matti (Volker Muthmann) wie einen alten Freund und bezeichnet sich selbst sogar als Kommunisten. Nüchtern will er sich an seine großzügigen Worte und Versprechungen nicht erinnern, macht Matti für seine Fehltritte verantwortlich und lässt keinen Widerspruch gelten. In der Inszenierung von Regisseur Christoph Mehler wird Matti vom nüchternen Puntila wie ein Hund herumgezerrt, sobald dieser aber betrunken ist überschwänglich umarmt.

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„Herr Puntila und sein Knecht Matti“ im Deutschen Theater

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Puntilas Tochter Eva (Dorothée Neff) soll den Attaché (Judith Strößenreuter) heiraten, interessiert sich aber viel mehr für Matti als für den ihr Zugedachten. Um eine Verlobung zu verhindern imitieren die beiden im Badehaus eine kompromittierende Szene - vergebens. Bei der Verlobungsfeier betrinkt sich Puntila und jagt den Attaché vom Hof. Dann beschließt er eine Verlobung von Eva mit Matti. Matti zeigt aber, dass Eva als eine Arbeiterfrau völlig ungeeignet ist. In der Fassung von Brecht endet das Stück damit, dass Matti sich von der Unterdrückung Pontilas befreit und den Hof verlässt. Mehler entschied sich jedoch für ein anderes Ende.

Die Bühne wirkt groß, aber düster – wie eine Fabrikhalle Ende des 19. Jahrhunderts. Dazu passend der Chor: ärmlich gekleidet, bleich und alt (Kostüme Jennifer Hörr) sehen die Mitglieder aus wie Geisterarbeiter. Der Chor erfüllt seine Rolle als Stimme der Unterschicht und Dienerschaft, löst das Gesagte noch weiter von einzelnen Personen ab und verallgemeinert es. Dies passiert ganz im Sinne Brechts, dem Begründer des Epischen Theaters: Nicht das individuelle Schicksal steht im Mittelpunkt, sondern gesellschaftliche Konflikte sollen auf der Bühne durchschaubar und verständlich gemacht werden. Die maskenhaften, schrillen und überspitzt dargestellten Charaktere machen den Besucher mehr zum Beobachter als zum emotionalen Teilnehmer des Stücks. Obwohl die Inszenierung sich weitestgehend an den Originaltext hält und es nur wenige Hinweise auf die Aktualität des Bühnengeschehens gibt, sind die angesprochenen Themen der Ungleichheit, Ausbeutung und Scheinheiligkeit allgegenwärtig. Das Publikum muss selbst weiterdenken, sei es an die Macht von Großunternehmen wie Facebook und Google über Menschen, sei es die Selbstverständlichkeit, mit der bei Bekleidungsketten gekauft wird, ohne die Herstellungsbedingungen der Kleidungsstücke zu hinterfragen.

Die Schauspieler zeigen außergewöhnlichen Körpereinsatz, beispielsweise wenn sie wie Tiere über die Bühne kriechen. Durch die Überzeichnung der Mimik und Gestik erinnern die Charaktere an Spielpuppen. Für einen Zuschauer, der die Handlung des Stückes vorher nicht kannte, mögen die teilweise zusammengekürzten Szenen bisweilen nicht leicht verständlich sein. Im übrigen verwirklicht diese Inszenierung von „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ Brechts Idee des epischen Theaters und ist als solches sehenswert.

Die nächsten Vorstellungen: 18., 20. und 26. Oktober, 25. November sowie am 1. und 18. Dezember um 19.45 Uhr im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 0551 / 4969300. Karten gibt es auch in den Geschäftsstellen des Göttinger und Eichsfelder Tageblatts, Weender Straße 44 in Göttingen beziehungsweise Marktstraße 9 in Duderstadt, und online: gt-tickets.de.

Von Katrin Strassen

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