Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Jazzfestival Göttingen: Frauen-Power in der Szene immer bedeutender
Nachrichten Kultur Regional Jazzfestival Göttingen: Frauen-Power in der Szene immer bedeutender
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:00 12.11.2018
Gefühlstiefe und rhythmische Finesse: Eva Kruse. Quelle: Hinz
Göttingen/Sülbeck

Im Fokus des Festival-Auftaktes standen jüngere Musikerinnen mit lyrischem europäischen Jazz.

Traditionell wurde das Göttinger Jazzfestival am Sonnabend im „Esel“ im kleinen Dorf Sülbeck südlich von Einbeck eröffnet – in einer ehemaligen Dorfkneipe. Zu Gast war die Bassistin Eva Kruse mit ihrem deutsch-schwedischen Projekt „On The Mo“. Die im Michael-Wollny-Trio bekannt gewordene Musikerin spielte mit ihrem Quintett lichtdurchflutete und von innerer Freude durchdrungene Musik. Der wandlungsfähige Jazz der in Hamburg geborenen und in Schweden lebenden Bassistin spielt mit ungewohnten Klangfarben und changierte im „Esel“ zwischen Musik gewordenen Tagträumen und emotionaler Aufwallung.

Eva Kruse auf Göttinger Jazzfest mit Projekt „On The Mo“ – Drums: das Energiezentrum des Quintetts

Uwe Steinmetz improvisierte expressiv auf dem Sopransaxofon. Der zurückhaltende Gonzalo Mejia schenkte auf der Oboe der Musik eine besondere Färbung mit viel Poesie – und streifte das Genre klassischer Musik. Pianist Christian Jormin färbte die Musik auf den Tasten mal luftig und impressionistisch, mal treibend und spannungsgeladen. Schlagzeuger Andi Haberl war das Energiezentrum des Quintetts: Er spielte mit überschäumender Lebensfreude auf Trommeln und Becken.

Eva Kruse faszinierte als Bassistin: schöne Tongebung auf dem Kontrabass, Gefühlstiefe und rhythmische Finesse. Mit wachen Augen, schnellen Blicken und kleinen Gesten leitete sie ihre Band. Die 40-Jährige gab den Musikern Freiräume und hielt doch die Fäden stets in der Hand. Ihre Bedeutung als Musikerin und Komponistin innerhalb der europäischen Jazzszene stellte sie deutlich heraus: Sie schafft es, sehr unterschiedliche Stimmungen prägnant in Musik umzusetzen.

Das Besondere dieses Ensembles sah man auch in den Gesichtern der gut gelaunten Musiker: Sie spielten an diesem Abend alle mit einem Lächeln im Gesicht. Diese Lebensfreude übertrug sich schnell auf das begeisterte Publikum im nahezu ausverkauften Saal.

Andächtig-sakraler Jazz-Gottesdienst in St. Johannis Göttingen

Parallel zum Göttinger Jazzfestival lud die Göttinger Kirche St. Johannis am Sonntag-Abend zum Jazz-Gottesdienst – ebenfalls mit einer starken Frau als Bandleader. Die Mannheimer Saxofonistin Alexandra Lehmler spielte andächtig-sakrale Musik – getragene Klänge von überirdischer Schönheit. Im Trio mit dem Gitarristen Federico Casagrande und dem Bassisten Matthias Debus zelebrierte die 39-jährige Musikerin einen ernsten Kammerjazz, der im Zuhörer eine tiefe Freude und zugleich einen inneren Frieden erzeugt.

Die Musiker improvisierten über liedhafte Themen, die gelegentlich an Choräle erinnerten. Lehmlers Spiel auf dem Sopran-, Alt- und Baritonsaxofon erinnerte gelegentlich an die elegische Musik von Jan Garbarek: Sie intonierte zart und tastend, verinnerlicht und ergreifend. Der Gitarrist spielte auf E-Gitarre nachdenklich, fragend und sphärisch – nahe dem vergeistigten Duktus des jüngst verstorbenen Gitarristen John Abercrombie. Der Bassist schöpfte aus seinem Kontrabass eine Tiefe, die sich in emotionale Wärme wandelte und die Seele des Hörers wärmend ummantelte.

Spuperintendent Friedrich Selter verbindet Musik und „schöpferischen Atem Gottes“

Superintendent Friedrich Selter schlug in seinen vorgetragenen Gedanken den Bogen von der Musik zum „schöpferischen Atem Gottes“ im christlichen Glauben. Beim Alexandra-Lehmler-Trio spürte man einen Raum, in dem die Musik atmen konnte – und sich im Kirchenschiff von St. Johannis zu den vielen Zuhörern entfaltete. Wer genau hinhörte, nahm sogar den rauen Atem der Saxofonistin am und im Instrument wahr. Ein Gänsehaut-Konzert!

Mit dem Eröffnungswochenende deutete sich bereits ein Schwerpunkt des Göttinger Jazzfestivals und hoffentlich ein langfristiger Trend an: Die Veranstalter haben viele starke Musikerinnen als Bandleader eingeladen. Diese Frauen-Power im Jazz gibt es schon länger – und sie wird in der Szene immer bedeutender.

Tickets für fünf Jazzfestival-Konzerte in Göttingen

Info: Karten für das bis zum 18. November dauernde 41. Göttinger Jazzfestival gibt es für folgende Veranstaltungen: Dienstag, 13. November, F. C. Delius – Die Zukunft der Schönheit im Literarischen Zentrum; Mittwoch, 14. November, Susan Weinert Trio im Alten Rathaus, Donnerstag, 15. November; Andreas Jäger and Friends im „KIM“ (Angerstraße) sowie Thursday Night Hop in der Musa; Sonntag, 18. November, The KutiMangoes in der Musa.

Von Udo Hinz

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Regional Tangomesse in St. Albani Göttingen - Argentinische Rhythmen in der Kirche

Kirchenmusik und Tango – geht das zusammen? Ja! Das hat am Sonntag die Albanikantorei mit der Aufführung der Tangomesse von Martin Palmeri eindrucksvoll bewiesen.

12.11.2018

Nele Kießling und Jannis Kaffka geben immer wieder ihr „Abschieds-Konzert“. Die Impro-Profis mimen zwei Ex-Stars – vom Ende verfolgt. Nach dem Auftritt in Göttingen wird nun in Hildesheim gefeiert.

05.12.2018
Regional 100 Jahre nach Ende des 1. Weltkrieges - 200 Mitwirkende bei Gedenkkonzert in Göttingen

„Friede auf Erden – In terra pax“: Unter diesen Titel haben die Initiatoren ein Konzert gestellt, das an das Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren erinnern soll. An der Aufführung am 18. November werden rund 200 Mitwirkende beteiligt sein.

12.11.2018