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Komposition und Improvisation

"Reihe Historischer Musik" Komposition und Improvisation

Wie im Wettbewerbsreglement gefordert, wurde am Ende des zweiten Konzerts der „Göttinger Reihe Historischer Musik“ ein zeitgenössisches Werk geboten. Gleichwohl gab es barocke Musik zu hören, hatten die vier jungen Musiker des „Theatrum Affectuum“ doch ein viersätziges Werk ihres Cembalisten Thomas Leininger auf den Pulten liegen, geistreiche Musik, wenn auch nicht ohne Längen.

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Die Mitglieder des „Theatrum Affectuum“: Pierre-Augustin Lay, Thomas Leininger, Mechthild Karkow und Andreas Bühlen (von links).

Quelle: Vetter

Nachdem Leininger im Prelude gezeigt hatte, wie vertraut ihm barocke Phraseologie ist – hier wähnte man Telemann in der Melodieführung, dort Bach in der Fortspinnung von Motiven –, zeigte sich der zweite Satz als kluge Affektstudie über die Melancholie, die jedem Barockkomponisten zur Ehre gereicht hätte.

Hier scheint der Komponist zeigen zu wollen, dass Sehnsucht und Trauer auch Lebenszeit ausmachen dürfen und Leben bereichern können. Flöte und Geige klagten und seufzten in schönster Barockmanier, was vom Cello aufgegriffen, dann überführt wurde in ruhige, nach zaghafter Gewissheit klingende Musik, in der nicht aller Kummer aufgelöst, aber aufgehoben war. Dies wurde mit wohl balancierter Emphase gespielt von Pierre-Augustin Lay.
Zuvor hatte Leininger als Cembalist brilliert. Dazu gab ihm eine Arie aus der frühen Händel-Oper „Rinaldo“ Gelegenheit, in deren umfangreichen Zwischenspielen sich der von Eitelkeit nicht freie Händel als Virtuose präsentieren konnte. Leininger spielte in dieser Bearbeitung des Händel-Zeitgenossen William Babell rasante Arpeggien in souveräner Ruhe, mächtige und anhaltende Akkordpassagen mit subtilster Nuancierung.

Jungenhafter Charme

Und nicht zuletzt erwies sich Leininger als ein überaus achtsamer Begleiter, besonders im Zusammenspiel mit dem Cellisten in einer Händel-Chaconne, über die die jungen Musiker munter improvisierten. Man mag über viele und vieles in der Barockmusik verschiedener Meinung sein, kaum aber darüber, dass man sich, um das Mindeste zu sagen, den Namen des 28-jährigen Thomas Leininger merken sollte.

Die Geigerin Mechthild Karkow fiel mit ihrem „historischen“ Klangideal ein wenig aus dem Ensemble heraus. Dabei vermochte sie zur Spielfreude in der Chaconne doch erheblich beizutragen. Neben ihrer Geige hatte es die Blockflöte beim Händel zugeschriebenen, stilistisch indes sehr an Telemann gemahnenden Eingangsstück nicht leicht, sich als gleichberechtigtes Instrument ins Ensemblespiel einzubringen.

Der Flötist Andreas Böhlen wusste mit virtuosem Spiel zu gefallen. Mit jungenhaftem Charme führte er durch das Programm, das auch ein für Flöte bearbeitetes Orgelkonzert Händels bot, in dem er im zweiten Satz ein Feuerwerk ausgeklügelter Verzierungen zündete, im finalen Allegro einige Male raffiniert das Tempo herausnahm, so dass ungeheuer spannend wurde, was sonst eben nur so dahinbarockt.

Für das Verständnis und den Genuss instrumental dargebotener Arien und ihrer Affekte wären Hinweise zu den zugrunde liegenden Texten hilfreich gewesen. Doch das war das einzige, dass die jungen Musiker dem Publikum an diesem Abend schuldig geblieben sind. Ansonsten hatten sie die Ausstellungshalle des Mercedes-Benz-Centers zu einem Theater der Affekte verwandelt.

Im dritten und letzten Konzert der „Göttinger Reihe“ gastiert am Donnerstag, 14. Januar, das „Quartet New Generation“ im Göttinger Mercedes-Benz-Center, Willi-Eichler-Straße 34. Karten im Vorverkauf gibt es beim GT-Ticketservice, Jüdenstraße 13c in Göttingen.

Von Karl Friedrich Ulrichs

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