Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
Jüdische Geschwister standen Modell

Berliner Kolbe-Museum Jüdische Geschwister standen Modell

Die Stadt fremdelt mit ihrem Erbe: In den neunziger Jahren verschärfte sich die Diskussion um die vermeintliche Nazi-Ästhetik der Plastiken am Maschsee. Seither sind die Standbilder aus den dreißiger Jahren vielen Menschen in Hannover suspekt: der Fackelträger in fast 20 Meter Höhe, Georg Kolbes „Menschenpaar“ oder die Löwen des umstrittenen Bildhauers Arno Breker. Jetzt aber versuchen Forscher des Georg-Kolbe-Museums in Berlin, den Verdacht zu entkräften.

Voriger Artikel
Dramatik zwischen Professor und Studentin
Nächster Artikel
Viele Gäste beim Filmfestival Göttingen

Konservativer Kunstgeschmack: Georg Kolbes „Menschenpaar“ auf einer Postkarte aus den 30er Jahren.

Quelle: Kolbe-Museum

„Wir haben keine Nazi-Verstrickungen der Bildhauer finden können“, sagt Ursel Berger, die bald in den Ruhestand tretende Direktorin des Hauses, das Georg Kolbe gewidmet ist und mehr und mehr Bildhauernachlässe aufnimmt. Jetzt zeigt das Haus eine kleine Archivausstellung zu den Maschsee­figuren. Diese präsentiert Plastiken, Fotografien und Zeitungsausschnitte mit Aufnahmen des Stadtchronisten Wilhelm Hauschild. Auch die Sichtweise, es handle sich bei der Maschseekunst um freimaurerische Symbolik, beispielsweise bei der Säule und der Fackel, ist laut Berger „Quatsch“.

Ihr Mitarbeiter, der Kunsthistoriker Thomas Pavel, hat Wettbewerbsunterlagen und Korrespondenzen studiert und plant eine Publikation zu den Maschseeskulpturen. „Die damals von Künstlern eingereichten Vorschläge nehmen deutlich Bezug auf Hannovers Stadtwappen oder zum Niedersachsenross“, sagt er.

Eine Präferenz für solide, bürgerlich-konservative Ästhetik meint man dem damaligen hannoverschen Oberbürgermeister Arthur Menge, dessen Herzensangelegenheit der Maschsee war, anzusehen. Zur Seeeröffnung am Himmelfahrtstag 1936 erschien er mit Gehrock und Zylinder und bildete so einen Kontrast zu den vielen Uniformträgern. Die Parteispitze war dem Ereignis der Einweihung einer hannoverschen „Alster“ nach Hamburger Vorbild merkwürdigerweise größtenteils ferngeblieben.

Wie konservativ der Kunstgeschmack damals an der Leine war, lässt sich beispielsweise daran ermessen, dass auf den ersten drei Plätzen für die Bespielung der Geibelbastion zwei Pferdestandbilder waren. Realisiert wurde Kolbes „Menschenpaar“. Recherchen der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung hatten vor zwei Jahren ergeben, dass dem Bildhauer dafür die jüdischen Geschwister Hans und Renate Loewy Modell gestanden hatten. Daneben wurde ein sich wild aufbäumendes Ross mit schlanker nackter Reiterfigur von Fritz von Graevenitz eingereicht und ein stark gezähmtes Pferd von Hermann Blumenthal, den Kolbe schätzte. Beide Bildhauer scheinen Friedrich Wilhelm Wolffs „Niedersachsenross“ vor Augen gehabt zu haben.

In der heutigen „Löwenbastion“ waren ausdrücklich Wappentiere verlangt, „nicht-naturalistische“ Tierdarstellungen. Dass Arno Breker sich mit seinen Raubkatzen auf den mittelalterlichen Braunschweiger Burglöwen bezog, bemerkten schon die Zeitgenossen. Breker arbeitete damals zeitgleich an einer Plastik für die Gruft Heinrichs des Löwen. Aber auch Hannovers Wappenlöwen standen Pate.

Auch Fritz von Graevenitz kam mit Löwen in die engere Wahl – kräftiger, aber friedlicher als die Breker-Katzen. Eine witzige Alternative schlug der hannoversche Bildhauer Peter Schumacher vor: zwei kräftige Krokodile rechts und links auf den Treppenwangen. Die Krokodile existieren noch. Man könnte sie austauschen, wenn man mit Breker ein Problem hat.

Mit der Krönungsfigur der sogenannten „Schmucksäule“ am Nordufer gab man sich besonders viel Mühe. Nicht Monumentalität sei ausschlaggebend gewesen, sondern das „Setzen eines architektonischen Akzentes nach dem Vorbild der Hamburger Barlach-Säule zwischen Alster und Rathaus“, sagt Pavel. Als Alternative zum jetzigen Fackelträger waren eine Art Sonnenanbeter und eine schlanke Tänzerin im Gespräch.

Der einst golden strahlende Fackelträger des hannoverschen Bildhauers Hermann Scheuernstuhl wurde nach Probeaufstellungen um 60 Zentimeter auf etwa 4,50 Meter Größe verkleinert. Die brennende Fackel deutete der Bildhauer selbst als Lebensflamme. Hinweise auf olympische Fackelträger als Vorbilder hätten sich in den Unterlagen nicht finden lassen, sagt Pavel.

Die von manchen als angedeuteter Hitlergruß interpretierte Geste des rechten Arms sei bei antiken Figuren vorgezeichnet. Die Haltung des Fackelträgers ist, wie oft bei Scheuernstuhl-Figuren, in sich widersprüchlich: vorwärtsschreitend und schwebend.

Spannungsreiche Ambivalenz kennzeichnete auch ein Werk, das Scheuernstuhl bereits Ende der zwanziger Jahre für Nordhorn im neusachlichen Stil geschaffen hatte: ein Jüngling, schwankend zwischen Niederknien und Aufstehen, als „Ehrenmal“ für die „ruhmreich gefallenen Heldensöhne“ der Kriege 1870/71 und 1914–18. Bei einem Spaziergang empfand der Gauleiter das Gesicht der Figur als „negroid“.

Die Plastik wurde demonstrativ im Garten vor dem Bürgermeistersitz in der Erde vergraben. Aus Geldmangel tauschte man dann aber nur den Kopf aus. 1940 wurde das Scheuernstuhl-Denkmal in Nordhorn der Metallspende zugeführt und eingeschmolzen.

Die Plastiken am hannoverschen Maschsee spiegeln einen künstlerischen Zeitgeist, aber nicht unbedingt den Geschmack der nationalsozialistischen Elite. Dieser war damals im Übrigen noch schwankend. Noch war offen, ob vielleicht der Expressionismus deutscher Staatsstil wird. „Nicht einmal die Breker-Löwen sind eindeutig Nazi-Ästhetik“, sagt Ursel Berger, „es ist ein bisschen vergröberter Expressionismus. Solche stilisierten Figuren gab es schon in den zwanziger Jahren.“

Von Johanna Di Blasi

„Fackelträger, Fisch und Menschenpaar – Die Skulpturen vom Maschsee in Hannover“, bis 30. März 2013, Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, Berlin.
Voriger Artikel
Nächster Artikel
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag