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Kunst als Schmelztiegel der Kulturen

Kunstverein Göttingen Kunst als Schmelztiegel der Kulturen

Bis 1914 war Tsingtao eine deutsche Kolonie. Die Imperialisten der Jahrhundertwende wollten aus der chinesischen Hafenstadt am „gelben Meer“ einen wichtigen Handelsstützpunkt machen. Deutsche Architekten bauten Kirchen, einen Bahnhof, Residenzen und Verwaltungshäuser zwischen die traditionellen stiltypischen Häuser mit den gebogenen Dachsparren.

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Viele Bildebenen, viele Perspektiven: „Chimerika 6“, gemalt 2012 von Rao Fu.

Quelle: Heller

Mitten in dieser kulturell bipolaren Welt ist der Künstler Rao Fu aufgewachsen. Im Alten Rathaus Göttingen stellt er sein durch die eigene Biographie geprägtes malerisches Werk unter dem Titel „Chimerika“ aus. Wie ein Regisseur hat Fu die Szenarien seiner faszinierenden Bildwelten erschaffen. Die großformatigen Werke fungieren als Schmelztiegel der Kulturen. Doch die Antipoden konkurrieren nicht miteinander, manchmal kommunizieren sie nicht einmal, sondern existieren einfach nebeneinander her. Die Bildebenen und Perspektiven sind zahlreich, verschwimmen, sind zerrissen und reichen von großer Tiefe bis hin zu großer Nähe, die dennoch nicht greifbar wird.

Die Motive bleiben alle entrückt, bleiben Teil des imaginären Ortes an dem die Variable Distanz eliminiert ist und Osten und Westen ein Ganzes in Teilen bilden. China und Amerika als Versinnbildlichung größtmöglicher Fremdheit. Zwei Topoi, die kulminieren und zeigen, was eigentlich nicht sein kann und mit Realität nicht mehr viel gemein hat.

Im Vordergrund wachsen riesige exotische Pflanzen, ein Esel geht auf einem Weg, der sich durch die Ebenen zu einem Bergrücken im Hintergrund schlängelt. Figuren mit kegelförmigen Hüten stehen an einem Abgrund. Irgendwo mittendrin versteckt sich eine kleine Hütte. Feine und zarte Formen wechseln sich ab mit aggressiv aufgetragenen wilden Farbflächen, die die Anarchie des Gefüges verdeutlichen. Und in einem anderen Werk räkelt sich eine halbnackte Frau vor dieser Wunderlandschaft.

Besonders bei den kleinformatigen frühe n Werken hat Fu überwiegend Bitumen als Material verwendet. Das schwarz-braune zähflüssige „Erdpech“ ist eine Art löslicher Teer, den der Künstler in Kombination mit Pigmenten, Ölfarben und Wasser in unterschiedlicher Intensität – nach chinesischer Maltradition – mit dem Pinsel auf das Papier aufträgt. Durch den Einbezug von Techniken, Motiven und Materialien, die er beim Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden erlernte und verwendete, wird bereits der Schaffensprozess zu einer Chimäre. Besonders der maskenhafte Ausdruck des volksrepublikanischen Statussymbols, dem Panda, wird in den Kompositionen in Szene gesetzt. Das Spiel des Pandas mit einem kleinen Teddy zeigt jetzt eine Kommunikation der Supermächte, die sich oberflächlich doch ähneln können, aber dennoch grundverschieden bleiben.

Die von der Berlinerin Constanze von Marlin kuratierte Ausstellung des Göttinger Kunstvereins aber bietet noch viele weitere Motive und Facetten: Familienszenen, Objektstudien und Landschaftseindrücke, auch die deutsche Kanzlerin wird nicht geschont. Der Blick mit dem Rao Fu arbeitet ist ehrlich, aber Antworten sind von ihm nicht zu erwarten.

Die Ausstellung „Chimerika“ im Alten Rathaus, Markt 9 in Göttingen, ist noch bis zum 23. Dezember dienstags bis sonntags von  11 und 17 Uhr geöffnet.

Von Anna Kleimann

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