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Karen Duve mit Buch im Alten Rathaus Göttingen

„Anständig essen“ Karen Duve mit Buch im Alten Rathaus Göttingen

Karen Duve und Carolin Hoffrogge setzen sich an den Tisch auf der Bühne im sehr gut besuchten Alten Rathaus Göttingen. Duve hat das viel besprochene Buch „Anständig essen“ geschrieben, das sie auf Einladung des Literarischen Zentrums an diesem Abend vorstellen will.

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Karen Duve

Quelle: dpa

Hoffrogge soll moderieren und hat der Schriftstellerin ein Geschenk mitgebracht: eine Hähnchenpfanne aus dem Supermarkt. Backofen vorheizen, Tür auf, rein damit, nach einer Stunde fertig. Duve würde es als unanständiges Essen bezeichnen. Jahrelang habe sie sich von solchen und ähnlichen Fertiggerichten ernährt, bekennt die Schriftstellerin. Fürs Kochen sei ihr die Zeit zu schade gewesen, das habe sich bis heute nicht geändert. Ihre Ernährungsgewohnheiten hingegen schon.

Ein Jahr langt erprobte die 49-Jährige den Verzicht auf Fleisch bis hin zur extremen Variante der frutarischen Ernährung, die nur zulässt, was von selbst von Baum oder Strauch fallen würde. Salat ist tabu, weil beim Ernten die Pflanze vernichtet wird. Ihr Antrieb? „Ich will mir nicht künstlich das Leben schwer machen“, sagt Duve, „ich will nur ein besserer Mensch werden“. Das Ergebnis: „Vegetarisch war gar nicht so schlimm, eine bloße Umstellung.“ Sich vegan zu ernähren, also auf alles Tierische und tierische Produkte zu verzichten – auch Honig zählt dazu, denn Veganer betrachten das Ernten des Honigs als Diebstahl – sei schon problematischer gewesen. Problematisch offenbar auch manche Konsequenz: „Es macht es schwierig, sozial zu bleiben.“ Von Diskussionen bei Tisch rät Duve dringend ab: „Es bringt nichts, mit den Leuten beim Essen zu diskutieren. Was hängen bleibt, ist, dass man eine Nervensäge ist, die man besser nicht mehr einlädt.“ Schwierigkeiten im privaten Umfeld also? „Die einzigen, die ich austauschen müsste, kann ich nicht austauschen. Das sind Familienmitglieder.“ Eltern, Geschwister und deren Ehepartner ließen sich nämlich durch Duves Hardcore-Kurs – bei Familientreffen habe sie schon mal ein schwarzes Tierbefreier-T-Shirt getragen, bekennt Duve – nicht beeinflussen.

Eher dünn wird Duves Argumentation, wenn sie auf Forschungen eines US-Wissenschaftlers in den 1950er Jahren verweist. Der habe Pflanzen einen Lügendetektor angeschlossen, die dann deutlich auf Gießen mit Freude, auf Feuer mit Angst reagiert hätten. Ein Weg, der über Jahrzehnte nicht verfolgt worden sei, heute aber wieder die Forschung beschäftige.

Heute sagt Duve über ihren Selbstversuch: „Meinem Wertesystem entspräche es, veganisch zu leben. Immerhin vegetarisch habe ich geschafft.“ Doch sie könne nicht ausschließen, „mal wieder ein Stück Fleisch zu essen. Dann kann ich mich zwar nicht mehr Vegetarier nennen, aber ich ernähre mich vegetarisch“. Und ist sie jetzt ein besserer Mensch? „Vielleicht bewusster, achtsamer. Ich richte weniger Schaden an“, meint Duve. Die geschenkte Hähnchenpfanne wollte die Autorin übrigens nicht mitnehmen. Die war inzwischen wohl auch angetaut und reif für den Müll – auch kein schönes Ende für einen Hahn.

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