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Regional Werkgruppe 2 zeigt „Im Dorf“
Nachrichten Kultur Regional Werkgruppe 2 zeigt „Im Dorf“
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14:18 28.09.2018
Das erste gemeinsame Weihnachten im Dorf: Elisabeth-Marie Leistikow (Beate) und Ahmad Kiki (Asan). Quelle: CHH
Obernfeld

Am Donnerstag war die Premiere im Museumskrug in Obernfeld.

Asan ist vor dem Krieg in Syrien nach Deutschland geflüchtet. Beate arbeitet in der Betreuung der Flüchtlinge, die beiden verlieben sich. Sie wird schwanger. Als Beates Vertrag nicht verlängert wird, ziehen sie ins kleine thüringische Dorf zurück, aus dem Beate stammt. Beates Eltern haben hier die Dorfgaststätte. Asan ist der erste Ausländer in dem Dorf.

Für das neue Theaterprojekt der Werkgruppe 2 haben Silke Merzhäuser und Julia Roesler (Regie) seit Herbst 2016 in einem kleinen Dorf im Eichsfeld recherchiert und viele Stunden Interviews geführt. Seit 2009 produziert das Theaterkollektiv solche dokumentarische Inszenierungen. 100 Seiten Text hatten Merzhäuser und Roesler für „Im Dorf“ nach der Transkription, auf die Bühne haben es 30 Seiten davon geschafft. Die Gespräche werden wörtlich wiedergegeben. Mit ihrem neuen Stück werden sie über die Dörfer von Obernfeld bis Ferna und Lenglern ziehen.

Premiere in Obernfeld

Aus der Notwendigkeit eines Bühnenbildes, das in jedem Saal aufgebaut werden kann, hat Lea Dietrich (Ausstattung) einige schöne Ideen entwickelt. Auf Stangen etwa hängen rund um die Zuschauerplätze Masken und Pappkostüme. Elisabeth-Marie Leistikow (Beate) und Ahmad Kiki (Asan) streifen sie über – und fertig ist eine weitere Person aus dem Dorf, der sie eine Stimme geben. Frühjahr 2016, Weihnachten 2016, Fasching 2017, ein einfacher Abreiß-Kalender führt den Zuschauer durch die Zeit. Livemusik von Esra Dalfidan (Gesang) und Uli Genenger (Schlagzeug) gibt der Inszenierung einen gelungenen Rahmen.

Zwischen Euphorie und Durchhaltewillen

Als Asan und Beate erzählen die beiden Schauspieler von den Problemen und Entscheidungen des Paares: Soll Asan einen Schulabschluss machen oder lieber arbeiten gehen? Soll das Kind getauft werden? Die Familie nachgeholt? Mit ihrem glaubhaftem Spiel zwischen Euphorie, Leichtigkeit, Kummer und Durchhaltewillen schaffen Leistikow und Kiki eine intensive Atmosphäre. Schön auch, wenn sie mit den Masken in andere Rollen schlüpfen. Leistikow beispielsweise als zufriedener, jovialer Bürgermeister: „Unser Ort kann nicht besser sein.“ Flüchtlingsfamilien integrieren? Ja sicher, aber was sollen die im ländlichen Raum? In der Stadt haben die es doch besser.

Keiner ist gegen Asan, Beates Eltern, vor allem der Vater kommen gut mit ihm klar. Die Tante bemüht sich Weihnachten Gerichte zuzubereiten, die alle essen können. Der katholische Pfarrer ist schon dafür, dass sich die Flüchtlinge auch im ländlichen Raum durchboxen. Und doch kommen die Dorfbewohner nicht mit Beate und Asan klar, so zeigt es das ausgesuchte dokumentarische Material.

Jetzt und hier im Dorf geht es nicht

Die anfängliche Bereitschaft Asan zu akzeptieren — „zupacken und arbeiten kann er ja“ — weicht den alten Vorurteilen. Der Vater glaubt, dass eine gute Verbindung zwischen Deutschen und Geflüchteten kommen wird, kommen muss. Aber auch er merkt, jetzt und hier im Dorf geht es nicht.

Beziehungen zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen oft schwierig. Hier kommen noch Kriegserinnerungen und die Erfahrung der Ausgrenzung im Dorf, die Sehnsucht nach der Familie hinzu. Nach knapp zwei Jahren sehen Asan und Beate ernüchtert auf ihre Beziehung. Sie geht davon aus, dass er nach Syrien zurückgehen wird. Sie sieht, dass er auf Dauer ohne seine Familie nicht zurechtkommt. Er will nicht so leicht aufgeben, verzweifelt aber auch daran, dass sie beispielsweise nicht nach Syrien mit ihm gehen will. Auch wenn der Krieg zu Ende wäre.

Die Werkgruppe zeigt mit ihrer sehenswerten Inszenierung ein Stück schwierige Realität.

Weitere Vorstellungen

Nächste Vorstellungen: 28. September in Obernfeld und am 29. September in Gelliehausen, am 18. Oktober in Wehnde, am 19. und 20. in Lenglern, am 25. in Gladebeck, am 26. in Siemerode sowie am 27. und 28. in Rüdershausen, am 3. November in Ecklingerode, am 4. in Ferna, am 15. in Jützenbach sowie am 16. und 17. in Nesselröden.

Karten gibt es im Vorverkauf unter Telefon 05 51 / 389 01 61 und per Mail an info@werkgruppe2.de.

Von Christiane Böhm

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