Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 3 ° Gewitter

Navigation:
Inzwischen verwanzen wir uns selbst

Ende des Privaten Inzwischen verwanzen wir uns selbst

Der Telefongigant Telefonica würzte den O2-Börsengang mit einer Ankündigung, die Datenschützer aufhorchen ließ. Der Konzern möchte Bewegungs- und Aufenthaltsdaten seiner Kunden – in Deutschland sind es rund 25 Millionen Menschen – an die Werbeindustrie verkaufen. Die Branche hat ein lebhaftes Interesse an nicht anonymisierten Kundendaten.

Voriger Artikel
Mit den Liedern Geschichten erzählen
Nächster Artikel
Sympathischer Kämpfer für den Jazz

Selbstdarstellung, Selbstenteignung: Evan Badens Foto-Kunstwerk „Emily“ aus dem Jahr 2010, zu sehen in der Frankfurter Schirn.

Quelle: EF

Welche Präferenzen wir haben, ob wir bei Kosmetikprodukten schwach werden, bei IT-Angeboten oder bei Reisen zuschlagen, legen wir offen – mit unserem Klickverhalten im Netz. Immer mehr Menschen bieten private Details in sozialen Netzwerken an. Die radikale Transparenzkultur lässt sentimental auf die Zeit zurückschauen, als Agenten Abhörwanzen in Damenhandtaschen oder Telefonhörer schmuggelten, um Menschen „abzuhören“. Inzwischen verwanzen wir uns selbst – und genießen es womöglich sogar, umfassend vernetzt und verdatet zu sein.

Dem Strukturwandel von Privat und Öffentlich begegnen Gegenwartsdiagnostiker mit einer wachsenden Zahl an Publikationen. Mit dem aktuellen Buch des Berliner Autors und Bloggers Christian Heller, „Post Privacy: Prima leben ohne Privatsphäre“ (C. H. Beck, 174 Seiten, 12,95 Euro), liegt nun auch so etwas wie ein Ratgeber für das Leben in der fortgeschrittenen Transparenzgesellschaft vor. Nach Hellers Einschätzung ist mit Google Street View, Facebook & Co. die Privatsphäre als Schutzraum gestorben. Nun gehe es darum, wie wir unser Leben ohne die Sicherheiten der Privatsphäre lebenswert machen können.

Einige Aufmerksamkeit erhielt der Philosoph und Medienwissenschaftler Byung-Chul Han mit seiner Streitschrift „Transparenzgesellschaft“ (Matthes und Seitz, 91 Seiten, 10 Euro). Totaldurchleuchtung, wie sie sich etwa in medialen Hetzjagden auf Politiker zeigt, nennt der Medienforscher „pornografisch“ und „totalitär“. Die forcierte Enthüllungskultur sei Ausdruck einer „besonderen Art seelischen Burn-outs“.

Als vom Aussterben bedroht gilt die Privatsphäre nicht erst seit Facebook. Die Philosophin Hannah Arendt beobachtete 1958, „dass das Absterben des Öffentlichen von einer radikalen Bedrohung des Privaten begleitet ist“ und eine „wirkliche Enteignung“ bedeute, eine Gefahr „für das Menschsein überhaupt“. Kein Teil der gemeinsamen Welt werde „so dringend und vordringlich von uns benötigt wie das kleine Stück Welt, das uns gehört“.

Ein Jahr nach Arendts Überlegungen zum Schwund der Privatsphäre filmte der amerikanische Künstler Stan Brakhage die Geburt seines Kindes und machte die intimen Szenen öffentlich. Der Film läuft in einer Themenschau der Frankfurter Schirn Kunsthalle mit dem Titel „Privat“, die sich ausdrücklich der „radikalen Auflösung der Privatsphäre und dem Weg in die Post-Privacy“ widmet und Werke unter anderem von Andy Warhol, Tracey Emin, Nan Goldin, Sophie Calle, Ai Weiwei und Mark Wallinger enthält.

Privat versus Öffentlich kann als private Wirtschaft versus öffentliche Politik aber auch als private Sexualität versus öffentliche Moral aufgefasst werden. Eine sich als progressiv verstehende Künstlerschaft konnte in den 60er und 70er Jahren die Veröffentlichung des Intimen als emanzipatorisches Mittel gegen (bürgerliche) Heuchelei ansehen. Das Motto lautete: „Das Private ist politisch“. Neue Brisanz erhält das Thema in China. Unter totalitären Vorzeichen kann es paradoxerweise ein Schutz sein, keine Privatsphäre zu haben, wie das Beispiel des Pekinger Künstlers, Regimekritikers und Bloggers Ai Weiwei zeigt.

Doch die paradoxe Logik beschränkt sich nicht auf totalitäre Staaten. Auch demokratische Gesellschaften würden von „Visionen der totalen Kontrolle und Entblößung heimgesucht, antiutopischen Visionen der orwellschen Art“, schreibt der Philosoph Boris Groys zur Frankfurter Ausstellung. Wie aber lässt sich unter solchen Bedingungen Privates schützen? Nur, indem man es entblößt und gleichzeitig versucht, den Prozess der Bekanntmachung zu kontrollieren. Übertragen auf ein Beispiel: Hätte der frühere Bundespräsident Wulff frühzeitig Details aus seinem Leben preisgegeben, wäre er womöglich noch im Amt.

Von Johanna Di Blasi

Bis 3. Februar dienstags bis sonntags von 10 bis 19 Uhr, mittwochs und donnerstags bis 22 Uhr in der Schirn-Kunsthalle, Römerberg in Frankfurt.
Voriger Artikel
Nächster Artikel
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag