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Regional Die menschliche Seite der Mächtigen
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11:16 09.09.2017
Annegret Maring, Inhaberin der Buchhandlung Seseke in Duderstadt, begrüßt Autor Jochen Arntz im Cophus des Duderstädter Rathauses. Quelle: Claudia Nachtwey
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Duderstadt

Schon der Untertitel „Wie das Privatleben die deutsche Politik prägt“ verrät, dass die Zuhörer etwas mehr erwarten konnten als Klatschgeschichten aus dem Kanzler-Bungalow. Arntz stellte die These in den Raum, dass gewisse Prioritäten im Privatleben der Kanzler sich in ihrer jeweiligen Politik spiegelten: Kohl als Gegner der Scheidungsrechtsreform, Ex-Soldat Schmidt als Fachmann für die Sicherheit, Schröder als Befürworter der Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Dass der erste deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer acht Kinder hatte, sei in der Nachkriegszeit kein aufregendes Thema gewesen, meinte der Journalist und Chefredakteur der Berliner Zeitung. Damals sei Kinderreichtum relativ normal gewesen, und die Presse interessierte sich nicht sonderlich für das Privatleben des Politikers. Dagegen sei Jahrzehnte später die vermeintlich heile Welt eines Helmut Kohls in der Öffentlichkeit mit allen Schattenseiten diskutiert worden.

Arntz las im gut besuchten Cophus nicht nur Passagen aus dem Buch. Er berichtete auch, wie er persönliche Details aus dem Leben der Kanzler erfahren hatte, und zwar ohne Effekthascherei, sondern mit respektvoller Empathie für seine Protagonisten. Er erzählte von seinem ersten Kontakt zu Walter Kohl, dem Sohn des Ex-Kanzlers, von Gesprächen mit Angela Merkel, von seinem Eindruck der Schröderschen Patchworkfamilie mit Hund auf einer Zugreise und von einem Gespräch mit dem Schauspieler Matthias Brandt, dem Sohn Willy Brandts.

Arntz nahm die Zuhörer bildhaft mit in den Kanzler-Bungalow zu Zeiten Kohls mit winzigen Kinderzimmern für die Söhne, und in den Pastorenhaushalt der Familie Kasner in der Uckermark zu SED-Zeiten, wo Tochter Angela schon früh lernte, dass Verschwiegenheit eine Tugend sein könne.

Arntz zeigte sich als sensibler Beobachter von menschlichen und gesellschaftlichen Zusammenhängen. „Vielleicht ändern sich Personen, wenn sie die ganze Zeit im politischen Rahmen sind“, vermutete der Autor und verdeutlichte, dass die Kanzler und ihre Familien alle eingebunden waren in den Zeitgeist ihrer Epoche oder diesen sogar mit prägten. Selbst die Übereinstimmung zweier so unterschiedlicher Kanzler-Gattinnen wie Hannelore Kohl und Loki Schmidt bei der Liberalisierung des Abtreibungsparagrafen 218 scheint mit dem Wissen um Vergangenheit und Charakterbild beider Frauen nachvollziehbar. Klar wird in dem Buch: Politik ist eben doch nicht zu trennen von den Menschen, die sie machen.

Gastgeberin im Duderstädter Rathaus war Annegret Maring, Inhaberin der Buchhandlung Seseke. Das Buch „Die Kanzler und ihre Familien“ ist im Dumont Verlag (272 Seiten, 22 Euro) erschienen.

Von Claudia Nachtwey

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