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Regional Im Gespräch über Luther
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00:20 22.10.2017
(v.l.) Kaufmann und Delius im Gespräch über Luther. Quelle: Michael Schäfer
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Bursfelde

Mit seinem Buch unter dem provokanten Titel „Warum Luther die Reformation versemmelt hat“ ist F. C. Delius in der diesjährigen Spiegel-Bestsellerliste Taschenbuch/Sachbuch auf Rang 33 vorgedrungen. Zum Literaturherbst traf er in der voll besetzten Klosterkirche mit dem Göttinger Kirchenhistoriker Prof. Thomas Kaufmann zusammen. Der stand 2016 mit seinem Buch zur Geschichte der Reformation („Erlöste und Verdammte“) sogar auf Rang 21 in der Kategorie Hardcover/Sachbuch.

Delius lässt seinen Ich-Erzähler 500 Jahre nach der Reformation den bronzenen Martin Luther vom Denkmalsockel holen: „Lockern Sie sich, Herr Doktor“. Der Gesprächsversuch, aufgelockert durch „einen guten Humpen Bier zur Belebung, Beruhigung oder seligen Erinnerung, ganz wie Sie wollen“, misslingt zwar. Denn Luther bleibt stumm. Doch kann der Erzähler deshalb unangefochten seine Thesen ausbreiten: Die Reformation sei auf halbem Wege stehengeblieben, weil Luther – einmal Augustinermönch, immer Augustinermönch – die augustinische Lehre von der Erbsünde nicht angetastet habe. Diese Lehre aber sei mit der Bibel nicht zu vereinbaren: Dass sich die Erbsünde von Adam auf alle nachfolgenden Generationen fortpflanze, beruhe auf einem Fehler bei der Bibelübersetzung. Augustinus habe diese Irrlehre in der katholischen Kirche mit korrupten Methoden durchgesetzt. Zu den Folgen gehöre unter anderem bis heute die Verteufelung der Sexualität, dazu die Lehre, der Tod des Menschen sei eine Strafe Gottes für seine Sünden.

Anfangs traten Delius und Kaufmann in einen ganz gesitteten Dialog. Kaufmann wies darauf hin, die Luther-Reminiszenz, die Delius beschwöre, sei „eigentlich out“. Sie sei „in dieser Form für die gegenwärtige Auseinandersetzung mit Luther in keiner Weise repräsentativ“, doch „als literarische Idee okay“. Immerhin: „Sie reden mit dem Kerl noch.“

Die Theologie, so Kaufmann, sehe schon seit mindestens 200 Jahren die Erbsünde-Lehre anders, habe sie modifiziert. Seiner Ansicht nach sei diese Lehre vor allem ein Instrument zur Erklärung, wie das Böse in die Welt gekommen sei. Und Augustinus habe „eine Kirchenlehre konzipiert, die darauf abzielt, dass das Heilsinstitut Kirche unverzichtbar ist.“ Die Sakramentskirche stelle „das Instrument bereit, durch das die Totalkorruption des Menschen durch sakramentale Gnaden kuriert und therapiert wird.“

Delius zog sich daraufhin auf die Position zurück, dass er sich in der Theologie nicht so genau auskenne: „Ich kann Ihnen da gar nicht widersprechen. Sie sind der große Spezialist.“ Die Hintergründe des Erbsünde-Dogmas – Übersetzungsfehler und Korruption – seien ihm zuvor nicht bekannt gewesen, deshalb habe er sie in seiner Streitschrift ausbreiten wollen. Vehement wies Kaufmann „als historischer Besserwisser“ (O-Ton Kaufmann) Delius‘ Ansicht zurück, die Erbsündelehre werde bis heute ungebrochen als Instrument zur Verdammung der Sexualität genutzt. Und nachdrücklich korrigierte Kaufmann Delius‘ Ansichten über die protestantische Kirche: „Der Evangele muss gar nichts glauben. Der Evangele darf glauben!“ (Szenenapplaus) In einem Punkt waren sich die Kontrahenten einig: „Die Diagnostik des Bösen ist eine Herausforderung.“ Kaufmanns Schlusswort: „Eine Eigenschaft hat die Sünde nicht – nämlich langweilig zu sein.“

F. C. Delius: Warum Luther die Reformation versemmelt hat. Eine Streitschrift. Reinbek 2017, Rowohlt, 8 Euro.

Von Michael Schäfer

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