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Regional Zwischen Tintenkiller und Rhabarberwindeln
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13:16 07.05.2017
Bernd Gieseking Quelle: Heller
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Göttingen

Manche Ideen findet man auf der Straße. Man muss nur die Augen aufmachen und sie entdecken. Einer wie Bernd Gieseking ist mit offenen Augen unterwegs. Und so ist aus einem Graffito vorm Haus, „Too old to die young“ – „zu alt, um jung zu sterben“, ein Programm samt Buch geworden.

Buch

Bernd Gieseking: Gefühlte Dreißig – Ein Hoffnungsbuch für Männer um die Fünfzig. Fischer Taschenbuch, 256 Seiten, 12,99 Euro.

„Als ich 50 geworden bin, hab ich eingeladen zu einem großen Fest ...“, holt Gieseking aus, kommt aber wegen einer Zuschauerin nicht zu Wort. „Wann … wann?“ lautet die hartnäckige Zwischenfrage aus der ersten Reihe. „Na neulich“, die spontane Antwort des 58-Jährigen von der Bühne. Ein Riesen-Lacher.

Der Wahl-Dortmunder lässt sein Publikum nun mal nicht im Regen stehen. Und so ist sein Programm „Ein Hoffnungskabarett für Männer um die Fünfzig“ zugleich natürlich auch ein Abend für Frauen. „Wenn wir Männer uns schon nicht begreifen, dann sollt ihr Frauen uns doch wenigstens verstehen.“

Gieseking ist einer, der genau hinschaut und genau zuhört, wie er es auch seit vielen Jahren mit seinem Jahresrückblick belegt. Doch steht nun statt großer Politik das ganz normale Leben eines Über-Fünfzigjährigen im Mittelpunkt. Der gebürtige Ostwestfale findet die Perlen im Alltag, die er dann als Pointen glänzen lässt.

Von unerwarteten Realitäten während eines Klassentreffens liest er vor, von eigenwilligen Kontaktanzeigen („Ich antworte, dann weiß ich wenigstens, dass ich gesucht werde“) und vom Gespräch zweier Mütter („mein Kind hat einfach keine Pampersfigur“) und ihrer wohl behüteten Kinder in dem es um den Geruch von Stuhlgang nach Rhabarberkuchen geht. Wie anders sei doch die „Generation Bonanzarad“ aufgewachsen, die heute die Narbe einer Pockenimpfung am rechten Oberarm trägt – statt Tattoo.

Der Tintenkiller war die größte Erfindung damals. Und die Eltern kannten Freddy Quinn statt Freddy Mercury. Heute werde man plötzlich mit Zahnzwischenraumbürsten konfrontiert, mit Haaren, die weniger auf dem Kopf als aus der Nase sprießen und zur werberelevanten Zielgruppe gehöre man auch nicht mehr „Aber wer gibt den 14-Jährigen das Taschengeld?“

Der Mann will nun mal ein Held sein, erklärt der Kabarettist, Autor und taz-Kolumnist. Und räumt doch kurz darauf ein, dass ab einem gewissen Alter manches zugekauft werden müsse („Lesebrille, Knie, Hüfte“). Gieseking parliert, philosophiert und pointiert – immer auf Augenhöhe mit dem Publikum, ohne sich dabei anzubiedern. Und selbst wenn er manche Geschichte vielleicht nicht genau so erlebt hat, wie er sie erzählt, wirkt es doch immer echt und mitten aus dem Leben. Sogar das Kunststück gelingt ihm, das eigentlich abgenudelte Mann-Frau-Thema treffend, erfrischend und augenzwinkernd auf den Punkt zu bringen. Giesekings „Hoffnungskabarett für Männer um die Fünfzig“ ist schlichtweg auch ein Wohlfühlkabarett für alle Zuschauer.

Von Karola Hoffmann

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