Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 4 ° Regenschauer

Navigation:
Kabarettist Lüder Wohlenberg lädt zur Sprechstunde

Im Apex Kabarettist Lüder Wohlenberg lädt zur Sprechstunde

Schon wieder ein Mediziner auf der Kabarettbühne. Bleiben den Ärzten die Kunden weg? Hat die Gesundheitsreform sie so in den Ruin getrieben, dass sie ein Zubrot brauchen? Lüder Wohlenberg, der „Zwei Meter Halbgott“ hat am Sonnabend zur Sprechstunde ins Göttinger Apex geladen und mit seinen messerscharfen Diagnosen gezeigt: Er ist zu schade für sedierte Menschen. Seine Patienten wollen ihm zuhören und mit ihm Lachen – soll ja auch gesund machen.

Voriger Artikel
Uraufführung von Jacqueline Fontyns Cellokonzert
Nächster Artikel
Zwei Heimspiele mit „Ganz Schön Feist“

Im Bademantel: Lüder Wohlenberg als Patient Raderscheid.

Quelle: Heller

„Spontanheilung“ heißt Wohlenbergs Programm, mit dem er schon seit längerem unterwegs ist. Gesundheitskabarett könnte man meinen, ist derzeit nicht das große Thema. Der Kölner versteht es allerdings, ein brandaktuelles Programm zu liefern – von Guttenberg bis Gaddafi („wir wollen keine Soldaten in Libyen, die müssten gegen unsere eigenen Waffen kämpfen“).

Dabei hilft ihm sein bester Patient Herr Raderscheid. Vom Krankenhausvirus infiziert und eigentlich spontan geheilt, will er das Hospital nicht mehr verlassen. Denn das Haus und die Panini-Sammlung sind verkauft, die Kinder sind mit ihrer Trauer schon durch, und Raderscheid hat getan, was er schon immer tun wollte, sich scheiden lassen. Also, wo soll er hin. Und er weiß: Es gibt keine gesunden Menschen, nur schlecht untersuchte.

Wohlenberg wechselt in seinem zweistündigen Programm zwischen diesen beiden Charakteren. Liegestuhl, gestreifter Bademantel und rheinischer Zungenschlag gleich Raderscheid. Helle Crocs, weiße Hose, hellblaues Hemd, dialektfreies Deutsch, und der Doktor kommt ins Spiel. Und der sichert sich heute ab. Kein Zitat ohne Fußnote. Die Erkenntnis, dass eine Erkältung ohne die Einnahme von Medikamenten 14 Tage und mit Therapie zwei Wochen dauert, stammt also von Tucholsky. Wie er seinen Kindern beibringen soll, dass man Hausaufgaben nicht abschreibt, weiß er jetzt allerdings nicht mehr so genau.

Wohlenbergs politische Analysen sind zum Teil nur augenscheinlich Kabarett. Manches trägt auf eine zynische, trockene Art einfach vor, wie es ist: Deutsche Großbanken seien Finanziers der Betreibergesellschaft des havarierten japanischen Kernkraftwerks Fukushima – Realsatire. Und Wohlenberg meint es ernst: Angela Merkel sei unser Restrisiko. „Wir beherrschen die Atomkraft nicht, warum lassen wir nicht einfach die Finger davon“, lautet sein Appell.

Zum Schluss seiner extrem unterhaltsamen Analyse des nicht nur maroden Gesundheitssystem steht das ernüchternde Rezept: Vergessen ist wichtig – Blödheit entspannt.

Von Eida Koheil

Voriger Artikel
Nächster Artikel
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag