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Regional Charlize Theron in „Tully“ als gestresste Mutter
Nachrichten Kultur Regional Charlize Theron in „Tully“ als gestresste Mutter
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16:16 29.05.2018
Tully (Mackenzie Davis, l.) und Marlo (Charlize Theron) Quelle: dpa
Göttingen

Die ersten Gratulanten stehen schon bei Marlo im Krankenhaus. Ihr Bruder Craig und dessen Frau herzen und küssen das Baby und zeigen sich so begeistert, wie man es gemeinhin tut, wenn neues Leben auf diesem Planeten entstanden ist. Mutter Marlo (Charlize Theron) liegt in ihrem Bett, und ihr Gesicht ist – tja, leer, gezeichnet von den Strapazen der Geburt. Vom Glück einer Mutter: keine Spur.

Könnte aber auch sein, dass Marlo schon ahnt, dass die nächsten Monate noch viel strapaziöser werden dürften mit nun drei Kindern, von denen der mittlere Sohn Jonah autistische Anwandlungen zeigt und sowieso schon ihre ganze Aufmerksamkeit beansprucht. Als ihr die so schrecklich perfekte Schwägerin das Baby wieder in den Arm drücken will, verweist Marlo auf die Wiege im Zimmer und saugt ungerührt weiter am Strohhalm ihres Drinks. Die paar Momente Ruhe im Krankenhaus gehören ihr.

Eher selten erzählt

Von natalen Depressionen wird (nicht nur) im familienseligen US-Kino eher selten erzählt. Wenn aber jemand Spaß daran haben könnte, den dunklen Seiten des Familienlebens nachzuspüren, dann Regisseur Jason Reitman und seine Drehbuchautorin Diablo Cody. Die beiden verfolgten schon in ihrer Independent-Sensation „Juno“ (2007) und später in der weniger erfolgreichen Komödie „Young Adult“ (2011) die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens, ohne über den Ernst der Lage ihren Humor zu verlieren. Das Duo versteht sich darauf, im Deprimierenden die komischen Aspekte zu sehen. Das ist auch in „Tully“ so.

Nun knöpfen sich die beiden eben Marlo in der Midlife-Crisis vor. Mit Anfang 40 wollte sie das dritte Kind gar nicht, ihren Job muss sie bis auf Weiteres sausen lassen, und sie hat das Gefühl, dass ihr schwerfälliger Körper nicht zu der Frau gehört, als die sie sich selbst kennt. Bald schon droht sie im ewigen Einerlei von Wickeln, Stillen, Kinderorganisation unterzugehen. Und gerade jetzt will die Direktorin auch noch Problemsohn Jonah wegen seiner akuten Schreianfälle von der Schule verbannen.

Keine große Hilfe

Marlos Mann Drew (Ron Livingston) ist keine große Hilfe. Entweder ist er mit seinem Rollköfferchen verschwunden zum nächsten Jobtermin (beim George-Clooney-Vielfliegerfilm „Up in the Air“ führte Reitman auch Regie), oder er verschanzt sich hinter dicken Kopfhörern und spielt Ballervideos, während seine Frau der permanente Schlafentzug an den Rand des Nervenzusammenbruchs und manchmal auch darüber hinaus bringt. Jederzeit könnte diese fragile Einheit namens Familie kollabieren.

Aber da ist ja noch das Angebot von Bruderherz Craig: Er hat Marlo eine „Night Nanny“ geschenkt, die nachts – natürlich bis aufs Stillen – alles übernehmen soll, was Mama Stress und Kummer bereitet. Am nächsten Morgen sei die Nanny – eine Art „Ninja“ im Dienst der Kinder, wie Craig sagt – wieder verschwunden. Bislang hat Marlo das Angebot entrüstet abgelehnt. Man muss sich doch selbst um die Liebsten kümmern und kann das Familienleben nicht einfach outsourcen, wie man es mit anderen Dienstleistungen tut! Hausputz und Kindererziehung seien schließlich nicht das Gleiche. Aber dann greift Marlo zum Telefon – und von nun an nimmt ihr Leben eine wundersame Wendung.

Mutmachende Besucherin

Allabendlich taucht Tully (Mackenzie Davis) auf. Mary Poppins ist nichts gegen diese mutmachende Besucherin, die immer genau den richtigen Ton trifft, die passende Hilfe anzubieten weiß und nebenbei auch noch Kekse backt. Tully erinnert Marlo allerdings auch daran, wie sie selbst einmal war – energiegeladen, furchtlos, zupackend. Dann brach der Alltag als Mutter über sie herein.

Ganz allmählich ahnt Marlo, dass da ein neuer Lebensabschnitt für sie begonnen haben könnte und der Blick zurück sie nicht unbedingt zufriedener macht. Jedenfalls kommt Marlo wieder zu Kräften – und weiß gar nicht mehr, wie sie ohne Tully klarkommen würde.

Dass da etwas faul sein könnte, ahnt man bald. Tully ist einfach eine zu perfekte Erscheinung. Tatsächlich halten der Regisseur und seine Drehbuchautorin eine Pointe parat, die weniger aus dem Komödien- als aus dem Horrorgenre zu stammen scheint. Aber das ist immerhin eine erfrischende Idee. Auch als Vater Drew endlich Verantwortung übernimmt, ist das nicht restlos überzeugend, dafür aber sympathisch: „We love us“, sagt er seiner Frau, als die Geschichte dann doch noch eine dramatische Wendung genommen hat.

Superbe Vorstellung

Aber egal, bis dahin erfreuen wir uns an der superben Vorstellung von Charlize Theron, die Lust hatte, ihr Starimage mal wieder zu konterkarieren – so wie bei ihrem Oscar-Film „Monster“ (2003), in dem sie eine männerkillende Serienmörderin spielte. Viele Kilos hat sich die Schauspielerin für ihren Mutterjob angefuttert, die sie hinterher nur mit größter Mühe wieder los wurde. Vermutlich werden wir sie jetzt auf ewig als desolat-depressive Mama in Erinnerung behalten, die nachts in einer verwüsteten Wohnküche hockt und aus ihren Brüsten Milch fürs Baby abzapft.

„Tully“, Regie: Jason Reitman, mit Charlize Theron und Mackenzie Davis, 96 Minuten, FSK 12, in Göttingen im Cinemaxx.

Schön bodenständig – Charlize Theron

Gefragt, wer sie inspiriere, antwortete Charlize Theron in einem Interview: „Das sind die, die nur ihr Leben leben, und die das auf eine anständige Art tun.“ Bodenständig ist die Südafrikanerin geblieben, nicht der Hollywoodstar, der sich umflattern lässt. „Das ist nicht mein Leben.“

Als Ballerina fing sie an. Ihre erste Filmrolle spielte die 1975 auf einer Farm in der ländlichen Gegend um Johannesburg geborene Theron in dem Horrorfilm „Kinder des Zorns 3 – Das Chicago Massaker“ (1995). Weltweite Aufmerksamkeit erlangte sie mit Taylor Hackfords weit subtilerem Gruselstück „Im Auftrag des Teufels“ (1997) an der Seite von Keanu Reeves und Al Pacino und mit „Mein großer Freund Joe“ (1998), einer King-Kong-Story in dezenter Familienfilm-Version. Weitere Erfolge waren die John-Irving-Verfilmung „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ (1999) von Lasse Hallström, Robert Redfords Golfspiel-Mysterydrama „Die Legende von Bagger Vance“ (2000) und das actionreiche Krimi-Remake von „The Italian Job“ (2003). Im Jahr 2003 kam auch der Film ins Kino, der ihr im Jahr darauf den Oscar einbrachte. In „Monster“ spielte sie die Serienmörderin Aileen Wuornos. Für diese ungewöhnliche Rolle legte sie 30 Pfund Gewicht zu. Zuletzt machte Theron in Actionfilmen wie der Endzeitsaga „Mad Max – Fury Road“ (2015), dem PS-Brummer „Fast & Furious 8“ und dem Agententhriller „Atomic Blonde“ (beide 2017) von sich reden. Von Letzterem wurde gerade eine Fortsetzung angekündigt, derzeit steht Theron in der Politkomödie „Flarsky“ von Jonathan Levine vor der Kamera.

Die Mutter zweier Adoptivkinder engagiert sich schon lange für den Tierschutz. Ihr berühmter Slogan für die Tierschutzorganisation Peta: „Wenn du deinen Hund nicht anziehen würdest, dann trag bitte gar keine Pelze.“ Big

Der letzte Ritt

Melancholie über Amerika: Der Western „Feinde“ erzählt vom kollektiven Trauma der Landeroberung

Von Stefan Stosch

Noch ist die Landschaft weit und majestätisch. Noch durchschneiden auch keine Zäune die Prärie. Und doch hat sich im Western „Feinde – Hostiles“ Melancholie über Amerika gelegt. Schwer gezeichnete Männer und Frauen sprechen von Krieg, Vertreibung und Leid. Dann peitschen wieder Schüsse und stimmen Indianer ihr Kriegsgeheul an. Die Bewohner dieses Landes töten weiter, als wären sie einem alles zermalmenden Schicksal willenlos ausgeliefert. So hoffnungslos wie Regisseur Scott Cooper hat bislang kaum jemand von der Eroberung des Westens erzählt. In seiner Hochzeit diente dieses Genre der Propagierung sogenannter amerikanischer Werte. John Wayne ritt hier im Namen der Zivilisation. Für Helden seines Schlags war nur ein toter Indianer ein guter Indianer – und im Zweifelsfall sah man in der „Rothaut“ einen Kommunisten mit Federn im Haar.

Von zerstörerischer Gewalt beim Aufbau der Nation erzählte 1992 dann Clint Eastwood in „Erbarmungslos“. Er schien dem Western den finalen Todesstoß zu versetzen – wäre da nicht zeitgleich Kevin Costner mit dem Ökowestern „Der mit dem Wolf tanzt“ auf den Plan getreten. Dafür wurde er mit sieben Oscars belohnt. Von nun an war vieles möglich im Wilden Westen. Heute feiert das schon vielfach totgesagte Genre beinahe im Jahresrhythmus Wiederauferstehung auch in überraschenden Varianten.

Nun gibt Cooper der Geschichte einen pessimistischen Dreh: Die Indianerkriege sind vorüber. Captain Joseph Blocker (Christian Bale) soll einen letzten Job erledigen und den an Krebs erkrankten Cheyenne-Häuptling Yellow Hawk (Wes Studi) zum Sterben in sein Stammesland nach Montana bringen. Blocker empfindet den letzten Ritt als Fluch. Er ist mit Yellow Hawk in früheren Kämpfen aneinandergeraten. Und nun soll er seinen Feind eskortieren? Unterwegs stößt die schwer traumatisierte Witwe Rosalie Quaid (Rosamund Pike) zu der Truppe.

Gute und böse Indianer

Regisseur und Drehbuchautor Scott Cooper („Crazy Heart“) bemüht sich um Differenzierung: Es gibt gute und böse Indianer und gute und böse Weiße. Vor allem aber nimmt Cooper dem Westen in seinem schnörkellosen Film alles Heldenhafte. Blocker weiß genau, dass er an einem Völkermord beteiligt war.

Der Ritt geht erwartungsgemäß voran: Die zusammengewürfelte Gruppe muss sich ihrer Haut gegen Angreifer verschiedener Couleur erwehren. Dabei kommt man sich ohne viele Worte näher. Gesten der Versöhnung in schönster Natur dämpfen den bitteren Grundton.

Im Kontrast dazu steht das Zitat des Briten (!) D. H. Lawrence, das Scott dem Film voranstellt: „Die amerikanische Seele ist in ihrer Essenz hart, isoliert, stoisch und mörderisch. Sie ist bisher noch niemals aufgetaut.“ Wie sie dann doch erweicht, sehen wir in „Feinde“. Doch diese Entwicklung scheint eher dem Wunschbild des Regisseurs zu entsprechen.

„Feinde – Hostiles“, mit Christian Bale, Wes Studi, Regie Scott Cooper, 134 Minuten, FSK 16, in Göttingen im Cinemaxx.

Quietschfideler Seniorenclub

Schrulliges aus England: Die Komödie „Tanz ins Leben“

Von Margret Köhler

Von romantischen Komödien mit „Oldies“ verstehen die Briten einiges – siehe die beiden „Best Exotic Marigold Hotel“-Filme. Eingecheckt in dem Hotel hatte auch Celia Imrie als Seniorin mit gescheiterten Ehen im Gepäck. Nun ist Imrie bei Richard Loncraines „Tanz ins Leben“ wieder dabei, allerdings als Single. Sie mimt Bif, die der Hippie-Ära hinterhertrauert und mit ihrem Kumpel Charlie (Timothy Spall) gern einen Joint durchzieht.

Ganz anders ihre Schwester Lady Sandra Abbott (Imelda Staunton, Oscar für „Vera Drake“), die auf einem Landsitz ihren Status genießt. Als sie ihren Mannes mit ihrer besten Freundin erwischt, steht sie vor Bifs Sozialwohnung im Londoner East End.

Charlie und Sandra beharken sich sofort – die besten Voraussetzungen für ein Happy End. Die Vorhersehbarkeit schadet nicht in diesem charmanten Film. Bald stößt Sandra zu Bifs quietschfidelem Seniorentanzclub. Lebenslust und Optimismus, Trauer und Tod liegen nahe beieinander, die ermunternde Botschaft lautet: Genieße den Tag!

„Tanz ins Leben“, Regie: Richard Loncraine, mit Imelda Staunton, Timothy Spall, Celia Imri, 111 Minuten, FSK 0, in Göttingen im Cinemaxx.

Und wen liebe ich heute?

Wie liebt man jemanden, der jeden Tag in einem anderen Körper steckt? Das ist die Frage, die sich in der Romanze „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ stellt.

Michael Sucsys Filmdrama nimmt uns mit in den von Liebeskummer bestimmten Alltag der 16-jährigen Rhiannon (Angourie Rice). Eines Tages tritt in ihr Leben eine mysteriöse Seele, die jeden Tag im Körper eines anderen erwacht. Rhiannon verliebt sich in diese wundersame Erscheinung. Aber wie hält man Kontakt zu jemandem, der jeden Morgen anders aussieht? Und reichen innere Werte aus für eine große Liebe? rnd

„Letztendlich sind wir dem Universum egal“, Regie: Michael Sucsy, mit Angourie Rice, 97 Minuten, FSK 6, in Göttingen im Cinemaxx.

Von Stefan Stosch, Margret Köhler

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