Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Kantorei St. Jacobi Göttingen spielt Carl Loewes Oratorium „Jan Hus“

Herausforderung glänzend bestanden Kantorei St. Jacobi Göttingen spielt Carl Loewes Oratorium „Jan Hus“

Alle Welt hat in diesen Tagen Martin Luther gefeiert. Die Jacobikantorei ehrte einen anderen Reformator. Am Dienstag erklang in der ausverkauften Jacobikirche Carl Loewes Oratorium „Jan Hus“ in einer bewegenden szenischen Aufführung unter der Leitung von Stefan Kordes.

Voriger Artikel
Ina Müller probt in der Lokhalle
Nächster Artikel
Chanukka und Weihnachtsfest verbinden

Für die Inszenierung wurde der gesamte Kirchenraum genutzt – die Choristen kamen oft auf Tuchfühlung mit dem Publikum.

Quelle: Bänsch

Göttingen. Der böhmische Theologe Jan Hus lebte 100 Jahre vor Luther und wandte sich schon Anfang des 15. Jahrhunderts entschieden gegen katholische Praktiken. Dafür wurde er zum Ketzer erklärt und am 6. Juli 1415 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Diese Biografie bietet Stoff für ein Drama. Loewes Librettist war August Zeune. Sein Text, urteilte Robert Schumann, lohne sich „auch ohne Musik des Lesens“. In derselben Rezension schreibt Schumann, das Werk liege „zwischen Oper und Oratorium“.

Das war der Anlass für Kordes, eine szenische Aufführung zu wagen, der er Otto Nicolais kirchliche Festouvertüre über „Ein feste Burg ist unser Gott“ voranstellte. Regisseurin Judith Kara nutzte für ihre Inszenierung den gesamten Kirchenraum. Dadurch kamen die Choristen mit dem Publikum oft auf Tuchfühlung, was die dramatische Spannung erhöhte. Titelheld Jan Hus bestieg zeitweise die Kanzel und konnte seine Überzeugungen auf diese Weise noch kraftvoller den Zuhörern nahebringen. Mit einfachen Mitteln – weißen und schwarzen Chorgewändern, charakteristischen Hüten, ausgearbeiteten Kostümen für Adel und Kirchenfürsten – waren die Funktionen der handelnden Personen schlicht, aber treffend konturiert. Die szenische Einrichtung bedeutete für die Kantorei überdies, dass sie ihre Texte auswendig singen musste. Sie stellten sich mutig der ungewohnten Herausforderung und bestanden sie glänzend.

Loewe malt die Szenen mit viel Liebe zum Detail. Da freuen sich die Schüler und Studenten von Prag ihrer Studien, da begegnen Hus auf seinem Weg zum Konzil in Konstanz Zigeuner, die Düsteres prophezeihen. Später erbittet Hus in einem „lieblichen Wiesental“ einen labenden Schluck Milch von einem Hirten. Doch viel eindrucksvoller als solche biedermeierlichen Genrebildchen am Rande ist die Scheiterhaufen-Szene im Finale, die Judith Kara zu einem bewegenden Bild gestaltet hat. Die Männer schichten dürre Holzstöcke zum Haufen, den die Frauen in rot-gelben, weiten Gewändern flammend umtanzen. Darin singt Hus mit ersterbender Stimme „Non confundar in aeternum“ (In Ewigkeit werde ich nicht zuschanden).

Loewe illustriert das Geschehen sehr bildhaft mit seiner eher unkomplizierten Musik, schwingt sich aber auch (in der „Missa canonica“) zu kühnen polyphonen Strukturen auf. Vor allem in Psalmen und Gebeten wird seine musikalische Sprache sehr eindringlich, da mischt sich Einfachheit mit tiefem Empfinden. Diese stilistische Bandbreite zeichnete Kordes mit Feingefühl nach, hielt – ohne seine Sängerinnen und Sänger sehen zu können, weil er im hinteren Altarraum platziert war – Chor, Solisten und Instrumentalisten bis auf ganz wenige Wackeligkeiten gut zusammen. Die Choristen waren mit heller Begeisterung bei der Sache. Dass es möglich war, alle zwölf kleineren Solopartien dieses Oratoriums aus den Reihen der Kantorei zu besetzen, verdient ein großes Kompliment. Dass nicht alle von ihnen sängerisch gleich stark waren, nimmt man gern in Kauf.

Clemens Löschmann in der Titelpartie zeichnete mit stets kultivierter, nirgends nachlassender Stimmkraft ein packendes Bild des Reformators, seine Glaubenssicherheit, seine Standfestigkeit, sein Gottvertrauen. Ihm galten lautstarke Bravorufe im tosenden Schlussapplaus, mit dem ebenso die Choristen und das engagiert musizierende Göttinger Symphonie-Orchester gefeiert wurden.

Von Michael Schäfer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Regional
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag