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Regional Hermann Rein – Hitler-Gegner oder Profiteur des NS-Regimes?
Nachrichten Kultur Regional Hermann Rein – Hitler-Gegner oder Profiteur des NS-Regimes?
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08:39 27.09.2018
Katharina Trittel stellt ihr Buch „Hermann Rein und die Flugmedizin. Erkenntnisstreben und Entgrenzung.“ vor. Der Historiker Prof. Dr. Peter Aufgebauer moderiert die Diskussion. Quelle: Niklas Richter
Göttingen

Das Selbstverständnis der Wissenschaft in der NS-Zeit, und auch danach, war das Thema der Studie, mit der Katharina Trittel, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Demokratieforschung in Göttingen, promovierte. Die Biografie des Hermann Rein (1898 bis 1953), seine wissenschaftlichen Aktivitäten in der NS-Zeit, sein Selbstbild und der öffentliche Umgang mit diesen Themen bildeten die Grundlage für das 2018 veröffentlichte Buch mit dem Titel „Hermann Rein und die Flugmedizin – Erkenntnisstreben und Entgrenzung“.

Bekenntnis zu Hitler unterzeichnet

Rein war Philologe, Flugmediziner und Hochschullehrer in Göttingen, wo auch eine Straße nach ihm benannt wurde. In der Öffentlichkeit sei er in der Nachkriegszeit als „glühender Gegner des Nationalsozialismus“ wahrgenommen worden, der kein Mitglied der NSDAP war und sich selbst als Opfer des NS-Regimes dargestellt habe, sagte Trittel. Seine Laufbahn sei durch das Regime beeinträchtigt worden, habe Rein später behauptet. Bei ihren Forschungen sei Trittel aber auf andere Fakten gestoßen: Rein habe 1933 das Bekenntnis der Professoren zu Hitler unterzeichnet, sei kurzzeitiges Mitglied der SA und förderndes Mitglied der SS gewesen. Außerdem sei er eng in die staatlichen Forschungsaufträge eingebunden und als Mitglied in höchsten militärischen Beratungsgremien ein Bindeglied zwischen dem zivilen und militärischen Sektor gewesen, so Trittel. Mit ihrem Ergebnissen stellt sie Reins Bild als Beispiel für Zivilcourage in Frage.

Dass Rein 1916 als Kriegsfreiwilliger den Marinefliegern beigetreten ist, sei wegweisend für ihn gewesen. „Die Technikbegeisterung war für alle Flieger grundlegend“, sagte Trittel und beschrieb den Glauben der Wissenschaftler an den Fortschritt und deren Überzeugung, Naturgesetze aushebeln zu können, als ein Phänomen der Zeit des technischen Umbruchs zu Beginn des 20. Jahrhunderts. „Rein war kein NS-Täter, trug aber eine erhebliche Verantwortung. Er hat das NS-Regime stabilisiert, und er hat davon profitiert“, fasste Trittel zusammen.

Lücken in der Aufarbeitung schließen

Nach dem Krieg habe die Wissenschaft im elitären Selbstverständnis die Mitschuld an Nazi-Verbrechen, wie etwa durch Experimente mit Gefangenen, von sich gewiesen, mit der Begründung, lediglich der Forschung verpflichtet zu sein. Und auch bei den Alliierten seien die Akademiker – vor allem, wenn sie nicht im Parteibuch geführt wurden – glimpflich davon gekommen. „Die Alliierten waren auf diese Fachleute angewiesen“, erklärte Trittel und verdeutlichte die allgemeine Unterscheidung zwischen wenigen „SS-Ärzten vom Typ Monster“ und den „unpolitischen Forschern“.

Die Biografie Reins nahm sie als Grundlage, um in ihrem Buch die Gruppe der Flugmediziner in einem „kollektivbiografischen Blick“ zu porträtieren. Ziel sei es, zu schildern, wie das Selbstverständnis dieser Elite über die Zeit zwischen 1933 und 1945 hinaus wirkte.

Auch in der anschließenden offenen Diskussion, unter anderem mit Geschichtsprofessor Peter Aufgebauer, Denkmalbeauftragter der Universität Göttingen, sprach sich die Autorin dafür aus, sich weiterhin mit der Aufarbeitung im akademischen Umfeld zu beschäftigen. „Im Bereich der Medizin gibt es noch viele Lücken“, meinte Trittel.

Das Buch „Hermann Rein und die Flugmedizin – Erkenntnisstreben und Entgrenzung“ ist im Ferdinand-Schöningh-Verlag erschienen, umfasst 587 Seiten und ist im Buchhandel erhältlich.

Von Claudia Nachtwey

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