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11:39 05.12.2018
Alba August als junge Astrid in einer Szene des Films "Astrid". Quelle: dpa
Göttingen

Die Kinostarts der Woche im Überblick:

Viola Davis (l) als Veronica und Cynthia Erivo als Belle in einer Szene des Films „Widows - Tödliche Witwen“. Quelle: Twentieth Century Fox

„Widows – Gangsterinnen wie wir“

Der Brite Steve McQueen dreht einen Frauenfilm: In der Räubergeschichte „Widows“ (Kinostart am 6. Dezember) hat er eine alte Fernsehserie aus den Achtzigerjahren aktualisiert und legt dabei einen klaren Blick für Klassen-, Rassen- und Genderschranken an den Tag.

Doch, doch, Männer spielen auch mit in „Widows“. Sie haben aber vorrangig unrühmliche Rollen und sind alles andere als sympathische Gestalten. Männer in diesem Film hinterlassen eine blutige Spur von Gewalt und machen dabei weder vor Rollstuhlfahrern noch vor Trauernden Halt.

Männer gieren nach politischer Macht und kennen dabei weder Moral noch Loyalitäten. Und dann gibt es da noch einen, der als liebend-zärtlicher Ehemann beginnt und zunehmend als böser Geist durch diesen Gangsterfilm spukt. Genauer muss es heißen: durch diesen Gangsterinnenfilm.

Steve McQueens „Widows“ ist einer der interessantesten Frauenfilme

Allerdings: Der Regisseur von „Widows“ ist ein Mann, heißt Steve McQueen, ist Brite, zudem Künstler und Fotograf und keinesfalls zu verwechseln mit dem US-Schauspieler gleichen Namens, der einst in „Die glorreichen Sieben“ ritt und 1980 starb.

Mit seinem Oscar-Film „12 Years A Slave“ sorgte der britische McQueen vor fünf Jahren für Furore in Hollywood – und davor auch schon mit „Hunger“ (2008) über den hungerstreikenden IRA-Häftling Bobby Sands und mit „Shame“ (2011) über einen Sexsüchtigen, beide mit wahrlich gesundheitsgefährdendem Körpereinsatz von Michael Fassbender gespielt.

Mit „Widows“ hat McQueen nun einen der interessantesten Frauenfilme des Jahres gedreht – viel interessanter als der hohle „Ocean’s 8“-Verschnitt, in dem Frauen um Sandra Bullock einen Beutezug unternehmen und es damit den Herren der Schöpfung um George Clooney gleichtun wollen. Bei McQueen sind richtige Charaktere zu entdecken, die zwischen Trauer und Zorn ihr Leben neu definieren müssen und dabei über sich selbst hinauswachsen.

Veronica findet alte Aufzeichnungen zu einen geplanten Coup

Die Witwen sind die Hinterbliebenen einer Räuberbande, deren Männer bei einem gründlich verbockten Banküberfall im Kugelhagel der Polizei starben. Ihren Frauen haben sie einen Berg von Schulden hinterlassen. Den müssen jetzt die drei Witwen abtragen. Aber das können sie nicht. Ihre Existenz ist bedroht. Sie müssen sich dringend etwas einfallen lassen. Und das tun sie auch.

Elizabeth Debicki als Alice, Viola Davis als Veronica, Michelle Rodriguez als Linda und Cynthia Erivo als Belle (v. l.) in einer Szene des Films „Widows – Tödliche Witwen“. Quelle: Twentieth Century Fox

Im Zentrum: Veronica (Viola Davis), die wir tief versunken in ihrem Schmerz kennenlernen. Wenn sie morgens aufwacht, glaubt sie in ihrer Erinnerung noch, die liebkosende Hand ihres toten Gatten Harry (Liam Neeson) auf ihrer Haut zu spüren Wenig später aber schaut schon der überhebliche Gläubiger vorbei, um sich Veronicas schickes Penthouse in Chicago anzuschauen. Wenn alles nach Plan läuft, wird das wohl bald ihm gehören.

Aber da gibt es ja noch dieses abgegrabbelte Notizbuch, das Veronica in den Hinterlassenschaften ihres Mannes gefunden hat. Es enthält Aufzeichnungen zu einem geplanten Coup, der all ihre finanziellen Sorgen in Luft auflösen könnte. Diesen Überfall will Veronica nun durchziehen – zusammen mit den beiden anderen Witwen Alice (Elizabeth Debicki) und Linda (Michelle Rodriguez), die vor allem deshalb mitmachen, weil sie auch keine bessere Idee haben.

Die Heldinnen haben weder von Autos noch von Waffen Ahnung

Fehlt noch ein Fluchtwagenfahrer – Pardon: eine Fluchtwagenfahrerin. Die drei engagieren die Friseurin Belle (Cynthia Erivo). Jede darf hier verborgene Talente in sich entdecken – auch wenn es dabei schon mal zu harten, aber das gemeinsame Ziel nicht gefährdenden Konfrontationen zwischen den Frauen kommt. Machtgeplänkel ums Geplänkel willen, unter Männern keine Seltenheit, gibt es hier nicht.

Die vier müssen lernen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Allerdings haben sie weder von Autos noch von Waffen eine Ahnung, und auch ihre kriminelle Energie hält sich in Grenzen. Aber all das kann frau ja lernen. Gerade in Amerika: „Waffen sind die besten Freunde einer Frau“, verkünden hier schließlich schon kleine Mädchen auf einer Gewehrmesse. Bei Marilyn Monroe, also in einer Zeit, als Frauen bevorzugt als reine Sexsymbole auf der Leinwand auftauchten, hieß dieser Spruch noch irgendwie anders.

Der größte Pluspunkt der Frauen: Sie werden vom männlichen Geschlecht unterschätzt. Oder um es mit Veronicas süffisanten Worten zu sagen: „Niemand glaubt, dass wir die Eier haben, um das hier durchzuziehen.“

Steve McQueen aktualisiert eine Fernsehserie aus den 80er-Jahren

Dieser Fehleinschätzung unterliegen genauso korrupte Politiker (Colin Farrell) wie brutale Geldeintreiber (Daniel Kaluuya). Veronica und Co. sind jene Außenseiter, die keine Chance in einer von Zynismus durchsetzten patriarchalischen Gesellschaft haben und sich in ihrer Not entschließen, es trotzdem drauf ankommen zu lassen.

Der Regisseur McQueen hat eine alte Fernsehserie aus den Achtzigerjahren aktualisiert und legt dabei einen klaren Blick für Klassen-, Rassen- und Genderschranken an den Tag – und wie sich diese auch mal überwinden lassen. „Widows“ ist ganz klar ein Genrefilm und doch auch ein bisschen mehr als das. Frauen werden „Widows“ lieben. Und Männer haben garantiert auch ihren Spaß.

In Göttingen im Cinemaxx.

Alba August als Astrid mit Sohn im Wald in einer Szene des Films „Astrid“. Quelle: dCM

Astrid“ – Pippi Langstrumpfs Mutter

Wie das mit Astrid Lindgren war, bevor sie zur Mutter von Pippi Langstrumpf, den Kindern aus Bullerbü und Michel aus Lönneberga wurde: Alba August ist hinreißend in dem Biopic „Astrid“ (Kinostart am 6. Dezember) über die schwierige Jugend eines freiheitsliebenden Mädchens.

„Ich mach’ mir die Welt widdewidde wie sie mir gefällt...“, Generationen von Kindern kennen diesen Spruch von der rotzfrechen Pippi Langstrumpf. Ihrer Schöpferin Astrid Lindgren verhalf der sommersprossige Rotschopf zu internationalem Ruhm – ein mutiges und ungestümes Mädchen, das weiß, was es will.

Astrid“ ist mehr als das übliche Abhaken von Lebensstationen

Auch die berühmte schwedische Kinder- und Jugendbuchautorin („Ronja Räubertochter“, „Michel aus Lönneberga“, „Die Brüder Löwenherz“), setzte sich über alle Widerstände hinweg. Pernille Fischer Christensen erzählt von Astrid Lindgrens Jugend. Kein Biopic, das Stationen brav abhakt, sondern eine bewegende Geschichte über das Erwachsenwerden, Ausloten eigener Fähigkeiten, über die erste Liebe und ihre Folgen.

Und es geht natürlich auch ums Schreiben. Astrid (Alba August), die quirlige Tochter protestantischer Eltern wächst behütet in Südschweden auf. Eine heimelige Welt, die sie später in ihren „Bullerbü“-Büchern verarbeitet. Als 17-Jährige beginnt sie als Volontärin bei der lokalen Zeitung. Ihr Chef Blomberg (Henrik Rafaelsen) erkennt ihr Talent. Sie verliebt sich in den verheirateten Mann, der ihr Vater sein könnte.

Gebannt wird man Zeuge von Astrids Emanzipation

Mit 18 ist Astrid schwanger, ein Skandal auf dem Land in den 1920er-Jahren. Blomberg verspricht ihr die Heirat nach seiner Scheidung. Um keine Schande über ihre Eltern zu bringen, bricht sie nach Stockholm zur Sekretärinnenschule auf, bekommt in Kopenhagen heimlich ihren Sohn Lasse und übergibt ihn einer dänischen Pflegemutter. Marie (Trine Dyrholm) kümmert sich liebevoll um das Kind, das sie auch als Mutter betrachtet. Was der in Stockholm einsam in Armut lebenden Astrid fast das Herz zerreißt.

Die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren. Quelle: dpa

Gebannt wird man Zeuge einer Emanzipation: Wie sie den Heiratsantrag von Blomberg ablehnt und mit ihren Sohn später einen schmerzhaften Annäherungsprozess durchleidet. Wenn sie stolz mit ihrem Kind an der Hand ihre Familie besucht, bedeutet das auch den Sieg einer modernen jungen Frau über Spießbürgerlichkeit und Scheinheiligkeit.

Der Film zeichnet das Bild einer moraltriefenden Zeit

Konventionell aber charmant inszeniert, zeichnet diese Hommage nicht nur das Porträt einer außergewöhnlichen und faszinierenden Persönlichkeit und ihren Kampf für weibliche Selbstbestimmung, sondern auch das Bild einer moraltriefenden Zeit. Alba August ist die Seele dieses sich über rund fünf Jahre erstreckenden Schicksalbogens – ob als fröhliche Tochter aus gutem Hause, verliebte Heranwachsende, enttäuschte Geliebte, verzweifelte und am Ende glückliche Mutter.

Nur ganz kurz sieht man Astrid Lindgren im hohen Alter am Schreibtisch, während sie Briefe von Kindern liest und deren Zeichnungen betrachtet. Und ahnt, wie sehr sie mit ihrem Werk die Welt vieler Kinder veränderte. Pippi Langstrumpfs Maxime „Lass dich nicht unterkriegen, sei frech, wild und wunderbar“ ist immer noch aktuell.

In Göttingen im Lumière.

Von Stefan Stosch / Von Margret Köhler / RND

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