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Regional Von Putzfrauen, Entführern und Superhelden
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15:00 14.02.2018
Octavia Spencer als Zelda (2.v.l.) und Sally Hawkins als Elisa in dem Film "The Shape of Water". Quelle: epd
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Göttingen

Die Putzfrau und das Biest

Kino ist ein Medium mit verzögerter Wirkungskraft: Von der ersten Drehbuchidee bis zum fertigen Film vergehen Jahre. Folglich dauert es, bis sich veränderte gesellschaftliche Gegebenheiten auf der Leinwand widerspiegeln. Umso mehr darf man sich über Hollywoods Aktualität wundern: Eine ganze Reihe von US-Filmen scheint direkt aus dem düsteren Herzen Trump-Amerikas zu kommen. Haben die Regisseure vorausgeahnt, wie sich Hass und Ausgrenzung in den USA verstärken würden? George Clooney knöpft sich in „Suburbicon“ weiße Rassisten vor; Matt Damon stellt in „Downsizing“ fest, dass der Kapitalismus auch in einer Zwergen-Welt regiert; in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ gebiert die Wut von Abgehängten größere Wut. Und nun träumt der Mexikaner Guillermo del Toro von einer Liebe zwischen einem Fischmenschen und einer Putzfrau, die sich in einer fremden-, frauen- und schwulenfeindlichen Welt behaupten muss.

So wie manch anderer Regisseur auch lässt del Toro die Gegenwart nur indirekt in seinen Film einsickern: „Shape of Water“ hat er in die Sechzigerjahre und in ein amerikanisches Hochsicherheitslabor verlegt, das aus gekachelten Gängen wie in einem Schwimmbad besteht. Hierher verschleppen die US-Militärs ein aus den Tiefen des Amazonas entführtes Wesen, ketten es in einem Wassertank an und malträtieren es im Namen der Wissenschaft. Könnte ja sein, dass sich die erstaunlichen körperlichen Fähigkeiten des Kiemenmenschen im Wettstreit mit den Sowjets ausbeuten lassen.

Eine traurigere Kreatur als diese – neugierige Froschaugen, blau leuchtende Punkte unter der dunklen Haut, Stachelkamm auf dem Rücken – hat man selten gesehen. Da können schon mal Erinnerungen an „E. T.“ aufkommen.

Einsam ist auch die stumme Putzfrau Elisa (Sally Hawkins), die im Labor für Sauberkeit sorgt. Ihre einzigen Freunde sind der schwule Plakatmaler Giles (Richard Jenkins) und ihre schwarze Kollegin Zelda (Octavia Spencer). Ganz allmählich freundet sich Elisa über Gesten, Zeichen und Musik – denn hören kann Elisa – mit dem Fischmenschen an. Und siehe da: Er liebt genau wie sie gekochte Eier, Jazz und Revuefilme, bei denen Elisa so gern ein paar Schritte mittanzt. Der vermeintliche Schrecken des Amazonas ist gar keiner. Ganz vorsichtig und ohne in die Kitschfalle zu geraten erzählt der Regisseur von dieser Annäherung.

Eine erstaunliche Kinomischung kommt zustande: Tanz-, Horror- und Fantasyfilm, dazu ein Häppchen Spionagethriller, denn auch ein russischer Spion hat es ins Hochsicherheitslabor geschafft – das Ganze mit einem nostalgischen B-Movie-Touch versehen. Vor allem aber ist „The Shape of Water“ ein märchenhafter Liebesfilm. Das stellt sich aber erst so richtig heraus, als der bonbonzermalmende Geheimdienstoffizier Strickland (brillant: Michael Shannon) mit der Tötung des Amphibienwesens beauftragt wird.

Elisa entschließt sich, die Kreatur zusammen mit ihren Freunden zu retten. Eine Taube, ein Schwuler und eine Schwarze schmieden einen verwegenen Plan, unterstützt von dem russischen Spion. Eine Koalition der Außenseiter tritt solidarisch an, um es dem menschenverachtenden militärisch-industriellen Komplex mal so richtig zu zeigen.

Zwischendrin bleibt del Toro immer noch genug Zeit fürs Poetische: Wir werden Zeuge einer zärtlichen sexuellen Annäherung im gefluteten Badezimmer. Schwerelos schwebt die Kamera in dem von Lichtstrahlen durchwirkten Blau. Vor Millionen Jahren entstand das Leben im Wasser, hier nimmt eine Liebe ihren Anfang. Bei so viel Glück in einer so menschenfeindlichen Welt konnte die Jury des Filmfestivals Venedig nicht widerstehen: Sie gab „Shape of Water“ den Goldenen Löwen. Und nun gilt dieses Märchen mit 13 Nominierungen als heißer Oscar-Favorit.

Aber hat die Verbindung zwischen Elisa und dem gar nicht monströsen Monster eine Chance? Der Regisseur del Toro hat seine Filme noch nie sonderlich mit Wirklichkeitsballast beschwert. Und sympathisch ist die Idee allemal, die jüngst schon in Denis Villeneuves Science-Fiction-Film „Arrival“ getestet wurde: Wie wäre es denn, Fremde jedweder Art erst einmal freundlich zu begrüßen?

„Shape of Water“, Regie: Guillermo del Toro, 123 Minuten, FSK 16, Cinemaxx Göttingen

Reichsein macht auch nicht glücklich

Fast möchte man in den Bildern dieses Entführungsdramas nach den Nähten suchen. „Alles Geld der Welt“ ist der Film, aus dem „House of Cards“-Star Kevin Spacey nachträglich herausgeschnitten wurde. Als Spaceys sexuelle Übergriffe ans Licht kamen, trommelte Ridley Scott in einer Hauruck-Aktion seine Darsteller noch mal zusammen und drehte die Spacey-Szenen mit Christopher Plummer in Rekordzeit neu. Scott befürchtete, dass das in „MeToo“-Zeiten empfindlich gewordene Publikum sein Werk sabotieren könnte.

Es waren viele Szenen, die der Schere zum Opfer fielen: Hollywood-Haudegen Plummer gibt den Patriarchen J. Paul Getty, der wie Charles Dickens‘ Scrooge auf seinem Vermögen hockt und zu geizig ist, um die für ihn lächerliche Summe von 17 Millionen Dollar Lösegeld für seinen in die kalabrischen Berge entführten Enkel herauszurücken. „Ich habe 14 Enkelkinder“, sagt der Milliardär in Kameras. „Wenn ich einen Penny zahle, werde ich bald 14 entführte Enkel haben.“ Genau das hat der echte Getty, 1973 der reichste Mann der Welt, gesagt. Plummer macht seine Sache so gut, dass er im Januar den Golden Globe gewann und nun auch für den Oscar nominiert ist. Sein Ölmagnat und Kunstsammler ist der Dreh- und Angelpunkt: eine diabolische Gestalt, die kostbare Jesus-Gemälde mehr liebt als den eigenen Enkelsohn. Man erschrickt vor diesem Geizkragen, aber gleichzeitig bemitleidet man ihn beinahe in seiner Einsamkeit.

Scott konzentriert sich aber nicht auf diese faszinierende Figur, die dafür steht, was Gier mit einem Menschen machen kann: Genauso erzählt er von Pauls verzweifelter Mutter Gail (Michelle Williams), die als verstoßene Ex-Schwiegertochter keinen Zugang zum Patriarchen hat. Ihr zur Seite steht Gettys Sicherheitsberater Fletcher Chace (Mark Wahlberg), der hin- und hergerissen ist in seiner Loyalität zu Gail und Getty.

Wer aber nun einen echten Thriller erwartet, wird enttäuscht. Weil wir den Ausgang der Geschichte kennen, wird der Film zu einer mitunter so zähen Angelegenheit, wie es wohl auch die sich damals über fünf Monate hinziehende Entführung war. Die beklemmendste Szene: Enkel Paul wird das Ohr abgeschnitten. Da ist das Entführungsopfer aber schon von den kalabrischen Viehhirten an die Mafia verkauft worden (wer mehr über die Hintergründe der damals zahlreichen Entführungen in Süditalien erfahren will, dem sei der Roman „Schwarze Seelen“ von Gioacchino Criaco, Folio Verlag, empfohlen).

Zwischenzeitlich ist „Alles Geld der Welt“ doch wieder in die Debatte um die Ungleichbehandlung von Frauen in Hollywood geraten: Darsteller Wahlberg soll für den Nachdreh 1,5 Millionen Dollar kassiert haben, Williams 1000 Dollar. Die Empörung in Hollywood war groß. Mittlerweile hat Wahlberg seine Gage dem Hilfsfonds „Time’s Up“ zukommen lassen. Er weiß ja, dass Geld nicht glücklich macht.

„Alles Geld der Welt“, Regie: Ridley Scott, 132 Minuten, FSK 12, Cinemaxx Göttingen

Schwarzer Superheld

Als Marvel 1966 mit der Figur des Black Panther seiner Leserschaft den ersten schwarzen Superhelden präsentierte, war der Comicverlag auf der Höhe der Zeit. In den USA eskalierten die Auseinandersetzungen um die Bürgerrechtsbewegung, die Black Panther Party for Self-Defense gründete sich, die sich als Alternative zur gewaltlosen Strategie Martin Luther Kings verstand. Wenn das Marvel-Imperium heute den Black Panther in sein Repertoire aufnimmt, ist das überfällig.

Chadwick Boseman spielt entspannt den Herrscher T’Challa. Dessen Königreich Wakanda hat sich im Urwald zu einer Hightechkultur gemausert. Aber T’Challa alias Black Panther muss erkennen, dass sich sein Utopia nicht länger verstecken kann. Zum einen strebt Bösewicht Klaw (fies: Andy Serkis) danach, das heimische Wundermetall Vibranium auf dem Weltmarkt zu verhökern. Zum anderen fordert Cousin Erik (Michael B. Jordan) den Thron. Regisseur Ryan Coogler verbindet kulturelle und politische Bezüge stimmig mit den Erwartungen an einen Superheldenfilm. „Black Panther“ bringt frischen Wind ins selbstzufriedene Marvel-Universum.

„Black Panther“, Regie: Ryan Coogler, 134 Minuten, FSK 12, Cinemaxx Göttingen, Central-Lichstpiele Herzberg am Harz

Mama war ein wilder Feger

Man kann seinen Vater auf verschiedene Weise ehren. Peter Reynolds (Ed Helms) ist Proktologe geworden, nachdem sein Erzeuger an Darmkrebs starb. Seinen rektal geprägten Alltag erträgt er im Gedenken an den ihm nur von einem Foto vertrauten Paps, der – wie er und sein Zwillingsbruder Kyle (Owen Wilson) bei der Wiederverheiratung ihrer Mutter Helen (Glenn Close) erfahren – gar nichts mit beider Existenz zu tun hat. Mama nennt einen neuen Namen.

Und los geht die Suche nach dem wahren Vater. Die Football-Legende Terry Bradshaw (spielt sich selbst) soll’s gewesen sein, andere Kandidaten folgen. Die Siebzigerjahre halt! Wer zählt die Betten, nennt die Namen? Muttern war ein wilder Feger.

Aus ihrer Libido werden zu viele Gags gewonnen. Der schlechte Geschmack feiert bei Lawrence Sher ein neues Tief im Highway-Resthouse, das Missverhältnis zwischen der Länge eines Films und der Schlichtheit seiner Geschichte feiert mit. Nach zwei Stunden mit schmalzigem Ende weiß man, dass man nie wieder so unspritzig amüsiert werden möchte. big

„Wer ist Daddy?“, Regie: Lawrence Sher, 113 Minuten, FSK 12, Cinemaxx Göttingen

„Die Migrantigen“

Benny und Marko sind Österreicher mit ausländischen Wurzeln, völlig integriert und sogar mit Wiener Schmäh ausgestattet. Als sie in einem Wiener Stadtviertel mit hohem Ausländeranteil ein Sofa durch die Gegend schleppen, werden sie von der Journalistin Marlene Weizenhuber angesprochen. In ihnen sieht sie die perfekten Hauptpersonen für eine neue Reality-TV-Show, in der es um das Viertel und ihre Bewohner gehen soll. Und weil Benny gerade kein Engagement als Schauspieler und Marko Probleme mit seiner Werbeagentur hat, täuschen die Freunde vor, arbeitslose Kleingangster mit Migrationshintergrund zu sein. Anfangs geht alles gut, doch dann gerät alles ziemlich aus den Fugen. Und irgendwann realisieren die Beiden, auf was sie sich da eingelassen haben.

„Die Migrantigen“, Regie: Arman T., 95 Minuten, FSK 12, Lumière

„Anne Clark - I’ll walk out into tomorrow“

Anne Clark, Ikone der Musikgeschichte und Pionierin der Spoken-Word-Kunst, steht seit mehr als 30 Jahren auf der Bühne. Sie verwandelt Sprache in einzigartige Musik. Seit Beginn der 80er Jahre sorgten New Wave Klassiker wie „Our Darkness“und „Sleeper in Metropolis“ für Begeisterung, der Generationen von Musikern inspirierte. Ihre analogen Synthesizer-Sounds machten die düstere Poetin zu einer Wegbereiterin des Techno.

Nach Konfrontationen mit ihrer Plattenfirma verschwand sie von der musikalischen Bildfläche und erfand sich in der stillen Einsamkeit Norwegens neu. Regisseur Claus Withopf begleitete Anne Clark fast ein Jahrzehnt lang und porträtiert eine so gesellschaftskritische wie überwältigende Ausnahmekünstlerin - eine musikalische Rebellin, die sich jenseits des kommerziellen Mainstreams auf ihrer eigenen Tonspur bewegt. Mit existentiellen Lyrics, handfester Poesie und akustischen Experimenten schuf Anne Clark ein Repertoire feinster elektronischer Musik. „Anne Clark - I’ll walk out into tomorrow“ ist das fesselnde Porträt einer unverwechselbaren Künstlerin, die mit der Kraft ihrer sensationellen Poesie und explosiven Sounds die Musikwelt auf den Kopf gestellt hat.

„Anne Clark - I’ll walk out into tomorrow“ – OmU, Regie: Claus Withopf, 84 Minuten, FSK 0, Lumière

„Eine bretonische Liebe“

Abgesehen von seinen berufsbedingten Risiken als Bombenentschärfer verläuft das Leben des 45-jährigen Witwers Erwan ruhig und unspektakulär. Bis zu dem Tag, an dem durch die ungeplante Schwangerschaft seiner Tochter Juliette und einen Gentest ans Licht kommt, dass Erwans Vater Bastien nicht sein biologischer Vater ist. Während seine Tochter nichts vom Vater ihres ungeborenen Kindes wissen will, lässt Erwan die Frage nach seiner Herkunft keine Ruhe und so macht er sich auf die Suche. Dabei trifft er auf den aufgeschlossenen, 70-jährigen Joseph, der sein „echter“ Vater sein könnte. Etwa zeitgleich läuft ihm die Ärztin Anna über den Weg, und er verliebt sich prompt in die unbekannte Schöne. Doch zwischen Joseph und Anna besteht ebenfalls eine Verbindung.

„Eine bretonische Liebe“ – OmU und DF, Regie: Carine Tardieu, 100 Minuten, FSK 6, Lumière

Von Stefan Stosch und Martin Schwickert

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