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Joachim von Burchard inszeniert Krachts „Faserland“ im DT

Premiere Joachim von Burchard inszeniert Krachts „Faserland“ im DT

Anfangs noch heftig umstritten, ist das Buch "Faserland" in diesem Jahr Abiturstoff. Joachim von Burchard, Leiter des Jungen Schauspiels im Deutschen Theater (DT) Göttingen, hat es inszeniert. Am Donnerstag war Premiere im DT-Studio – empfohlen für Besucher ab 16 Jahren. Denn bisweilen geht es recht derb zu auf der Bühne.

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Ein Ich-Erzähler, drei Darsteller: Moritz Pliquet, Andreas Schneider und Imme Beccard (von links).

Quelle: Winarsch

Göttingen. Das Personal in dem Roman „Faserland“ ist, gelinde gesagt, eigenwillig. Autor Christian Kracht hat in seinem 1995 erschienen Debütroman einen Ich-Erzähler auf eine Reise quer durch Deutschland geschickt – allerdings einen Protagonisten mit einem zuerst einmal eher begrenzten Blick auf das Land, das beim Erscheinen des Buches anfing zusammenzuwachsen.

Start bei Gosch auf Sylt

Der Endzwanziger, dem wir durch das Land folgen, war wie Kracht Schüler des elitären Internats Salem und bewegt sich auch in dieser Welt. Hier sind alle reich. Ob schlau oder nicht, hier wächst eine Elite heran. Der Erzähler startet mit Jever und Shrimps im Gosch auf Sylt, dem nördlichsten Fischrestaurant Deutschlands. In der Folge landet er in Hamburg, wo alle Frauen schön sind, in Frankfurt, der hässlichsten Stadt der Republik, im studentischen Heidelberg, am Bodensee und in Zürich. Er konsumiert reichlich Alkohol, vor allem Champagner, wirft Drogen ein, fährt mit Mercedes und Porsche und besucht jene Clubs und Partys, auf denen sich die Schönen und Reichen des ausgehenden 20. Jahrhunderts tummelten.

Er schwadroniert darüber, ob nun die blaue oder die grüne Barbourjacke die richtige sei („Abgewetzte Barbourjacke, das führt zu nichts“), über die Qualität von Edelhemdenmarken und manchmal auch über das passende Automobil. Er säuft wie ein Loch und unterscheidet sich darin nicht von seiner Umgebung, in der Menschen gedankenlos einwerfen und relativ klaglos auskotzen.

Auf der Bühne des Ballhoftheaters Hannover hatte die dramatisierte Fassung des Romans im April 2012 ihre Uraufführung. Damals verteilte Regisseur Robert Lehniger die Rolle des Ich-Erzählers auf fünf Schauspieler. Von Burchard greift in Göttingen jetzt immerhin auf drei starke Akteure zurück: Imme Beccard, Moritz Pliquet und Andreas Schneider, die jeweils leicht andere Typen verkörpern und sich dennoch ähneln. Ein fein gezeichnetes und austariertes Spiel.

Geleerte Champagnerflaschen

Das Trio trägt blonde Perücken und viel Barbour mit Cord­applikationen. Die Akteure zünden sich eine Zigarette nach der anderen an (ohne sie zu Ende zu rauchen) und kippen flaschenweise Flüssigkeiten aus Prosecco-Flaschen in sich hinein. In einer Stadt wie Göttingen ist es vermutlich schwer, für eine Theaterproduktion eine Vielzahl geleerter Champagnerflaschen aufzutreiben.

Irgendwann laufen sie halt über und speien alles auf die Spielfläche, die Ausstatterin und Bühnenbildnerin Jeannine Simon mit einer anfangs noch spiegelnden Fläche versehen hat. Ein kluger Entwurf. Denn auf dieser Disko-Tanzfläche tobt die Party (Musik: Jan Exner), aber hier bespiegeln sich die Figuren. Und mit zunehmender Dauer trübt sich das Bild merklich ein.

„Generation Golf“

Florian Illies hat mit seinem Buch „Generation Golf“  feuilletonistisch freundlich die Jahrgänge beschrieben, die zwischen 1965 bis 1975 in Deutschland geboren sind. Illies schildert eine Generation, die sich in Wohlstand ausruht, den die Eltern und Großeltern geschaffen haben. Kracht hat eine ähnliche Alters- und Lebensgruppe im Blick, vielleicht ist seine Klientel etwas älter. Er allerdings rückt die vermeintlichen Eliten in den Fokus, jene jungen Menschen, die eine Gesellschaft prägen sollen und dabei ein so jämmerliches Bild abgeben.
Bildungsroman hieß so etwas früher, als Goethe seinen Werther schrieb oder Ulrich Plenzdorf  „Die neuen Leiden des jungen W.“. Gut ging das auch damals nicht aus. Es fühlte sich aber besser an.

Die nächsten Vorstellungen: 25. Januar und 8. Februar um 20 Uhr sowie am 29. Januar, 16., 19. Februar und  25. Februar um 18 Uhr im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 05 51 / 49 69 11 .

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