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Junge Römerin oder verwandelte Blume?

Geschenk für die Göttinger Sammlung Junge Römerin oder verwandelte Blume?

Im Januar 1793 erhielt Christian Gottlob Heyne aus London ein überraschendes Geschenk für seine Sammlung: die lebensgroße Büste einer schönen jungen Frau mit kunstvoller Lockenfrisur und melancholisch gesenktem Haupt. Ihr leichtes Obergewand ist ihr von der Schulter geglitten und entblößt die linke Brust. Am unteren Rand ist die Büste von einem Blätterkelch eingefasst.

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Archäologisches Experiment: Übung zur Farbigkeit antiker Skulpturen in der Gipssammlung.

Heyne und seine Zeitgenossen glaubten in der jungen Dame ein Wesen aus der antiken Mythologie zu erkennen: Clytia. Nach den „Metamorphosen“ des römischen Dichters Ovid hatte sich Clytia in eine Sonnenblume verwandelt.

Heute gehen die meisten Forscher davon aus, dass es sich um eine junge Römerin aus der Zeit der ersten Kaiser handelt. Einige halten das Werk auch für eine neuzeitliche Fälschung.

Clytia: Die Büste kam 1793 als Geschenk nach Göttingen.

Clytia: Die Büste kam 1793 als Geschenk nach Göttingen.

Quelle:

1793 bat der Dichter Johann Wolfgang von Goethe den Kurator des Göttinger „Akademischen Museums“ um eine Kopie des schönen Kopfes.

Johann Friedrich Blumenbach kam dieser Bitte sogleich nach. Allerdings zerbrach die Büste beim Transport nach Weimar.

„Es scheint wir leben in einer sehr gefährlichen Zeit, daß nicht einmal die schönen Gypsköpfe auf ihren Schultern sicher sind“, schrieb Goethe – immerhin zur Zeit der jakobinischen Schreckensherrschaft.

Der neue Kopf kam umgehend und ziert heute Goethes Haus am Frauenplan, während das Geschenk an Heyne nach wie vor in der Göttinger Sammlung bewundert werden kann.

Von Daniel Graepler

Zur Person

Daniel Graepler , seit 1999 Kustos der Sammlung der Gipsabgüsse antiker Skulpturen, ist auch für die Originalsammlung des Archäologischen Instituts und für das Münzkabinett der Universität Göttingen zuständig. Er lehrt am Archäologischen Institut.

Nach dem Studium der Klassischen Archäologie, der Alten Geschichte, der Kunstgeschichte und der Klassischen Philologie promovierte er 1989 in München mit einer Arbeit über hellenistische Terrakotten aus den Gräbern von Tarent (Süditalien).

Graepler erhielt das einjährige Reisestipendium des Deutschen Archäologischen Instituts und wurde anschließend Assistent am Archäologischen Institut der Universität Heidelberg.

Seine wissenschaftlichen Interessen liegen besonders in der Wissenschaftsgeschichte und im archäologischen Kulturgüterschutz.

In Göttingen hat Graepler unter anderem die Ausstellung „Bunte Götter“ (2011) organisiert und maßgeblich an der Planung der Jubiläumsausstellung „Dinge des Wissens“ (2012) mitgewirkt.

Vor kurzem wurde er zum Sprecher der Kustodinnen und Kustoden der Göttinger Universitätssammlungen gewählt. Was ihn an „seiner“ Sammlung fasziniert? Das sind die Geschichten, die er an den Objekten erforschen kann.

Seit 1767 ist dokumentiert, wie Gipsabgüsse an die Göttinger Universität kamen und wie unterschiedlich man sie beurteilte: einst heiß begehrt, dann kaum beachtet, werden sie heute wieder sehr geschätzt. eb

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