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Regional Kabarettist Urban Priol hat Bundeskanzlerin Angela Merkel im Visier
Nachrichten Kultur Regional Kabarettist Urban Priol hat Bundeskanzlerin Angela Merkel im Visier
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00:16 16.01.2013
Blick zurück im Zorn: der Kabarettist Urban Priol in der Göttinger Stadthalle. Quelle: Heller
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Göttingen

Dabei ist sein liebstes Feindbild Angela „the Rock“ Merkel. Wie ein Felsen liege die Kanzlerin bewegungslos in der europäischen Brandung – genauso starr wie ihre politische Linie. Wobei die sich eigentlich kaum erkennen lasse, moniert der 51-jährige am Sonnabend in der ausverkauften Stadthalle immer wieder.

Der „abnickende Wackeldackel“, den wir zur Kanzlerin haben, wechsle seine Meinung schneller, als die Bäume ihre Blätter im Herbst. Wie war das noch gleich mit der Hochtief-Übernahme durch den spanischen Konzern ACS? „Das wird nicht passieren, ist doch Chefsache“, hieß es. Zwei Wochen später hieß dann der neue Hochtief-Chef  Fernández.

So viel dazu. Trotz dieser ständigen Meinungswechsel schaffe  Merkel es, dem Volk gegenüber unverzichtbar zu wirken. Dadurch, dass sie immer wieder betone „Die Krise ist noch längst nicht überwunden“ suggeriere sie, dass sie (und keiner sonst) Deutschland stabil und sicher durch dieses Tal führen könne. Dabei brauche in Wirklichkeit nicht die Krise sie, sondern sie die Krise, schimpft der Kabarettist.

Die Bundeskanzlerin (wenn man diese Buchstaben vertauscht, entsteht übrigens das Wort „Bankzinsenluder“, wie Priol amüsiert feststellt) könne wie keine andere Ansprüche eindämpfen. Sie müsse die Worte „Mut“ und „Handeln“ erst einmal vor dem Spiegel üben, bevor sie sie in der Öffentlichkeit unfallfrei aussprechen könne. Und Priol kann dies wie kein anderer nachahmen. Mit einem Zitronengesicht, die Hände auf Hüfthöhe vom Körper gespreizt, über die Bühne watschelnd, gleicht er nicht nur im gelangweilten Tonfall der Kanzlerin.

Jahr des Stillstands

2012 sei ein Jahr des Stillstands gewesen. Ein banales Jahr, in dem nur immer wieder mantraartig betont wurde „Scheitert der  Euro, dann scheitert auch Europa“ und zwar mit der Art von Euphorie mit der man in der Sauna die Beschriftung „Kein Schweiß aufs Holz“ lesen könne. In seinem Jahresrückblick „Tilt“ lässt der vielfach preisgekrönte Obernburger mal wieder kein gutes Haar an Union und FDP.

Doch nicht nur „Fipsi“ Rösler und die „Rentenuschi“ müssen herhalten; er kritisiert auch und vor allem die Politikunlust der Deutschen. Durch viel zu viele Boulevard-Banalitäten ließen wir uns vom wirklich Wichtigen ablenken und seien damit auch noch zufrieden: Olympia, Kates Schwangerschaft und die Europameisterschaft kämen als Ablenkungsmanöver gerade recht.

Und was habe die Union wohl dem italienischen Kapitän bezahlt, der die „Costa Concordia“ vor der Insel Giglio auf Grund laufen ließ? Während das „ruhiggestellte Volk“ beschäftigt mit solcher Art von Nachrichten ist, sei es kein Wunder, dass die Politiker im Hintergrund schalten und walten könnten, wie sie wollten.

Es ist ein schmaler Grat zwischen Belustigung und Beleidigung des Publikums. Ein Balanceakt den Priol ausgezeichnet meistert. Er schafft es einerseits seine Zuschauer lauthals zum Lachen zu bringen und andererseits, sie zum Nachdenken anzuregen. Es wäre nicht verwunderlich, wenn im Superwahljahr 2013 aufgrund dieses pointenreichen Abends einige Göttinger mehr am 22. September ihre Stimmzettel in die Wahlurne werfen.

Von Sarah Lodder

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