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Joo Kraus und die Trompete

Göttinger Jazz-Festival Joo Kraus und die Trompete

Der Trompeten-Ton von Joo Kraus hat Biss und sein Jazz-Mix ist tanzbar. Der Jazzmusiker aus Ulm mischt dabei jazzige Improvisationen mit funky Rhythmen und HipHop. Am Sonntag, 5. November, gastiert der er in der Musa.

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Joo Kraus

Quelle: R

Göttingen. Vor seinem Auftritt hat Kraus über HipHop, SUVs und Louis Armstrong gesprochen.

Tageblatt: Was ist für Sie das Lebensgefühl des Jazz?

Joo Kraus: Jazz hat mit dem Leben zu tun. Ich spiele abends so, wie den jeweiligen Tag vorher erlebt habe. Und: Jazz ist ein Eintopf mit immer neuen Zutaten. Diese Musik hat aber auch immer mit Improvisation zu tun – das ist das Kernstück.

Wirkt sich dies Lebensgefühl auch in Ihrem Alltag aus? Führen Sie ein improvisiertes Leben?

Klar! Das Leben ist doch zur guten Hälfte Improvisation. Ich habe drei Kinder, und da improvisiere ich ganz viel. Ich habe auch den Eindruck, dass die Musiker, mit denen ich mich gut verstehe und improvisiere, auch im Alltag ähnlich ticken.

Ihre Musik klingt sehr urban. Gehört Urbanität zu Ihrem Jazz?

Die Musik hört sich urban an, gefüttert wird sie aber durch die Natur. Ich bewege mich sehr oft im Wald. Das macht den Kopf frei, und dann fließt wieder die Inspiration.

Erfinder des Afro-Beat

Das Göttinger Jazzfestivals findet statt von Donnerstag, 2., bis Sonnabend, 11. November. Einer der Festival-Stars ist der Schlagzeuger Tony Allen. Der 77-Jährige gilt als Erfinder des Afro-Beat, seine Konzerte werden als lebendige Musikgeschichte weltweit gefeiert. Weiterhin gastieren unter anderem das Thärichen’s Hendrixperience Orchestra, Julia Hülsmann, Gunter Hampel, A Novel Of Anomaly, die finnische Band „Gourmet“, Rolf Kühn, das israelische Trio Shalosh und das Sun Ra Arkestra. Vorverkauf: Ticketservice des Göttinger Tageblattes in der Weender Straße 44 in Göttingen und Marktstraße 9 in Dudenstadt. Mehr Infos: jazzfestival-goettingen.de.uhi

Welche Musik hat Ihnen als junger Mensch das Lebensgefühl des Jazz gegeben?

Der Einstieg in den Jazz kam über das Vorzimmer des Funk. Mich hat Fusion und Crossover-Musik beeinflusst: der Keyboarder Bob James und der Trompeter Tom Browne, später kam Freddie Hubbard und viel später erst Miles Davis hinzu.

Sie sind jetzt 50 Jahre alt. Gab es in Ihrem Leben Phasen, in denen Sie sich musikalisch besonders stark entwickelt haben?

Eine wichtige Phase war vor dem Erwachsenwerden. Dann gab es eine starke Phase, als ich mit 20 mit dem Bassisten Helmut Hattler das Duo Tab Two gründete. Mit Mitte 30 bin ich zum ersten Mal Vater geworden. Da hat sich vom Spielgefühl viel geändert, das Spiel war nicht mehr so sportlich, es gab eine neue Tiefe, und der musikalische Horizont wurde immer größer.

Bitte schwärmen Sie über ihre aktuelle Band mit der Sie nach Göttingen kommen.

Das ist meine Lieblingsband. Wir spielen seit 15 Jahren zusammen. Das sind Weggefährten in meiner musikalischen Entwicklung. Die drei Musiker kennen sich seit dem Studium. Wir können musikalisch extreme Hügel besteigen, und das entwickeln wir ständig weiter. Wir teilen menschlich auch sehr viel – zusammen gezählt haben wir elf Kinder.

Welches Konzept hat Ihre aktuelle CD „Joo Jazz“, mit der Sie zum Festival kommen?

Wir wollten meine kleinen rohen Ideen, die ich oft skizziere, festhalten – das Ursprüngliche war unser Ziel. Es ist Rumpeljazz, dixielandmäßig, zugleich rockig und funky aber auch mit Einflüssen von Miles Davis, Tab Two und der brasilianischen Musik. In meinem Alter schaut man zurück und fragt sich, was einen beeinflusst hat. Das steckt alles in dem Album.

Sie gehen in die Grenzbereiche von Pop und HipHop. Was geben diese Stile dem Jazz, was er selber nicht hat?

HipHop hat dem Jazz seine Kraft zurückgegeben. Der Jazz hat jetzt wieder etwas zu erzählen. Jazz war in den Neunzigern sehr belanglos: Man ergötzte sich an Skalen und verschobenen Rhythmen. Mit Lebendigkeit hatte das wenig zu tun. HipHop war wie eine Lebensspritze.

HipHop brachte auch wieder eine gesellschaftliche Relevanz in den Jazz.

Genau. Diese Relevanz hatte der Jazz früher. Bebop war die Antimusik zum schönen Ballroom-Jazz.

Ihr Ton auf der Trompete hat meist einen gewissen Biss, klingt immer leicht aggressiv. Erleben sie das auch so?

Das darf schon sein – und muss auch manchmal sein. Ich versuche meinen Trompetenstil so zu entwickeln, dass alle Farben möglich sind – von lyrisch bis aggressiv. Doch Musik muss auch mal explodieren.

Reflektiert dieser Ton auch unsere Gesellschaft mit ihrer latent aggressiven Grundstimmung?

Das sind unbewusste Prozesse. So schön es hier bei uns auch ist, so stört mich gleichzeitig auch vieles: immer mehr SUVs, diese Ellenbogenmentalität. Mein aggressiver Trompetenton ist mein SUV – meine Gegenreaktion.

Sie schreiben wunderbare Ohrwürmer. Auf der neuen Patte pfeifen Sie sogar selber einen mit. Ist es Ihr Ziel, dass die Zuhörer Stücke mitsingen können?

Nein. Ich habe zwar eine musikalische Seite in mir, die sehr naiv ist, doch mein Wunsch ist es, die Leute zu berühren – durch einfache Melodien genauso wie durch gute Energie.

Ihre Musik ist meist tanzbar. Ist dies auch eine Form, um den Zuhörer zu erreichen?

Tanzen und Bewegung gehört für mich zu der Musik, die ich mache. Ich selber hüpfe ja auch auf der Bühne.

Was bedeutet Ihnen der Trompeter Louis Armstrong – einer der Begründer des Jazz?

Lange hat er für mich keine Rolle gespielt. Doch seit fünf Jahren ist mir sein Stil wieder wichtig. Er variiert und fantasiert über die Melodien. Zugleich war er immer nah an dem Gefühl, was die Musik aussagt. Gerade höre ich eine tolle Platte von ihm mit der Sängerin Ella Fitzgerald.

Joo Kraus tritt am Sonntag, 5. November, um 20 Uhr in der Göttinger Musa, Hagenweg 2a, auf.

Von Udo Hinz

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