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Regional Von Teenagern, Charakterköpfen und Kämpfernaturen
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14:02 18.04.2018
Saoirse Ronan als Christine „Lady Bird“ McPherson in dem Film "Lady Bird", der am Donnerstag in die Kinos kommt. Quelle: Universal Pictures Germany
Göttingen

Hommage an Mama

Es beginnt mit einem Moment der Eintracht: Gemeinsam hören Mutter und Tochter John Steinbecks „Früchte des Zorns“ im Auto. Schon manche Stunde müssen sie so Seite an Seite zugebracht haben auf gemeinsamen Fahrten. Als die letzten Romansätze der letzten Kassette abgespult sind, seufzen beide aus tiefstem Herzen und beinahe synchron. Man sollte sich diesen Augenblick in Greta Gerwigs feinfühligem Regiedebüt „Lady Bird“ gut merken, denn so viel Übereinstimmung zwischen Mutter und Tochter werden wir kaum wieder erleben.

Ein paar Sekunden später zoffen sich Mutter Marion (Laurie Metcalf) und Tochter Christine (Saoirse Ronan) tüchtig. Die Tochter möchte einfach nur weg aus Sacramento, dem „Mittleren Westen Kaliforniens“, wie sie verächtlich sagt. Sie will an die Ostküste, wo das intellektuelle Herz Amerikas schlägt. Die Mutter dagegen sieht Christines Zukunft eher in einem katholischen College im Westen – schon wegen der ausgesprochen übersichtlichen schulischen Leistung der Tochter und der noch übersichtlicheren familiären Haushaltskasse.

Christine vernimmt diese auf mütterliche Vernunft gründenden, leider aber mit jugendlichem Rebellentum kaum zu vereinbarenden Worte wohl nicht zum ersten Mal. Sie öffnet sekundenschnell die Tür und lässt sich aus dem rollenden Auto fallen. Mama schreit. Von nun an läuft die Tochter mit einem Gips (Aufschrift: „Fuck You Mom“) durch diese ganz normale Geschichte vom Erwachsenwerden, die dank Gerwig zu einem besonderen Kinoerlebnis wird.

Man kann gar nicht anders, als in der verpeilten 17-jährigen Protagonistin die Regisseurin Gerwig zu suchen. Die 34-jährige Gerwig ist ebenfalls in Sacramento aufgewachsen, ging ebenfalls auf eine katholische Mädchenschule, ihre Mutter ist ebenfalls Krankenschwester, und auch Gerwig lebt heute in New York. Christine muss etwa Gerwigs Generation entstammen. Das Regiedebüt „Lady Bird“ ist also irgendwie autobiografisch und dann auch wieder nicht. Oder wie Gerwig sagt: „Nichts von dem ist passiert, aber alles ist wahr.“

So fühlt es sich tatsächlich auch an, egal ob Christine mit ihrer besten Freundin Julie (Beanie Feldstein) abhängt und heimlich eine Packung Oblaten verputzt („Sind ja noch nicht geweiht“), erste enttäuschende sexuelle Erfahrungen mit dem ultracoolen Musiker Kyle (Timothée Chalamet, der so heftig Liebende aus „Call Me By Your Name“) hat oder sich mit Mama an ihrer Seite für den Abschlussball einkleidet. In knackigen eineinhalb Kinostunden wird Christines Seelenzustand zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt ausgeleuchtet. Wobei die zuletzt genannte Gemütslage überwiegt. Es ist nun mal eine komplizierte Angelegenheit, erwachsen zu werden. Denn leider fehlen naturgemäß alle Erfahrungswerte. So viele Möglichkeiten eröffnen sich am Horizont, und so viel nervige Wirklichkeit schiebt sich immer wieder vor die eigenen Träume. Das ist glatt zum Verzweifeln. Wäre es nicht so aufregend. Wobei wir schnell noch klarstellen müssen: Christine heißt gar nicht Christine, sie nennt sich Lady Bird. Sogar ihre Mutter akzeptiert diesen komischen Namen. Die hart arbeitende Krankenschwester Marion ist die zweite zentrale Figur in dieser für ein Regiedebüt erstaunlich weisen Komödie.

Szene aus "Lady Bird". Quelle: Universal Pictures

Die Mutter Marion bringt die Familie mit Doppelschichten über die Runden. Ihr Mann Larry (Tracy Letts) hat gerade seinen Job verloren. Mit unermüdlicher Penetranz – jedenfalls in den Ohren ihrer Tochter – ruft sie Lady Bird immer wieder zur Ordnung. Sie sei die Böse in der Familie, sagt die Mutter allen Ernstes. Ihr Mann ist der verständnisvolle Gute, der Konflikte nicht gut erträgt.

Die Träume ihrer Tochter bremst Marion geradezu brutal aus – oder jedenfalls versucht sie es, denn Lady Birds Überschwang ist jede noch so gut gemeinte Bedenkenträgerei nicht gewachsen. Mutter und Tochter seien nun mal beide „starke Persönlichkeiten“, sagt Vater Larry, der einen Konsens zwischen den beiden Betroffenen herbeizuführen versucht, der in diesem ungemein ehrlichen Film aber nicht so leicht zu haben ist. Vieles geschieht hier wie nebenbei und wird doch blitzschnell in seiner ganzen Bedeutsamkeit erkennbar. In wenigen Pinselstrichen sehen wir Lady Bird beim Flüggewerden zu. Nur das Ende malt die Regisseurin ein wenig zu vorhersehbar aus – und ist dann gar nicht mehr so weit entfernt vom Kitsch.

Star der Independent-Szene: Greta Gerwig

Ursprünglich wollte Greta Gerwig Tänzerin werden. Stattdessen verschlug es sie zum Film: Gerwig, 1983 im kalifornischen Sacramento geboren, gehört zu den prägenden Figuren der New Yorker „Mumblecore“-Szene - worunter kleine Independent-Produktionen zu verstehen sind, in denen junge Leute auf improvisierter Basis ihre Gefühlslage und ihre Beziehungen verhandeln. In diesen technisch oft suboptimalen Werken – „Mumble“ bezieht sich auf das Gemurmel auf der Tonspur – entdeckte sie Noah Baumbach und besetzte Gerwig erst in „Greenberg“ (2010), in „Frances Ha“ (2012) und „Mistress America“ (2015). Heute sind die beiden im wirklichen Leben ein Paar.

„Lady Bird“ ist Gerwigs erster komplett unter eigener Regie entstandener Spielfilm und hat ihr viel Ruhm eingebracht. Bei den Oscars war der Film gleich in fünf Kategorien nominiert, darunter in der Regie- und in der Drehbuch-Konkurrenz. Zuvor gewann Gerwig mit diesem Film den Golden Globe für die beste Komödie.

Lange zählte Gerwig zu den Verehrerinnen Woody Allens – und wurde wegen ihres Talents auch als dessen Nachfolgerin gehandelt. 2012 stand sie in „To Rome With Love“ für ihn vor der Kamera. Inzwischen hat sie bekannt, dass sie wegen der Missbrauchsvorwürfe gegen den Regisseur nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten wolle.

Andererseits erwärmen gerade diese Szenen dem Zuischauer das Herz: „Lady Bird“ ist im Kern und trotz all der Scharmützel unverkennbar eine Hommage an Mama. Das wird auch Lady Bird erkennen, sobald sie erst einmal die so lang ersehnte New Yorker Freiheit unter den Flügeln verspürt. Gut möglich, dass sie sich nun zu einer zögerlichen, mit sich selbst hadernden Frau entwickelt, die nach dem richtigen Weg in ihrem neuen Leben sucht – so eine, wie sie Greta Gerwig immer wieder gespielt hat. Wie gesagt: So leicht sind Kino und Leben hier nicht zu trennen.

Erst einmal aber ruft Lady Bird zu Hause an und spricht ein echtes Liebesbekenntnis – und zwar auf den Anrufbeantworter. Und wer noch mal nachfühlen möchte, wie schwierig es sein kann, erwachsen zu werden: Bitte in diesen glücklich machenden Film gehen!

„Lady Bird“, Regie: Greta Gerwig, 94 Minuten, FSK 0, Cinemaxx Göttingen

Der Sündenfall des Moralisten

In seinen 41 Dienstjahren hat Denzel Washington von „Philadelphia“ bis hin zu seiner eigenen Regiearbeit „Fences“ die verschiedensten Charaktere verkörpert. Gemeinsam war jedoch fast allen Figuren – egal auf welcher Seite des moralischen Spektrums sie sich befanden – ihr starkes Charisma.

Genau damit scheint Washington nun brechen zu wollen. Mit riesiger Brille, unförmigem Afro-Look, schlecht sitzendem Anzug, überdimensionierter Krawatte und einigen Kilos über dem Idealgewicht tritt er in Dan Gilroys „Roman J. Israel, Esq.“ vor die Kamera, deren neugierigen Blicken er stets auszuweichen scheint. 26 Jahre lang hat Roman als zweiter Mann in einer Anwaltskanzlei gearbeitet, die sich der Verteidigung der Bürgerrechte verschrieben hat.

Sein Chef trat vor Gericht auf, während Roman sich im Hinterzimmer in die Akten vergrub und die juristische Recherchearbeit leistete. Materiell hat es Roman zu nichts gebracht, aber er ist stolz darauf, dass er den Idealen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung treu geblieben ist. Das alte dreistöckige Mietshaus, in dem er lebt, ist umgeben von Baugruben, aus denen sich riesige Luxuswohnanlagen langsam in den Himmel hocharbeiten.

J. Israel, Esq. (Denzel Washington) in einer Szene des Films "Roman J. Israel, Esq.". Quelle: Sony Pictures Entertainment Deut

Genauso verloren und aus der Zeit gefallen wirkt auch Roman in dieser modernen Welt, die keine Werte mehr zu haben scheint. Als der Chef nach einem Herzschlag im Koma liegt und der gewiefte Anwalt George Pierce (Colin Farrell) die Abwicklung des finanziell angeschlagenen Unternehmens übernimmt, gerät Romans materielle und ideelle Existenz ins Wanken. Zum ersten Mal bricht er nicht nur seine eigenen moralischen Regeln, sondern auch das Gesetz, um sich eine Belohnung von 100 000 Dollar zur erschleichen – ein Fehltritt mit weitreichenden Folgen.

Wie schon in seinem beachtlichen Regiedebüt „Nightcrawler“ stellt Dan Gilroy auch in „Roman J. Israel, Esq.“ eine Charakterstudie ins Zentrum der Erzählung. Machte Jake Gyllenhaal als narzisstischer Kameramann ohne ethische Maßstäbe in der Medienbranche Karriere, ist dieser Roman J. Israel ein moralisches Relikt aus einer vergangenen Ära, das an der sozialen und juristischen Rücksichtslosigkeit der Gegenwart zu verzweifeln droht.

Washington spielt den politischen Überzeugungstäter in der Krise mit nervösen Ticks an der Grenze zum Autismus. Und Gilroy lässt keinen Raum für politische Nostalgie, sondern zeigt, wie sich Roman vom eigenen Sockel stürzt.

Mit seiner Selbstdekonstruktion versucht sich der Idealist der unidealistischen Umgebung anzupassen und scheitert tragisch. Diese interessante Antikatharsis steht jedoch leider auf sehr wackeligen dramaturgischen Beinen. Gilroy gelingt es nicht, sein Vorhaben in einem schlüssigen Plot voranzutreiben. Es ist – wieder einmal – Washington, der den Film auch ohne Charismaanstrengungen mit einer stimmigen Performance zusammenhält.

„Roman J. Israel, Esq.“, Regie: Dan Gilroy, 122 Minuten, FSK 6, Cinemaxx Göttingen

Hoffnung ist immer

Robin Cavendish (Andrew Garfield) galt als medizinisches Wunder: Der 28-jährige britische Tee-Einkäufer erkrankte 1958 in Afrika an Polio und war vom Hals an gelähmt. Die Ärzte gaben ihm nur noch wenige Monate. Dennoch ließ ihn seine Frau Diana (Claire Foy), mit der er ein kleines Kind hatte, nach England in eine Klinik transportieren.

Robin Cavendish (Andrew Garfield) und sein kleiner Sohn Jonathan in einer Szene des Films "Solange ich atme". Quelle: SquareOne/Universum

Robin schien verdammt zu sein, sein Restleben ans Bett gefesselt zu verbringen. Doch seine Frau gab nicht auf. Sie weckte neuen Lebensmut bei ihrem Mann und holte ihn gegen den Willen der Ärzte nach Hause. Langsam gewann er seine Selbstbestimmung zurück – nicht zuletzt mithilfe seiner Freunde, die einen damals revolutionären Rollstuhl entwickelten, in den ein Atemgerät integriert war.

Diese Geschichte erzählt Andy Serkis in seinem Regiedebüt „Solange ich atme“. Der Film des Gollum-Darstellers aus dem „Herr der Ringe“-Epos basiert auf der Biografie Robin Cavendishs, dessen Sohn Jonathan auch Produzent dieses Dramas ist. Entstanden ist eine einfühlsame Hommage an seine Eltern, der es allerdings an Distanz fehlt. Gleichwohl macht der Film Mut zum Leben.

„Solange ich atme“, Regie: Andy Serkis, 118 Minuten, FSK 12, Cinemaxx Göttingen

Von Stefan Stosch, Martin Schwickert und Ernst Corinth

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