Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Exilliteratur auf der Leinwand
Nachrichten Kultur Regional Exilliteratur auf der Leinwand
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:29 04.04.2018
Paula Beer als Marie Weidel und Franz Rogowski als Georg in dem Film "Transit", der am Donnerstag in die Kinos kommt. Quelle: epd
Göttingen

Irrlichternde Gestalten

Etwas stimmt hier nicht. Die Sirenen klingen zu schrill, die Polizeiwagen kurven zu schnell um die Ecken. Eine seltsame Verunsicherung geht von diesem Film aus. Alles erscheint so unwahrscheinlich gegenwärtig. Was ist bloß los in Christian Petzolds Kinoumsetzung von Anna Seghers‘ Exilantenroman „Transit“?

Georg zuckt zusammen, wenn er die Sirenen in seinem Rücken hört. Er befürchtet die nächste Razzia. Die niemals abklingende Angst eines Flüchtlings steckt ihm in den Knochen. So könnte, so muss das gewesen sein, damals, 1940, als von den Deutschen Verfolgte in jedem Moment mit ihrer Verhaftung rechnen mussten und die Wehrmacht in Frankreich vorrückte. Aber so ist das immer noch bei Menschen, die sich heute vor Krieg und Verfolgung nach Europa zu retten versuchen.

1940 gehörte auch Anna Seghers zu den Flüchtlingen. Noch unter dem Eindruck des frisch Erlebten begann sie auf dem Schiff nach Mexiko, ihren Roman „Transit“ zu schreiben. Petzold hat dieses Meisterwerk der Exilliteratur nun ins Kino gebracht – und dabei eine radikale Entscheidung getroffen. Er löst die Figuren aus ihrem historischen Kontext. In seinem Zwischenreich kreuzen sich ganz selbstverständlich die Wege von bedrängten Menschen aus verschiedenen Zeiten. Georg spielt mit einem maghrebinischen Jungen Fußball, der für Borussia Dortmund schwärmt.

Viele NS-Flüchtlinge schlugen sich nach dem Einmarsch der Deutschen in Nordfrankreich nach Marseille durch und versuchten, von dort auf ein Schiff nach Übersee zu kommen. Erst einmal aber mussten sie Visa, Transitbescheinigungen, Stempel organisieren. Mit wachsender Verzweiflung irrten sie zwischen den Behörden hin und her. Sie schlugen die endlose und doch gefährlich schnell ablaufende Zeit in Cafés bei Pizza Margherita und billigem Rosé tot. Sie warteten auf Schiffspassagen über jenes Meer, auf dem heute wieder Menschen gen Europa unterwegs sind. Das Warten darauf, dass sich die Hölle öffnet, ist womöglich schon die Hölle selbst, sagt Georg einmal.

Durch Zufall ist Georg (Franz Rogowski) in den Besitz eines mexikanischen Visums und auch des letzten Manuskripts des berühmten Schriftstellers Weidel gekommen. Weidel hat noch in Paris Selbstmord begangen. Es wird nicht der einzige Freitod in diesem Film bleiben.

In Marseille lässt sich Georg eher in Weidels Identität drängen, als dass er diese annimmt. Und dann trifft er ausgerechnet auf Marie (Paula Beer), Weidels Frau, die ihren Mann sucht und immer wieder hört, dass Georg schon in der Stadt sei. Georg wagt es nicht, ihr zu sagen, dass er Weidels Platz eingenommen hat. In diesem Film ist durchaus von Nazis, Lagern, Deportationen die Rede. Der Schrecken des Nationalsozialismus ist nah. Aber gleichzeitig bewegt er sich durch ein Marseille, das wie das heutige aussieht, weil es das heutige ist. In einer Szene erblicken wir Georg auf den Bildern einer Überwachungskamera. Aber er hat einen Pass, auf dem „Deutsches Reich“ steht.

Petzold ist klug genug, die Parallelen zur Gegenwart nicht überzustrapazieren. Die Vergleiche mit heutigen Menschenströmen treffen den Zuschauer in kurzen, beinahe schockartigen Momenten. Es ist am Publikum, Parallelen zu ziehen und die im Bildergedächtnis abgespeicherten Szenen von überfüllten Schlauchbooten zu aktivieren.

„Transit“ ist eine Geschichte übers Ankommen und Abfahren, übers Verlassen und Verlassenwerden in einem mörderischen Irrenhaus namens Europa. Ein Liebesfilm ist „Transit“ aber auch. Manchmal fühlt man sich an „Casablanca“ erinnert – und an Petzolds vorigen Film „Phoenix“, in dem eine Holocaust-Überlebende zurückkehrt und ihr Mann sie nicht erkennt. Hier verfolgt man bis zum Schluss gebannt diese zwischen Vergangenheit und Gegenwart irrlichternden Gestalten.

„Transit“, Regie: Christian Petzold, 101 Minuten, FSK 12, Cinemaxx Göttingen

Eskapismus ist auch nicht alles

Gerade erst hat Steven Spielberg mit „Die Verlegerin“ ein viel beachtetes Journalistendrama in die Kinos gebracht, da ist er schon mit dem nächsten, ganz anders gearteten Film zurück: In die Welt der Science-Fiction führt „Ready Player One“, wo sich Spielberg zuletzt in „Minority Report“ (2002) oder auch „War of the Worlds“ (2005) aufgehalten hat. Als Vorlage diente der gleichnamige Roman von Ernest Cline, der unter Gamern Kultstatus genießt und in die dystopische Welt des Jahres 2045 entführt.

Die Menschheit der Zukunft hat sich mit Umweltverschmutzung, Überbevölkerung und Armut abgefunden. In Columbus, Ohio, stapeln sich die Wohnwagen der Getto-Bewohner auf riesigen Stahlgerüsten in den Himmel. In dieser Welt gibt es weder Hoffnung noch Lebensziele, und so streifen die Menschen die VR-Brille über, um sich in die virtuelle Realität zu flüchten. Oasis nennt sich das gigantische Digital-Universum, in das sich jeder einloggen kann, um zu sein und zu tun, was ihm im wirklichen Leben verwehrt bleibt. Es ist ein Sieg des Eskapismus, der sich mit geballter medialer Verführungskraft entfaltet.

Für den jugendlichen Waisenjungen Wade Watts (Tye Sheridan) hat das Leben in der echten Welt nichts zu bieten, aber in Oasis hat er sich eine neue Identität aufgebaut. Hier heißt er Parzival und trifft seinen Kumpel Aech, der über beträchtliche körperliche Kräfte verfügt, sowie die coole Motorradfahrerin Ar3emis. Jeden Tag nehmen die drei an einem rasanten Rennen teil, bei dem man an Dinosauriern und anderen mörderischen Hindernissen vorbei zum Ziel gelangen muss. Als Belohnung warten die Schlüssel, die der kürzlich verstorbene Erschaffer der virtuellen Welt, James Halliday (Mark Rylance), in seinem Reich versteckt hat. Diese führen zu einem „Easteregg“, das dem Gewinner die kompletten Rechte an Oasis überträgt und ihn damit zum Multimilliardär macht. Neben den Einzelkämpfern sind aber auch Konzerne hinter der Macht über das Spieluniversum her.

Um Hallidays Rätsel zu lösen, muss man auch über profunde Kenntnisse der Popkultur verfügen. Spielberg öffnet die Tür zu einem Dschungel an cineastischen und musikalischen Referenzen. Höhepunkt ist ein Ausflug in die Welt von Stanley Kubricks „Shining“, wo die Spieler sich im Gruselhotel Herausforderungen stellen müssen. Der Nostalgietrip wird in eine digitale Wunderwelt mit State-of-Art-Effekten verlegt und zielt auf ein breites Publikum. Schließlich rebellieren die Gamer gegen die Übernahme ihrer Spielwelt durch habgierige Firmen und lernen, den Wert der Realität wieder zu schätzen.

Auch wenn Spielberg im Vergleich zur Buchvorlage den gesellschaftskritischen Kontext herunterfährt und „Ready Player One“ keinesfalls die intellektuelle Komplexität vergleichbarer Werke von Christopher Nolan erreicht, entwickelt die Angelegenheit als kreatives Dauerfeuerwerk dennoch unterhaltsame Wirkung.

„Ready Player One“, Regie: Steven Spielberg, 140 Minuten, FSK 12, Cinemaxx Göttingen, Neue Schauburg Northeim, Central-Lichtspiele Herzberg am Harz

Papa irgendwo im All

In der Schule ist die 13-jährige Meg Murry (Storm Reid) eine Außenseiterin und wird heftig gemobbt. Das verstärkt noch ihre Selbstzweifel, die sie seit dem spurlosen Verschwinden ihres Vaters Alex (Chris Pine) hat. Der Physiker hatte daran geforscht, große Distanzen im All im Nu zu überwinden. Seit vier Jahren aber ward er nicht mehr gesehen. Doch drei himmlische Wesen wissen mehr. Mrs. Welche, Mrs. Soundso und Mrs. Wer (Oprah Winfrey, Reese Witherspoon, Mindy Kaling) haben einen vermutlich von Alex stammenden Ruf aus dem Weltraum gehört. Sie begleiten Meg, deren Bruder George Wallace und ihren recht spontan in sie verliebten Klassenkameraden Calvin mit reichlich Ratschlägen bei der Vatersuche.

Als der dem Film zugrunde liegende Jugendroman „Die Zeitfalte“ von Madeleine L’Engle 1962 erschien, gab es kaum technische Möglichkeiten, ihn adäquat für die Leinwand aufzubereiten. Im digitalen Zeitalter ist visuell alles möglich. Doch es fällt schwer, in die überladen wirkenden CGI-Welten einzutauchen – zumal die Kindercharaktere im Film von Regisseurin Ava DuVernay („Selma“) ziemlich verloren erscheinen. Wie soll man da emotionale Bande zu ihnen knüpfen?

Zudem braucht es eine esoterische Ader, um sich mit der Geschichte anzufreunden, die sich nur vordergründig naturwissenschaftlich gibt. Eine gewisse Toleranz für musikalischen Kitsch ist ebenfalls Voraussetzung: Die von Ramin Djawadi komponierten Klänge stimmen die Zuschauer aufs Finale ein. Die Freude beim wenig überraschenden Wiedersehen sei Megs Familie von Herzen gegönnt. Aber muss sie gleich in eine schier endlose Gefühlsorgie ausarten?

„Das Zeiträtsel“, Regie: Ava DuVernay, 109 Minuten, FSK 6, Cinemaxx Göttingen

Doku: Galgenhumor braucht’s schon

Es gibt sie tatsächlich: Paare, die seit 50 Jahren und länger zusammenleben. Von vier Paaren erzählen in „Die Nacht der Nächte“ die Schwestern Yasemin und Nesrin Samdereli, die schon die Multikulti-Komödie „Almanya – Willkommen in Deutschland“ drehten. Heitere Momente gibt es auch hier: Ohne eine Spur Galgenhumor, das wird deutlich, hätten die Paare es kaum so lange miteinander ausgehalten.

Die einfühlsam porträtierten Paare stammen aus unterschiedlichen kulturellen und sozialen Zusammenhängen: Kamala und Hampana wagten, in Indien über Kastengrenzen hinweg zu heiraten. Die Japaner Shigeko und Isao wurden von ihren Eltern zwangsverheiratet. Hildegard und Heinz aus dem Ruhrgebiet berichten vom Mief der Nachkriegszeit. Und die Amerikaner Norman und Bill fanden in den Sechzigerjahren zusammen, mussten aber bis 2015 warten, bis die Ehe zwischen homosexuellen Partnern möglich wurde. Nichts wird verschwiegen – auch wenn es um die Nacht der Nächte geht. Lachen und Weinen liegen dicht beieinander. eco

„Die Nacht der Nächte“, Regie: Yasemin und Nesrin Samdereli, 97 Minuten, FSK 0, Cinemaxx Göttingen

Horror: Wohnen in der Geisterbahn

Hinter den sieben Horrorfilmbergen wohnen seltsame alte Tanten, die ihre Häuser wie Geisterbahnen einrichten und dann sterben. Ziehen die Erben ein, was nur Horrorfilm-Protagonisten einfallen kann, schauen monströse Mordgesellen vorbei. Der Franzose Pascal Laugier entfesselt in „Ghostland“ eine Paniksause mit Schockeffekten und zumindest einer überraschenden Wendung, nach der sich der Film allerdings nur noch an den Standards des Genres abarbeitet. Unter seiner blutigen Oberfläche handelt „Ghostland“ vom Erwachsenwerden und der Furcht vor dem sexuellen Erwachen – das im konservativen Horrormilieu ja stets bestraft wird. big

„Ghostland“, Regie: Pascal Laugier, 91 Minuten, FSK 16, Cinemaxx Göttingen

Beatles, Drogen und Kanonen

Jeder mag die Beatles, sogar die Rolling Stones mögen sie. Warum soll also nicht auch ein weithin Schrecken verbreitender mexikanischer Drogenboss besessen davon sein, ein Ranking aller Beatles-Alben zu erstellen? Grübel, grübel. Wie also verhält sich „Help“ zu „Abbey Road“? Eine schrulligschaurige Figur ist dieser Kartellchef, hübsch „tarantinoesk“, wie man sagen würde.

In dessen Machtbereich gerät der bankrotte Geschäftsmann Harold (David Oyelowo). Er soll in Mexiko ein Problem lösen, das die Graspillenfabrik – medizinische Drogen – mit den örtlichen Kartellen hat. Das geht schief: „Ich bin irgendwo in Mexiko mit ’ner Knarre am Kopf“, schreit der schwarze „Gringo“ ins Telefon. In fast jedem Moment des Films sitzt Harold in der Tinte – in einer schwarzen Komödie, in der auch noch Joel Edgerton, Amanda Seyfried, Thandie Newton und Charlize Theron umherwirbeln.

Zwar weiß der Regisseur nicht immer, was er mit der formidablen Besetzung anfangen soll – unterhaltsam ist „Gringo“ aber allemal. Tarantino würde wohl schmunzeln. Und die Beatles sängen: „I Feel Fine“. Oder vielleicht „It’s Been a Hard Day’s Night“.

„Gringo“, Regie: Nash Edgerton, 110 Minuten, FSK 16, Cinemaxx Göttingen

Von Stefan Stosch, Martin Schwickert und Jörg Brandes

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Unter dem Titel „The Formaldehyde Trip“ präsentiert Künstlerin Naomi Rincón Gallardo am Sonnabend, 7. April, um 21 Uhr eine Performance zu der Mixteken-Aktivistin Alberta ‚Bety’ Cariño, die in Mexiko ermordet wurde.

04.04.2018

Bereits zum 15. Mal geht 2018 das Internationale Impro-Festival über die Bühnen des Jungen Theaters, der Stadthalle Dransfeld, des Lumieres und des Theaters der Nacht in Northeim. Vom 6. bis 19. April, stehen sieben Impro-Shows mit der Göttinger Comedy Company und Gästen aus München, Wiesbaden und Ljubljana, Slowenien, auf dem Programm. Das Tageblatt verlost Karten für drei Vorstellungen.

03.04.2018
Regional „Feine Sahne Fischfilet“ im Kino Northeim - „Neue Schauburg“ zeigt Dokumentation „Wildes Herz“

Das Kino „Neue Schauburg“, am Markt 10 in Northeim, zeigt mit „Wildes Herz“ ein Portrait von Jan „Monchi“ Gorkow, Mitglied der Punkband „Feine Sahne Fischfilet“. Der Film ist am Freitag, 6. April, um 20.30 Uhr und am Mittwoch, 11. April, um 16 Uhr zu sehen.

03.04.2018