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Klavier mit Glaskugeln, Tennisball und Computer

Neue Musik Klavier mit Glaskugeln, Tennisball und Computer

Avantgardistische Musik für Klavier hat weniger Fans als Beethoven. Doch was die 30-jährige finnische Pianistin Taru Kastari am Donnerstag ihrem kleinen Hörerkreis im Göttinger Goethe-Institut bot, war außergewöhnlich spannend und aufregend. Ähnlich haben Beethovens Zeitgenossen dessen wahrlich unerhörte Musik damals empfunden.

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Experimentelle Technik: Taru Kastari spielt „Splitting 16“ von Michael Maierhof.

Quelle: Schäfer

Ein scharf angeschlagener, dissonanter Zweiklang, aggressiv. Pause. Ein zweiter in tiefer Lage, nach einer weiteren Pause ein dritter. Nein, es sind keine Pausen: Mehr und mehr werden hier fein ausgetüftelte Nachklänge deutlich, Resonanzen, Töne, die nichts mit dem Klavier zu tun zu haben scheinen, aus dem sie erklingen.

Die „Nacht Klänge“ von Toshio Hosokawa, mit denen die finnische Pianistin Taru Kastari ihren Klavierabend im Göttinger Goethe-Institut eröffnet, sind geradezu magisch in ihrem akustischen Reiz. Dagegen wirkt ihr Landsmann Jouni Kaipainen in „Conte“ (Märchen) wie ein freundlicher, sehr irdischer Geschichtenerzähler. Ganz anders wiederum die Klavierstücke Morton Feldmans aus den 1980er Jahren: zarte, punktuelle Gebilde, die sich jeglicher Emotionalität sperren, aber Gefühle des Staunens angesichts ihrer fernen Kostbarkeit entstehen lassen. 

Neuer Kontrast: Virtuosität fast in romantischem Sinne, wenn auch mit modernen Klängen, entwickelt Magnus Lindberg in seinen spielfreudig-wirkungsvollen Etüden. Sehr experimentell sind die Techniken, mit denen Michael Maierhof und Johannes Kreidler den Klavierklang verfremden: mit Glaskugeln, einem Tennisball oder mit Computereinspielungen, die auf komplizierte Weise mit der (verkabelten) Pianistin synchronisiert sind.

Taru Kastari – ausgebildet in Helsinki und Hannover – bewältigt all dies in ganz klar strukturierter Präzision, mit einer staunenswerten Anschlagskultur, die innerhalb einer extrem weiten dynamischen Skala feinste Nuancen gestattet. Der lang anhaltende Beifall des begeisterten Publikums war hochverdient.

Neue Musik im Goethe-Institut Göttingen, Merkelstraße 4: Donnerstag, 14. Mai, 20 Uhr Konzert mit Olga Virezoub.

Michael Schäfer

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