Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Kapitalismuskritik im Märchen: Foerster inszeniert Hauff
Nachrichten Kultur Regional Kapitalismuskritik im Märchen: Foerster inszeniert Hauff
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:21 29.05.2018
Szene aus „Das kalte Herz“: Mia Kaufhold, Tara Burkhardt, Marie Seiser, Florian Donath, Angelika Fornell, Gerd Zinck Quelle: Thomas Müller
Göttingen

Viel Glitzerstaub gab es zur Premiere von Wilhelm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“, das am Freitag im DT 2 Premiere feierte. Im Zentrum der Inszenierung von Daniel Foerster stand die schmerzhafte Reise des Kohlenbrenners Peter Munk zu sich selbst. Hauffs Märchen aus dem Jahr 1882 beinhaltet eine schon damals aufkommende Kapitalismuskritik, die auch Foersters Inszenierung innewohnt.

Peter Munk (Florian Donath) will mehr vom Leben als ein armer Kohlenbrenner sein. Glasbläser möchte er werden, mehr haben und angesehener sein. Geld stinkt nicht, heißt es im Sprichwort. Das sieht in der Schwarzwälder-Welt Hauffs doch etwas anders aus.

Peters Mutter (wunderbar flexibel in der Darstellung: Angelika Fornell) weist ihren Sohn darauf hin, dass alle ihnen bekannten Reichen charakterlich schlecht seien. Aber Peter möchte trotzdem so reich und sagenumwogen sein wie der Holländer-Michel (im Glamour-Glitzeroutfit: Gabriel von Berlepsch). Als Sonntagskind und mit dem richtigen Vers bekommt Peter die Gelegenheit, sich beim Glasmännlein (Gerd Zinck) drei Wünsche erfüllen zu lassen. Doch seine Wünsche sind töricht und „ohne Verstand“.

Geld in der Tasche, aber keine Gefühle mehr

Peter ist kurz zufrieden mit seiner neuen Glashütte, verliebt sich in Lisbeth (Marie Seiser), aber seine Gier und Vergnügungssucht sind stärker. Im Wirtshaus spielt er sich um Kopf und Kragen und landet auf der Straße. Elendig eindrücklich ist das Bild des fast nackten, am Boden liegenden und mit Glitzer bestäubten Peters. Dieser sieht seinen einzigen Ausweg nur im Handel mit dem unheimlichen Holländer-Michel. Er tauscht sein Herz, das ihn verletzlich macht, gegen eines aus Stein und hat von nun an immer Geld in der Tasche, aber keine positiven Gefühle mehr.

Weitere Vorstellungen

„Das kalte Herz“ wird wieder gespielt am Mittwoch, 30. Mai, um 20 Uhr. Ein „Nachgespräch“ ist für Donnerstag, 31. Mai, um 10 Uhr angesetzt. Während der „Nacht der Kultur“ sollen Gäste die Gelegenheit zum Gratisbesuch um 17 Uhr haben, ist der Website des DT zu entnehmen. Weitere Termine sind: Donnerstag, 21. Juni, 10 und 20 Uhr sowie Mittwoch, 27. Juni, 20 Uhr. Auftrittsort ist jeweils das DT-2, das Studio des Deutschen Theaters Göttingen, Theaterplatz 11. Karten gibt es unter der Telefonnummer 05 51 / 49 69 300.

Das schwarze Holzhaus im Zentrum der Bühne korrespondiert mit den krassen Veränderungen im Leben des Protagonisten. Es öffnet sich zur weihnachtsmarktähnlichen Glashütte, in der er mit Lisbeth noch alles in bunten Farben sieht, und es verschließt sich bis auf die schwarzen Fensterläden, als er reich und rastlos durch die Lande reist, während das Haus sich wie von Sinnen dreht. Er schottet sich ab, lässt sogar seine arme Mutter auf Knien bettelnd vor dem Haus sitzen. Schmerzhaft lotet Foerster in Szenen wie dieser aus, was es bedeutet keine Herzenswärme mehr zu haben.

Seine Inszenierung besticht durch ihren Mut, Freiräume zu nutzen, und in der Wahl und Zusammenstellung der künstlerischen Mittel. Energiegeladene, aberwitzige Tanzchoreographien, posenhaftes „Chillen“ in coolen Looks, Zapfen abwerfende wandelnde Schwarzwaldtannen und die ganz leise Melodie des Herzens durch die Minispieluhr, die motivhaft immer wieder ertönt. Dieses Kaleidoskop der Ausdrucksmöglichkeiten balanciert zuweilen hart an der Grenze zum Chaotischen, wird aber durch ein glänzend miteinander spielendes Schauspielensemble aufgefangen. Gelungen umgesetzt sind zudem die Reminiszenzen der Schwarzwaldtracht in den aufwendigen Kostümen (Mariam Haas).

Göttinger an Produktion beteiligt

Gleich zwei Göttinger gaben sich in dieser Produktion ein Stelldichein: Sowohl Regisseur Foerster als auch Kinder- und Jugendcoach Daniela Urban stammen aus der Universitätsstadt, begegneten sich aber erst in Stuttgart, wo sie sich im Jugendclub des Schauspiels Stuttgart kennen- und schätzen lernten. Foerster spielte vor 15 Jahren selbst im Jugendclub des Deutschen Theaters, Daniela Urban ist vielen noch bekannt aus ihrer Zeit als Theaterpädagogin am Jungen Theater unter Andreas Döring.

Mehr über die Arbeit von Daniel Foerster lesen Sie in einem eigenen Artikel hier.

Von Marie Varela

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Sie kam, sang und siegte: Star-Sopranistin „La Kermes“ war Solistin im letzten von Christoph-Mathias Mueller geleiteten Promenadenkonzert des Göttinger Symphonie-Orchesters (GSO). Das Publikum in der ausverkauften Stadthalle raste vor Begeisterung.

29.05.2018

Seine „Spätschicht“ absolviert Florian Schroeder am Sonntag, 1. Juli, in Göttingen. Der Kabarettist, Kolumnist und Parodist ist dann engagiert für den Göttinger Kultursommer. Bekannt ist der Kabarettist unter anderem als Moderator der SWR-Sendung „Spätschicht“.

26.05.2018
Regional Alptraum KI: Künstliche Intelligenz in Hollywood - Bist du eine Maschine, oder denkst du schon?

Von Klassikern wie “Metropolis“ und “2001: Odyssee im Weltraum“ bis zu “Ex Machina“: Das Kino zieht es vor, künstliche Intelligenz zu fürchten. Erstens könnte da was dran sein, und zweitens wäre alles andere langweilig.

25.05.2018