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Regional Hagen Rether in der Stadthalle Göttingen
Nachrichten Kultur Regional Hagen Rether in der Stadthalle Göttingen
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00:15 01.11.2016
Hagen Rether in der Göttinger Stadthalle Quelle: Bänsch
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Göttingen

Eben stellt er noch ganz freundlich fest: „Es ändert sich ja nix“, und wenige Momente später lässt er sich schon über Nazi-, KZ- und IS-Gräuel aus. Rether schaut da hin, wo es wehtut und wo es unangenehm ist. Während sich seit der Kölner Silvesternacht die Anzahl von Brandanschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte verfünffacht habe, seien hingegen angesichts Tausender „von Priestern vergewaltigter Kinder“ keine Molotowcocktails auf katholische Kirchen geflogen. „Wieso können wir bei den anderen nicht abstrahieren, bei uns selbst aber schon?“, gibt Rether zu bedenken.

Durch den Fleischwolf

Nicht Terror sei staatsgefährdend, vielmehr der Umgang damit. Und der Kabarettist legt nach: „Staatsgefährdend sind Ratingagenturen, die über Nacht ganze Kontinente durch den Fleischwolf drehen können.“ 

Jahrzehntelange Versäumnisse und eine verheerende Integrationsarbeit würden jetzt auf Flüchtlinge geschoben. So mangele es derzeit an Sozialwohnungen, die ehedem als Folge neoliberalen Denkens unter Merkel, Steinbrück und Westerwelle als Tafelsilber an „Drecks-Immobilienkonzerne“ verkauft worden seien. „Und es passiert auch tatsächlich, was man längst wissen konnte und gewusst hat.“ 17 empörte Talkshows und fünf Spiegel-Titelseiten gehörten zum üblichen Procedere, wenn das Kind in den Brunnen gefallen sei. „Warum nicht jetzt eine Talkshow, dass die Bienen gerade sterben?“

Brexit, Konsumwahn und Massentierhaltung, politisches Machtgebaren, Religionen und Burkadebatten, Kinderarbeit, Lobbyismus, ständiges Wirtschaftswachstum und Umweltzerstörung: Der 47-jährige, vielfach ausgezeichnete Kabarettist begegnet der Flut an Themen mit Sarkasmus und Ironie, mit Albernheiten und tiefer Tragik. 

Gegen "die da oben"

Sich im Drehstuhl am Flügel fläzend, lässt er genüsslich und im Plauderton Klischees, Fakten und Muster, Perspektiven, Zusammenhänge und Mechanismen aufeinander krachen, analysiert, deutet, mahnt und setzt neu zusammen. Und gegen Ende des Abends mampft er dazu Bananen und wienert ausgiebig den Flügel. Gegen „die da oben“ zieht er zu Felde, prangert Bigotterie und Schamlosigkeit in der Gesellschaft an. Aber unbequem, wie er ist, lässt Rether die Zuschauer auch nicht aus der Verantwortung. „Wo ist unser Anteil an der Misere?“

In den letzten zehn Minuten des Abends kommt tatsächlich noch der Flügel zum Einsatz. Der studierte Musiker intoniert und singt „Over The Rainbow“ und Michael Jacksons „Earth Song“. Die Töne wirken versöhnend, aber der Stachel der deutlichen Worte sitzt tiefer. Nach gut dreieinhalb Stunden (inklusive Pause) entlässt Rether sein begeistertes Publikum.

Von Karola Hoffmann

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