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„Tulpenfieber“ – Drama aus Amsterdams Blütezeit

Kinostarts der Woche „Tulpenfieber“ – Drama aus Amsterdams Blütezeit

Justin Chadwicks Historienfilm über die erste Spekulationsblase: In „Tulpenfieber“ (Kinostart: 24. August) wird geliebt, gelitten und mit Blumenzwiebeln spekuliert. Mit Alicia Vikander, Dane DeHaan und Christoph Waltz ist der opulente Streifen bestens besetzt.

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Der Kaufmann und das Waisenmädchen: Cornelius (Christoph Waltz) ehelicht die junge Sophie (Alicia Vikander) – und die verliebt sich alsbald in einen Jüngeren.

Quelle: Prokino

Heute gibt es das Bund holländische Tulpen im Supermarkt um die Ecke zum Schleuderpreis, abgepackt in knisternder Plastikfolie. Und Amsterdam-Touristen werden die Blumenzwiebeln als Souvenir geradezu aufgenötigt. Gefüllte oder ungefüllte Tulpen? Einfarbig oder lieber bunt gemischt? Lang- oder kurzstielig?

Aber das heutige so schicke Amsterdam ist ja auch nicht das, von dem in diesem Film erzählt wird: Hier hängt der Geruch von Hering und Gewürznelken aus Ostindien über den Grachten, dampfende Schweine werden für den Verkauf auf dem Markt zerteilt, zwischen den Ständen gackern Hühner. Die Menschen waten durch Schlamm und Dreck, und ab und zu wird ein Ertrunkener aus dem Wasser gezogen. Gut möglich, dass es sich um ein Opfer der Tulpenmanie handelt, das sich mit den bunten Blumen verzockt hat und keinen Ausweg mehr nach dem finanziellen Ruin wusste.

Wer auf die richtige Zwiebel setzt, wird reich

Wir befinden uns in der Zeit um 1630. Halb Amsterdam spekuliert mit Tulpen, so wie es heute Zocker an den Finanzmärkten tun. Der Markt ist ungefähr so sehr erhitzt wie 2008 kurz vor der Finanzkrise, als all die faulen Immobilienkredite aufflogen. Noch aber kann auch ein Fischhändler über Nacht reich werden, wenn er auf die richtigen Blumenzwiebeln setzt und diese in seltenen Farben aus dem Boden sprießen.

Vor diesem pittoresken Hintergrund spielt die Liebesgeschichte „Tulpenfieber“ von Regisseur Justin Chadwick („Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“). Er hat den gleichnamigen Bestseller von Deborah Moggach verfilmt, die auch schon die Vorlage von „The Best Exotic Marigold Hotel“ lieferte. Mit Drehbuchautor Tom Stoppard („Shakespeare in Love“) hat der Regisseur einen ausgewiesenen Fachmann für die Aufbereitung historischer Stoffe an seiner Seite – und der verleiht diesem gediegenen Historiendrama frischen Drive mit gelegentlich komischen Dialogen.

Die Liebe in den Zeiten der Tulpe

Der reiche Kaufmann Cornelius (Christoph Waltz) gehört zu jenen, die nicht von Blütenträumen verfolgt werden: Er hat sein Vermögen schon vor dem Tulpenfieber gemacht und sorgt sich vielmehr um die Zeit nach seinem Ableben. Deshalb holt er sich die schöne, junge Sophie (Alicia Vikander aus „Ex Machina“) ins Haus, die im Waisenhaus aufgewachsen ist. Sie soll ihm einen Statthalter gebären und sexuell zu Diensten sein, wenn sich zwischen seinen Beinen gerade mal etwas regt. Dann aber kommt es, wie es kommen muss: Sophie verliebt sich – und zwar ausgerechnet in den jungen Künstler Jan van Loos (Dane DeHaan, gerade auch unterwegs im Kino als Space-Agent in „Valerian“), der von ihrem Mann engagiert wurde, um ein Porträt von Sophie und ihm zu malen.

Und was tut der verliebte junge Mann? Er begibt sich in eines jener verruchten Kneipen-Hinterzimmer, die neuerdings in Amsterdam als Börse dienen, und setzt alles auf eine Karte, Pardon: Tulpe. Genau das tut auch der Fischhändler Gerrit (Zach Galifianakis), der wiederum in Sophies Haushälterin (Holliday Grainger) verliebt ist. Das Schicksal dieser beiden Paare verquickt sich auf tragische Weise und durch einen wahnwitzigen Plan, der nach menschlichem Ermessen gar nicht aufgehen kann.

Manche Totale wirkt wie gemalt

Aber so genau sollte man nicht nach der Logik fragen: Hier wird in wunderschönen Roben gelitten, in Künstlerklausen geliebt und in Klostern gegärtnert. Aufstieg und Fall liegen ganz dicht beieinander, die Gier führt ins Verderben. Manche Totale wirkt wie gemalt – was sehr schön zum Goldenen Zeitalter in den Niederlanden passt, in dem Kunst und Wissenschaft einen historisch einmaligen Höhenflug erlebten.

Die Figuren im Historiendrama „Tulpenfieber“ sind einen Tick vielschichtiger, als man es erwartet hätte. Das gilt vor allem für Christoph Waltz, der als üblicher Bösewicht beginnt, dann sein mildes Herz entdeckt und am Ende geradezu selbstlos handelt. Im Hintergrund agiert ganz unaufgeregt eine rauchende Äbtissin, der Judi Dench menschenfreundliche Gerissenheit verleiht.

Kurz und gut: Nach diesem Film sieht man den Tulpenstrauß im Supermarkt um die Ecke mit anderen Augen.

„Tulpenfieber“, Regie: Justin Chadwick, Länge 107 Minuten, FSK 6, Cinemaxx Göttingen

Von Stefan Stosch / RND

„Happy Family“ – Wenn Dracula den Tango tanzt

Hat sich Dracula was in den Kopf gesetzt, dann lässt er nicht locker. Nach einem versehentlichen Anruf auf dem gräflichen Smartphone hat er sich in die Menschin Emma verliebt. Weil es wahre Liebe sein soll, verzichtet er aufs Aussaugen und lässt sie auf einem Kostümfest von einer Hexe in eine Vampirin verzaubern. Die verwandelt ihre Familie gleich mit – in Mumie, Werwolf und Frankensteins Monster. Der Zauber kann nur gelöst werden, wenn die Verzauberten glücklich sind.

Danach sieht es lange nicht aus im neuen Film der hannoverschen Animationsfilmschmiede Ambient, denn die Wünsch­manns sind in einer Rundumkrise. Regisseur Holger Tappe hat mit „Happy Family“ einen Erwachsenenroman David Safiers in einen Familienfilm verzaubert. Er weiß, wie stark man für die jüngsten Zuschauer beschleunigen darf. Und wiewohl sich hier allerhand Monster tummeln, wird es nie gruslig. Dafür witzig. Was auch an Hape Kerkeling liegt, der seinen Hightech-verliebten Vampir mit slawischem Zungenschlag  ausstattet.
Zudem ist  die Räumlichkeit der 3-D-Bilder beeindruckend bis  spektakulär. 

„Happy Family“, Regie: Holger Tappe, Länge 93 Minuten, FSK 0, Cinemaxx Göttingen, Central Lichtspiele Herzberg am Harz

Von Matthias Halbig / RND

Kriegerin am Eisernen Vorhang

Sie liegt in einer Badewanne voller Eiswürfel, Gesicht und Haare sind weiß wie die Wand. Der Körper ist übersät mit Platzwunden und Blutergüssen. Ihre Hand lässt ein paar Eiswürfel aus dem Badewassser in ein Glas gleiten und füllt es mit Wodka auf. Ihr Name ist Lorraine Broughton, Agentin Ihrer Majestät und eine eiskalte Kriegerin in einem Kalten Krieg, der im Berlin des Jahres 1989 gerade zu Ende geht.

Wenige Wochen vor dem Mauerfall wird Lorraine vom MI6 dorthin geschickt, um einen Doppelagenten zu enttarnen. Während sich im Osten der Stadt Demonstrationen formieren, kämpft sich die Agentin durch den weit verzweigten Spionageuntergrund auf beiden Seiten der Mauer. Die Verwicklungen zwischen KGB, MI6, BND und CIA werden immer unübersichtlicher, aber darauf kommt es in David Leitchs Agenten-Actionfilm „Atomic Blonde“ nicht an. Schließlich diente hier der Comic „The Coldest City“ von Antony Johnston und Sam Hart ALS Vorlage. Fakten sind weniger wichtig als die Coolness seiner beinharten Heldin.

Charlize Theron spielt diese Lorraine mit platinblondem Pony-Bob, knallroten Stilettos, wechselnder Designer-Trikotage und mörderischer Kompromisslosigkeit. Theron hat sich in den vergangenen Jahren ihren Status als Actionstar eindrucksvoll erarbeitet: als oberfiese Stiefmutter Ravenna in „Snow White and the Huntsman“, einarmige Furiosa in „Mad Max: Fury Road“ und zuletzt als Schurkin in „Fast & Furious 8“. In „Atomic Blonde“ setzt sie noch eins drauf und präsentiert ihre stilisierte Heldin als Kämpferin, die kraftvoll austeilen und auch einstecken kann.

Charlize Therons physische Präsenz ist das Herz des Filmes, der seine Protagonistin zügig von einer Actionszene in die nächste hineintreibt. Regisseur Leitch hat sich in Hollywood vom Stuntman zum Regisseur hochgearbeitet. Seine Kampfchoreografien haben nichts mit den durchdigitalisierten Schnittgewittern moderner Blockbuster zu tun. Wenn die Keilerei beginnt, tritt die Kamera zurück, um die Arena zu zeigen, und wird dann selbst mit hoher Mobilität Teil des Kampfgeschehens. Solche Szenen sind sicherlich nichts für Zartbesaitete, aber handwerklich furios orchestriert. Die Wunden, die Lorraine im Kampf davonträgt, lassen Bruce Willis in „Stirb langsam“ wie einen Simulanten erscheinen.
Zur ruppigen Coolness dieser Agentin passt der schmuddelige B-Movie-Look des Films, der das Berlin der Wendezeit als farbentsättigte Kulisse inszeniert, um seine Heldin in gelbem, blauem oder pinkfarbenem Scheinwerferlicht zum Leuchten zu bringen. Unterlegt wird das durchgehend stilisierte und historisch unkorrekte Geschehen von einem lässigen 80er-Soundtrack, in dem von David Bowies „Cat People (Putting Out the Fire)“ bis zu Nenas „99 Luftballons“ zeitgenössisches Liedgut effizient zum Einsatz gebracht wird.

„Atomic Blonde“, Regie: David Leitch, 107 Minuten, FSK 16,  Cinemaxx Göttingen , Central Lichtspiele Herzberg am Harz

Von Martin Schwickert

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