Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 1 ° wolkig

Navigation:
Konzentriert, spielfreudig und leidenschaftlich

Zeitgenössische Musik Konzentriert, spielfreudig und leidenschaftlich

In Gruppe rhythmisch klatschen oder neun Pferde galoppieren lassen, ein Drama aus den Klängen dreier Beckenpaare erwachsen lassen oder den Klangfarben von fünf Bläsern in einem einzigen Ton nachspüren: So etwas geschieht im konventionellen Konzertbetrieb kaum. Wohl aber in der zeitgenössischen Musik.

Voriger Artikel
Kunst Schlag auf Schlag
Nächster Artikel
Junge Römerin oder verwandelte Blume?

Hände als Instrumente: Die jugendlichen Musiker zelebrieren Steve Reichs rhythmische Tutti-Klatsch-Orgie.

Quelle: EF

Denn die Fantasie der Komponisten hat inzwischen viele Grenzen gesprengt, und ebenso sind auch die Musiker gefordert, Schranken zu überschreiten und sich neuen Klangerfahrungen zu stellen.

Das taten am Donnerstag in der Aula der Göttinger Universität 21 junge Musiker im Alter zwischen 16 und 19 Jahren, alle Preisträger des Wettbewerbs „Jugend musiziert“.

Sie hatten zehn Novembertage lang in der Landesmusikakademie Niedersachsen in Wolfenbüttel an einem Meisterkurs mit der Internationalen „Ensemble Modern“-Akademie teilgenommen, den die Stiftung „Jugend musiziert Niedersachsen“ als Anschlussfördermaßnahme des Bundeswettbewerbs „Jugend musiziert“ organisiert hat.

Aus dem in Wolfenbüttel erarbeiteten Repertoire hatten die jungen Musiker ein prickelnd abwechslungsreiches Programm zusammengestellt.

Es reichte von Klassikern der Moderne wie Anton Webern, Nikos Skalkottas und Kurt Weill über die Koryphäen vergangener Jahrzehnte – Francis Poulenc, Kazimierz Serocki, György Ligeti, Mauricio Kagel oder Steve Reich – bis zu Jüngeren wie Friedrich Goldmann, Ye Xiaogang, Guo Wenjing und Marcelo Perticone.

Mit zwei Werken stellten sich die Dozenten vom Ensemble Modern vor, mit Perticones 2012 komponiertem Stück „Autour des Illusions“ für Trompete solo, Schattentrompete und Ensemble und Friedrich Goldmanns 1992 entstandener Komposition „Fast erstarrte Unruhe … 2“.

Hier bewiesen die Musiker ihre enorme Kompetenz, ihr auch in schwierigsten Konstellationen immer entspannt-präzises Spiel auf faszinierende Weise.

Das ist nicht selbstverständlich, auch nicht bei professionellen Musikern. Aber dass sich die jugendlichen Musiker in diesem Umfeld mühelos behaupten konnten, mit den „Ensemble Modern“-Kollegen auf Augenhöhe agierten, ist denn doch erstaunlich.

Dass diese Heranwachsenden ja auch noch nebenbei zur Schule gehen, sich auf das Abitur vorbereiten und trotz all dieser Belastungen perfekte Leistungen erbringen, hochkonzentriert, spielfreudig und leidenschaftlich zugleich, das ist schon ein kleines Wunder.

So konnte sich das Publikum an den folkloristisch-fröhlichen griechischen Tänzen für Streichquartett von Skalkottas ebenso freuen wie an der faszinierenden Swinging Music von Serocki, die den Musikern ziemlich ungewöhnliche Spielweisen abverlangt.

Es konnte sich amüsieren über das antimilitaristische Engagement Mauricio Kagels in den „Märschen, um den Sieg zu verfehlen“, über die rhythmische Tutti-Klatsch-Orgie von Steve Reich oder die diamantene Reinheit des Konzerts op. 24 von Anton Webern, um wenigstens einige Beispiele aus dem umfangreichen und zugleich kurzweiligen Programm des Abends zu nennen.

Am Schluss gab es lang anhaltenden, lautstarken Applaus, der vergessen ließ, dass zu diesem Abend nicht sonderlich viele Musikfreunde den Weg gefunden hatten.

Von Michael Schäfer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag