Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 0 ° wolkig

Navigation:
Junges Theater Göttingen: Max Claessen inszeniert „Der Vorname“

Konflikte unter der dünnen Haut des Anstands Junges Theater Göttingen: Max Claessen inszeniert „Der Vorname“

Das Menü ist vorbereitet, der Glanz des Bestecks spiegelt sich in der Weinkaraffe, und die Kinder sind endlich im Bett. Elisabeth und ihr Mann Vincent, die sich so liebevoll behandeln, wie es nur Paare in einer zu lang geratenen Ehe vermögen, stehen nervös an der Tür Spalier. Eigentlich sind nur Elisabeths Bruder Vincent, seine Frau und ein Jugendfreund zu Gast, aber es scheint, als ahne das biedere Professorenpärchen bereits, welches Unheil dieser Abend für sie bereit halten wird.

Voriger Artikel
Sechs Stiefkinder Irlands aus Erlangen
Nächster Artikel
Heinrich Schütz: Hoffnungsvolle Musik für dunkle Zeiten

Gerade gab‘s Prügel: Constanze Passin (Elisabeth), Elisabeth-Marie Leistikow (Anna), Gintas Jocius (Claude) und Philip Leenders (Vincent) hatten Zoff (von links).

Quelle: Eulig

„Der Vorname“ heißt die jüngst verfilmte Erfolgskomödie von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière, die im Jungen Theater eine umjubelte Premiere feiern durfte. Dieser Erfolg war sowohl der spritzigen Inszenierung Max Claessens als auch der Leistung der fünf Schauspieler zu verdanken, die trotz der humoristischen Anlage des Stoffes ihr Gespür für die tragischen Zwischentöne des Stückes nicht verloren haben.

Delaporte und Patellière sezieren in ihrer Gesellschafts­komödie mit genüsslicher Präzision die dünne Haut des Anstands, die sich über die unzählbaren Konfliktlinien spannt, die uns auch mit unseren vermeintlich engsten Freunden verbinden. Im Falle von „Der Vorname“ braucht es nur die Nennung des Namens eines ungeborenen Kindes, um alle Beteiligten in eine Stimmung zu versetzen, sich mal richtig die Meinung zu sagen.

Zunächst ist da Pierre, der unfassbar klugscheißerische Literaturprofessor, der zwar über Derrida schreibt, aber im Eifer des Gefechts nur plakativen Kant zitieren kann. Dirk Böther spielt dieses Ekel so überzeugend, dass man ihm die Hornbrille von der Nase fegen möchte. Seine marokkanisch kochende Frau Elisabeth, „nur Französischlehrerin“, verleiht Constanze Passin eine glaubwürdig-introvertierte Fassade, die sie im letzten Drittel aber auch zu sprengen vermag – eine großartige Verwandlung.

Gintas Jocius, der Elisabeths Jugendfreund Claude verkörpert, passt sich in seinem Spiel Passins Gestus an und präsentiert den wohl sympathischsten Charakter des Stücks, der freilich auch seine Geheimnisse hat. Vincent Larchet, ein ebenso erfolgreicher wie egoistischer Geschäftsmann, liefert zwar die meisten Pointen, sollte aber eigentlich wenig Sympathien erheischen.

Dennoch entwickelt Philip Leenders aber in der Schlüsselrolle des Vincent eine übermächtige und sympathisch-natürliche Bühnenpräsenz. Er ist es, der allen Beteiligten gnadenlos den Spiegel vorhält und sie in hoffnungslose Wortgefechte lockt, deren Lächerlichkeit sich insbesondere Pierre nicht einzugestehen traut. Seine hochschwangere Frau Anna, überzeugend gespielt von Elisabeth-Marie Leistikow, kann das irgendwann nur noch kettenrauchend ertragen.

Claessen hat mit alldem eine glaubwürdige Eskalation inszeniert, die Tragik und Komik umarmt. Am Ende bleibt das schale Gefühl, dass vieles von dem, was sich vor den ungläubigen Augen des Publikums zugetragen hat, auch im wirklichen Leben hätte passieren können. Und das ist noch ein guter Grund, sich dieses Stück unbedingt anzuschauen – man weiß ja nie.

Von Jonas Rohde

Nächste Termine: 4., 6., 8., 18., 22. und 27. Dezember sowie 3. Januar um 20 Uhr, 31. Dezember um 17.30 und 20.30 Uhr. Vorverkauf: Telefon 05 51 / 49 50 15 und unter junges-theater.de
Voriger Artikel
Nächster Artikel
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag