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Jeder lebt in seiner eigenen kleinen Welt

„Was ihr wollt“ Jeder lebt in seiner eigenen kleinen Welt

Das also ist die Gesellschaft der Zukunft. Keine Kriege, keine sozialen Probleme, ein Leben ohne materielle Sorgen. Den Menschen in Illyrien, wie William Shakespeare sie in seiner Komödie „Was ihr wollt“ entworfen hat, sollte es eigentlich prächtig gehen, meint Mark Zurmühle, Intendant des Deutschen Theaters (DT) Göttingen. Er  hat das Stück zur Saisoneröffnung im großen Haus inszeniert. Am Sonnabend war Premiere.

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Unerfüllte Liebe: Gräfin Olivia (Marie-Kristien Heger) und Cesario (Paula Hans).

Quelle: Winarsch

Göttingen. Zurmühle hat die Rollen weitgehend mit jungen Schauspielern besetzt. Das sei sehr wichtig, hatte er im Vorfeld gesagt.

Denn der Regisseur sieht in dieser shakespearschen Sorglos-Gesellschaft auch das Aufbegehren der Jugend gegen die Alten. Die einen verlieben sich unsterblich und unerfüllt, die anderen vergnügen sich beim Komasaufen. Sie zetteln Streit an und treiben üble Scherze mit denen, die die Ordnung aufrecht erhalten wollen. Doch eigentlich lebt jeder in seiner eigenen kleinen Welt. Manchmal treffen sie sich dort, reden miteinander, trennen sich wieder und treiben durch die Zeit.

 Bühnenbildnerin Eleonore Bircher hat das sehr konsequent umgesetzt. Die Bühne ist großflächig mit Wasser bedeckt, das wunderschöne Lichtreflexe an Wände und Decke des Theaterraumes wirft. Für jeden Ort hat sie eine kleine Insel entworfen, kleine Flöße. Sie treiben umher, schwimmen zueinander und entfernen sich. Auf einigen wachsen Blumen und Bäume, andere sind öde und karg. Und zu Beginn hat sie jedem der Akteure ein ausgestopftes Tier zugeordnet.

Eine Robbe beispielsweise oder einen großen Vogel. Hier leben die Menschen im Paradies, das Bild wird rund. In dieser Wasserlandschaft entspinnt sich über 140 Minuten ein Verwirrspiel über Identitäten, Geschlechterrollen und Liebesbeziehungen.

 Viola überlebt einen Schiffsuntergang und strandet an die Küste Illyriens. Als Mann verkleidet, tritt sie in die Dienste des Herzogs Orsino ein, der sie gleich mit einem heiklen Auftrag betraut. Viola, die sich jetzt Cesario nennt, soll der schönen Gräfin Olivia die Liebe des Herzogs offenbaren und sie für ihn gewinnen.

Natürlich verliebt sich die Adelige in den Pagen, in Illyrien sind auch Standesgrenzen überwunden. Viola allerdings hat ihr Herz längst an den Herzog verloren. Gewürzt wird diese Gemengelage mit dem dauersaufenden Sir Toby, dem Onkel der Gräfin. Der lässt sich von dem tumben, aber liebenswerten jungen Adeligen Sir Andrew aushalten. Mit diesen beiden schmiedet Kammerfrau Maria eine ausgeklügelte Intrige gegen den Haushofmeister Malvolio, der wie ein Klassenlehrer versucht, die feierwütigen Jungmänner zur Ordnung zu rufen.

Hier rebelliert die Folgegeneration gegen das Establishment.

Ganz konzentriert hat Zurmühle mit ruhiger Hand dieses Treiben in Szene gesetzt. Angenehm unaufgeregt entwickelt er die Geschichte, setzt dramaturgische Spitzen, wo sie notwendig sind – und gibt seinem Ensemble viel Raum zur Entfaltung. Den nutzt jeder auf seine Weise.
Paula Hans ist als Viola und Cesario sehr androgyn und ungewollt verführerisch.

Sie ist nicht die Handelnde, sie reagiert – und bleibt dabei immer präsent. Marie-Kristien Heger als Gräfin und Moritz Pliquet als Herzog, der neu im Ensemble ist, bleiben eher unauffällig, was vor allem ihren Rollen geschuldet ist. Komödiantische Glanzlichter setzen Ronny Thalmeyer mit seinem verknöcherten und irgendwann liebestrunkenen Haushofmeister Malvolio und Roland Bonjour als sympathisch vertrottelter Sir Andrew.

Alois Reinhardt gibt den Sauf- und Raufbold Sir Toby sehr körperlich mit viel Dynamik und Wut. Reinhardt und Bonjour, beide haben zusammen Schauspiel in der Schweiz studiert, sind ein prächtiges Gespann. Eher im Hintergrund, aber unverzichtbar agieren Maie-Thérèse Fontheim (Kammerfrau Maria) und Jan Exner als lebenskluger Narr. Ein starkes Ensemble.

 Am Ende übrigens taucht Violas Zwillingsbruder auf, auch er hat den Schiffbruch überlebt. Eine typisch shakespearsche Wendung, die noch mehr Verwirrung ins Spiel bringt. Auch ihn verkörpert Paula Hans, das liegt nahe. Eine Mütze sollte ihren mehrfachen Rollenwechsel verdeutlichen. Das allerdings funktionierte nur bedingt. Nur ein kleiner Makel eines atmosphärisch sehr dichten Theaterabends voller prächtiger Bilder.

Die nächsten Vorstellungen: 26. September, 9. und 15. Oktober sowie am 31. Dezember um 19.45 Uhr im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 0551/496911.    

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