Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Keine Zeit mehr zum Lynchen
Nachrichten Kultur Regional Keine Zeit mehr zum Lynchen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:56 30.04.2017
Quelle: Heller
Anzeige
Göttingen

Genau so kennt man ihn aus der „heute show“ und aus „Pufpaffs Happy Hour“. Ironisch, sehr, sehr ironisch, und vor allem anarchisch. Schon bei der Begrüßung legt Sebastian Pufpaff den Finger in die Wunde. „Ich bin schon den ganzen Tag durch ihre wunderbare Stadt gelaufen, sehr jung, sehr schön.“ Nur die Radfahrer seien doch recht nervig. „Viele Leute in der Eisdiele. Sehr gut, sehr gut … schön.“ Zum Ende des Satzes ist die Stimme so tief und tonlos, dass auch jeder weiß, wie schön er die Stadt nun wirklich findet.

 

Pufpaffs Weg war vorgezeichnet. „Ich habe die seriöse Schiene ausprobiert, doch der Nachname war stärker und hat mich ziemlich schnell in die Welt des Humors entführt, wo ich endlich ernst genommen werde.“ Jetzt steht er auf der Bühne der Stadthalle und redet viel und schnell. „Das heute Abend wird kein klassischer Kabarettabend, das wird eher eine Art Stuhlkreis“, stimmt der 40-Jährige sein Publikum ein. „Jeder redet über seine Probleme, jeder kommt dran.“

 

Aber erst einmal sind Romantikhotels Ziel des Spotts. „Immer ein bisschen plüschig, ein bisschen kitschig, eigentlich wie im Puff, nur ohne die Flecken.“ Und dann schlägt Pufpaff die Richtung Gesellschaftskritik ein. „Es wäre schön, wenn man sich mal nullen könnte. Wenn man sein Hirn mal ausmisten könnte.“ Und dann rausgehen würde. „Und sehen, wie die Welt wirklich ist.“

 

Auch die Zuschauer dürfen sagen, was nervt. Rente, FDP, Pflegenotstand, Seehofer, Trump. Pufpaff legt noch einen drauf. „Wissen Sie, was mich nervt? Ich komme gar nicht mehr zum Lynchen.“ Eine Woche raus aus der Nachrichtenlandschaft. „Mir ging᾽s gut. … Aber das kann᾽s auch nicht sein.“ Und dann zeigt Pufpaff mal, wie cholerisch geht. Ob beim freundlich geschulten Hotline-Mitarbeiter, beim zuvorkommenden Autofahrer – so geht es jedenfalls nicht. Eine Ader auf Pufpaffs Stirn schwillt dabei beachtlich an.

 

Pufpaff gibt den bösen Buben. Den, der sich vordrängelt, ob beim Bäcker oder an der Methadon-Ausgabestelle. Den, der den Rollator wegtritt, um bei einer Keilerei richtig zutreten zu können. Konservativer Rassismus sei blöd. Man muss einfach nur gegen alle sein. „Gehen Sie neue Wege. Sie können die Welt nicht retten, aber ändern.“

 

Haustiere, Sterne-Küche, Technik-Schnickschnack, den die Welt nicht braucht, der aber einiges an Unterhaltungswert ins Leben, vor allem auch ins Liebesleben bringt. Der Prix-Pantheon-Preisträger findet seine Themen im Alltäglichen. Und dann schreddert er genüsslich die üblichen Denkmuster, lässt politische Korrektheit links liegen und das Ganze ins Unerwartete kippen. Mit einem Wort, einer kurzen Pointe, einer perfekt gesetzten Pause. Höchst effektiv, Grimassen schneidend und schauspielerisch auf den Punkt. Das Publikum kommt kaum aus dem Lachen heraus. Etwa wenn er an Empathie-Tourette leidet, im Baumarkt angesichts eines Springbrunnens.

 

Nur einmal kippt die Stimmung. Doch der studierte Staatsrechtler und Politikwissenschaftler weiß genau, wie weit er gehen kann bei seiner absurden Verknüpfung thematischer Minenfelder wie Radikalisierung, Arbeitslosigkeit und Ausländer. Auch beim nervigen Nachwuchs kennt der Bühnen-Pufpaff kein Erbarmen. „Schön wegbarscheln, den Kleinen.“

 

Am Ende des Programms gibt er sich dann doch versöhnlich. Das Hirn „auf Null stellen. Rausgehen und jedem Menschen die gleiche Chance geben". Böse, anarchisch, intelligent, einfach gut.

Von Karola Hoffmann

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige