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Regional Gläubige, Mörder und Actionheldin
Nachrichten Kultur Regional Gläubige, Mörder und Actionheldin
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15:30 14.03.2018
Rooney Mara als Maria Magdalena und Joaquin Phoenix als Jesus von Nazareth in einer Szene des Films "Maria Magdalena". Quelle: Universal Pictures
Göttingen

Maria Magdalena“ – Eine tief gläubige Gefolgsfrau

Maria Magdalena hat in der Bibelauslegung der katholischen Kirche eine wendungsreiche Karriere absolviert. Galt sie im frühen Christentum noch als gleichberechtigte „Apostolin der Apostel“ wurde die einzige Jüngerin unter Papst Gregor dem Großen im siebten Jahrhundert zur prototypischen Büßerin stigmatisiert.

Rehabilitationsverfahren für Maria Magdalena

Das Bild der geläuterten Prostituierten hielt sich als sexistische Projektionsfläche hartnäckig in der christlichen Kultur und bildete das religiöse Fundament für ein Frauenbild, das bis heute polarisierend in „Heilige“ und „Huren“ unterteilt. Erst 2016 hat Papst Franziskus ein Rehabilitationsverfahren für Maria Magdalena eingeleitet und sie den männlichen Aposteln gleichgestellt.

Nun nimmt sich Hollywood auf der alljährlichen Suche nach einem Osterstoff der Angelegenheit an. Garth Davis’ „Maria Magdalena“ reist zurück ins Jahr 33 v. Chr., in dem sich die Titelheldin (Rooney Mara) in ihrem Dorf am See Genezareth dem familiären Vermählungsdruck entschieden entzieht. Da passt es gut, dass Jesus (Joaquin Phoenix) mit seinen Jüngern gerade in der Gegend ist. Der Prophet predigt nicht nur die Nähe zu Gott, sondern fordert auch persönliche wie gesellschaftliche Veränderung ein.

Spirituelle Nähe zwischen der Frau und dem Messias

„Sie wird unsere Gemeinschaft spalten“, sagt Petrus (Chiwetel Ejiofor) – und die männliche Gefolgschaft blickt eifersüchtig auf die rein spirituelle Nähe zwischen der Frau und ihrem Messias.

Maria Magdalena stellt die Kontakte zur weiblichen Fanbasis her. Wenn die Wäscherinnen von erlittenen Vergewaltigungen erzählen, zeigt der Film, dass „#MeToo“ vor 2000 Jahren auch schon ein Thema war. Dennoch schreckt Davis („Liin“) davor zurück, die Jüngerin zur emanzipatorischen Heldin zu stilisieren. Mit viel Augenkontakt und wenig Dialogmaterial zeichnet Rooney Mara ihre Figur als überzeugte, tief gläubige Gefolgsfrau.

Die Dialoge schrammen knapp am Bekehrungskitsch vorbei

Davis und sein Kameramann Greig Fraser („Rogue One“) verlegen die Heilsgeschichte in karge Landschaften und farbentsättigte Bildkompositionen, während die Dialoge von Helen Edmundson und Philippa Goslett im Kontrast dazu nur knapp am Bekehrungskitsch vorbei schrammeln. Letztlich ist dem Film das österliche Erbauungsbedürfnis seiner Zielgruppe wichtiger als die feministische Neubewertung.

Maria Magdalena“, Regie: Garth Davis, 130 Minuten, FSK 12, Cinemaxx Göttingen, Central-Lichtspiele Herzberg am Harz, Filmcenter Feilenfabrik Duderstadt

Kleider machen Mörder

Es war einmal ein armer Schuhmacher namens Wilhelm Voigt, der streifte sich eine Hauptmann-Uniform über, scharte ein Häuflein Soldaten um sich, besetzte das Rathaus von Köpenick bei Berlin und stibitzte die Stadtkasse. Potztausend! Das ganze deutsche Reich lachte 1906 über dieses wahr gewordene Märchen. Sogar der Kaiser war begeistert von dem „genialen Kerl“, wie er notiert haben soll.

Nur wenigen Zeitgenossen wurde damals mulmig zumute. Sie erkannten, dass die Köpenickiade nur durch deutschen Kadavergehorsam möglich war (und dieser Begriff war damals schon geläufig). Durch Carl Zuckmayers Theaterstück, erschienen 1931, und bald auch in vielen lustigen Filmen wurde der Schuhmacher Voigt berühmt. Heinz Rühmann setzte 1956 unter Helmut Käutners Regie sein lausbübischstes Lächeln in dieser Rolle auf.

Den lustigen Hauptmann von Köpenick sollte man schleunigst vergessen, wenn man sich Robert Schwentkes Film anschaut. Obwohl der Tatbestand ähnlich ist: Hier zieht ein Gefreiter, der im zivilen Leben ein Schornsteinfegerlehrling war, eine Hauptmann-Uniform an. Der Zweite Weltkrieg liegt in den letzten Zügen, Auflösungserscheinungen überall. Eben noch ist der Gefreite Willi Herold (Max Hubacher) – verdächtigt als Deserteur – von einer deutschen Patrouille wie ein Kaninchen durch den winterkalten Wald gejagt worden und hat sich keuchend in ein Versteck unter einer Baumwurzel geworfen. Kurz darauf findet der knapp Entkommene die Uniform, gespickt mit glitzernden Orden, auf der Rückbank eines verlassenen Militärfahrzeugs.

Der frierende junge Mann hat unsere ganze Sympathie, wenn er sich in den wärmenden Stoff hüllt – sogar dann noch, als er sich allein auf weiter Flur probeweise im harschen Befehlston übt. Dann kommt der versprengte Soldat Freytag (Milan Peschel) des Wegs und unterstellt sich ohne jede weitere Nachfrage dem vermeintlich Ranghöheren. Seltsam kühl lässt sich dieser das gefallen, nimmt wie selbstverständlich Platz im Wagen und lässt sich fortan von Freytag durch ein vom Krieg versehrtes und verrohtes Land kutschieren. Im Kinodrama „Der Hauptmann“ beginnt die Perversion einer Köpenickiade: Das bisherige Opfer Herold wird bald schon zum Massenmörder.

Auch diese Geschichte hat sich so oder so ähnlich abgespielt. Willi Herold wurde berühmt-berüchtigt als der „Henker vom Emsland“, der mit Gefolge inklusive Flakgeschütz durchs Land zog und sein eigenes mobiles „Standgericht“ schuf. Seine Befehle zum harten Durchgreifen habe er, so verkündet er hier mit bedeutsamen Blick, von „ganz oben“ bekommen. Das reicht zumeist, um bei seinem Gegenüber den Verstand abzuschalten.

Der deutsche Regisseur Robert Schwentke ist zurück aus Hollywood („Flightplan“, „Die Frau des Zeitreisenden“) und hat ein drastisches Drama über diesen Vorfall inszeniert, das mit irritierenden Verfremdungseffekten gespickt ist. Sein Film ist in kontrastreiches Schwarz-Weiß getaucht und wird dadurch noch bedrängender (Kamera: Florian Ballhaus, der Sohn von Michael Ballhaus). Gelegentlich klingen satirische Momente frei nach Tarantino an, wenn zwei Gefangene (Samuel Finzi und Wolfram Koch) beim Sketchabend um ihr Leben spielen oder über den korrekten bürokratischen Ablauf des Mordens gestritten wird.

Beinahe alle sehnen sich nach einem zupackendem Anführer – während der oberste „Führer“ in Berlin in seinem Bunker hockt und schon seinen Selbstmord plant. Immer mehr wächst der Trupp an (darunter Frederick Lau als besonders aggressiver Mordgeselle). Erst wird Herold notgedrungen zum Mörder, um seine Tarnung aufrechtzuerhalten und erschießt einen Deserteur. Dann testet er genüsslich aus, wie weit er gehen kann in seiner Maskerade. Nur ganz wenige melden Zweifel an (zum Beispiel Alexander Fehling als gleichrangiger Offizier). Im Emslandlager im Nordwesten Niedersachsens schließlich berauscht sich Willi Herold an seiner Macht und lässt Kriegsgefangene in großem Stil erschießen.

Im Widerspruch zu diesem Sadismus steht das rätselhafte Jungengesicht des Hauptdarstellers. Max Hubacher („Der Verdingbub“) wirkt nicht einmal dann wie eine Karikatur, wenn er sich unter seiner ordensgeschmückten Jacke in Unterhose zeigt. Kurz vor der deutschen Kapitulation wird Herold in einem bizarren Gerichtsprozess von einem deutschen Militärgericht freigesprochen.

Schwentke überzieht gelegentlich seine dramaturgischen Mittel, besonders im Abspann, wenn er plötzlich aus der Historie ausbricht und überraschend in unserer Gegenwart auftaucht, in der Herold mit seinem Standgericht durch eine Innenstadt düst. Was will uns der Regisseur mit dieser aufgesetzt wirkenden Aktualisierung sagen? Und doch bleibt dieser Film für den Zuschauer bis zum Ende so ungemütlich wie überraschend

Was im so oft konsenssüchtigen deutschen Kino ein echtes Qualitätsmerkmal ist.

„Der Hauptmann“, Regie: Robert Schwentke, 119 Minuten, FSK 16, Cinemaxx Göttingen

Das Leben ist kein Videospiel

Als weibliche Wiedergängerin von Indiana Jones eroberte Lara Croft 1994 den Videospielmarkt und behauptete sich in knapp zwei Dutzend Folgen von „Tomb Raider“ als Bestseller-Heldin. Auch ins Kino schaffte es die Kämpferin in hautenger Trikotage: 2001 und 2003 spielte Angelina Jolie die Videospielikone und leistete als beinharte Kampfamazone echte Pionierarbeit.

Aber das eher moderate Einspielergebnis bot Hollywood zu wenig Anreize, den Markt für Actionheldinnen tiefer auszuloten. Erst in den letzten Jahren scheint sich der Genremainstream mit Filmen wie „Wonder Woman“ und „Ghost in a Shell“ ernsthaft und vor allem auch kommerziell erfolgreich für weibliche Protagonistinnen zu öffnen.

Und so sah man auch bei Warner die Zeit gekommen für ein Reboot des „Tomb Raider“-Stoffes. Für die Neuauflage des Franchises wurde Alicia Vikander („Ex Machina“) unter Vertrag genommen. Laras Vater (Dominic West) ist vor sieben Jahren zu einer Mission nach Japan aufgebrochen und nicht mehr zurückgekehrt. Im familiären Landsitz entdeckt die Tochter einen versteckten Raum.

Daddys warnende Videobotschaft alle Unterlagen zu vernichten, ignoriert sie und macht sich auf nach Japan, wo der Vater auf der Suche nach dem Grab der Todesgöttin Himiko verschollen ist. Deren Exhumierung – so die Legende – werde großes Unheil über die Menschheit bringen. Der Plot erinnert stark an die Handlung des „Tomb Raider“-Videospiel-Reboots von 2013.

Die erste Hälfte von Roar Uthaugs „Tomb Raider“-Variation, die der Vorstellung der jungen Heldin in einem realistischen Gegenwarts-Setting dient, überzeugt durch solides Actionhandwerk. Alicia Vikander, die in ihren bisherigen Rollen die innere Stärke ihrer Figuren mit einem eher zarten Äußeren kontrastierte, zeigt physische Präsenz.

Selbst wenn Uthaug wie zur Beweissicherung seine Hauptdarstellerin ein paarmal zu oft mit einer Hand über dem Abgrund baumeln lässt, gibt Vikander ihrer Figur eine deutlich erdigere Note, als es ihre Vorgängerin Angelina Jolie vermochte. Aber Vikander wird bald zum einzigen Grund, der den Erwerb eines Kinotickets rechtfertigt. Ist die Story erst einmal auf der Spukinsel bruchgelandet, wird das kleine Einmaleins des Abenteuerfilms heruntergeleiert.

Da macht es keinen Unterschied, dass im Hinblick auf den asiatischen Markt der Sarkophag in einem japanischen Berglabyrinth eingelagert ist – der Weg dorthin wurde mit den Standardgefahren aus dem Handbuch für Mumienfilme versehen: herausschnellende Lanzen, einstürzende Fußböden, kryptische Rätselaufgaben, die in allerletzter Sekunde gelöst werden wollen.

Wer so viel Geld für Action und Digitaleffekte ausgibt, sollte vielleicht ein paar Dollar mehr für die Stoffentwicklung auf die Seite legen. Die unterkomplexe Handlungsführung verpufft genauso wie die angestrengte Vater-Tochter-Beziehungsdramatik.

„Tomb Raider“, Regie: Roar Uthaug, 118 Minuten, FSK 12, Cinemaxx Göttingen, Central Lichtspiele Herzberg am Harz

Waffen schaffen Geister

Der Titel „Winchester“ lässt an Western denken, der deutsche Untertitel „Das Haus der Verdammten“ lenkt das Augenmerk auf das tatsächliche Genre: Gruselfilm. Die Fabrikantenwitwe Sarah Winchester ließ ab 1884 ein Sieben-Etagen-Labyrinth für die Geister der von Winchester-Gewehren Getöteten errichten. Die Witwe gab’s wirklich, das Haus ist eine Touriattraktion.

Helen Mirren ist im Film der Spierig-Brüder („Jigsaw“) die Winchester-Witwe, Jason Clarke ein Psychiater, der im Auftrag der Firma bei ihr geistige Zerrüttung feststellen soll. Auf der Baustelle trifft Henry Marriott eine Frau, die den guten Geistern einen Ort der Genesung bieten will, die bösen – etwa einen Bürgerkriegscolonel – in Verwahrung nimmt. Auch der Psychiater sieht bald Gespenster.

Der Film trägt zwar klar die Botschaft: Waffen erschaffen Geister – drum weg mit ihnen (und eine Woche ins Winchester-Haus mit dem US-Präsidenten)! Aber im Fokus steht die Gruselei. Jemand anders hätte aus dem Stoff ein formidables Drama gemacht. Ein Statement gegen die Waffenlobby, die von keinem Massaker erschüttert werden kann.

Winchester – Das Haus der Verdammten“, Regie: The Spierig Brothers, 99 Minuten, FSK 16, Cinemaxx Göttingen

Menschen am Rand

Eine wahnsinnige Kraft strahlt die kleine Moonee aus. Mit ihrer alleinerziehenden und arbeitslosen Mutter Halley (Bria Vinaite), die selbst fast noch ein Kind ist, wohnt sie den Sommer über in einem billigen Motel in Florida. Mutter und Tochter leben am Existenzminimum und schlagen sich mit kleinen Gaunereien durch.

Dennoch ist für die Kleine die Welt ein Abenteuerspielplatz, den sie mit ihren Freunden Jancey und Scooty unsicher macht – mit Streichen, Betteleien und Schabernack, der manchmal gefährlich ist.

Aus der Perspektive Moonees beschreibt Regisseur und Autor Sean Baker in „The Florida Project“ zärtlich Menschen am Rand der Gesellschaft – so wie schon in seinen Independent-Erfolgen „Prince of Broadway“ und „Tangerine L. A.“. Der unglaubliche Optimismus und die Power Moonees sind ansteckend. Gespielt wird sie von der reizenden Brooklynn Prince. Mit von der Partie in einem Ensemble aus Laien und unbekannten Schauspielern ist Willem Dafoe, der den väterlichen Hausmeister der Motelanlage spielt und in dieser Rolle brilliert. eco

„The Florida Project“, Regie: Sean Baker, 111 Minuten, FSK 12, Cinemaxx Göttingen, Lumiere Göttingen

Giraffen im Ringkampf

„Unsere Erde“ brachte es 2008 auf 3,7 Millionen Zuschauer in Deutschland. Heute wollen die Naturfilmer von BBC Earth die Zahl noch toppen – wieder mit spektakulären Aufnahmen.

Zu Beginn Dramatik pur: Da versuchen frisch geschlüpfte Leguane einer Armada Nattern zu entkommen. Besonders beeindruckend: zwei Giraffenbullen, die sich mit Kopfstößen ausknocken. Geht es gen Ende zu den Kreaturen der Nacht, darf man sich gruseln.

Die Musik zu alldem erscheint arg aufdringlich. Zudem hätte der von Günther Jauch eingesprochene Kommentar mehr in die Tiefe gehen können. bra

„Unsere Erde 2“, Regie: Richard Dale, Peter Webber, Fan Lixin, 94 Minuten, FSK 0, Cinemaxx Göttingen

Von Martin Schwickert, Stefan Stosch und Matthias Halbig

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